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Full text of "Briefe an eine Mutter. Teil II: Vor und nach den ersten Schuljahren [Wendepunktbücher Nr.10]"

DR. M£D. WILHELM STEK.€L 




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Teil IT: 

Vor' und mach den ersten Schuljahren 




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WENDEPUNKTBÜCHER 



Nr. 10 



Briefe an eine Mutter 



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1 eil 11: 

Vor und nach den ersten Schuljahren 



Von 

Dr. med. Wilhelm Stekel 



<1. —5. Tausend) 




ZÜRICH und LEIPZIG 

WENDEPUNKT- VERL AG 

1928 







Copyright by Wendepunkt- Verlag, Zürich und Leipzig 

Druck und Einband der FRITZSCHE-HAGER A.-G. 

in Leipzig— Berlin 

Printed in Germany 







INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Nr. 1. 

Nr. 2. 

Nr. 3. 

Nr. 4. 

Nr. 5. 

Nr. 6. 

Nr. 7. 
Nr. 8. 
Nr. 9. 
Nr. 10. 



DIE WENDEPUNKTBÜCHER: 

Früchtespeisen und Rohgemüse. 46. -71. Tausend 

Eine neue Ernährungslehre. 8. -15. Tausend 

Uie Wasseranwendungen in der häusl. Krankenpflege. 3.-5.Tausend 

Saughngsernahrung. 6. -10. Tausend <In Vorbereitung) 

n w V nc , M V? cr .\ Teil L L ~ 5 - Tausend 
Das Wendepunkt-Kochbuch. 7. -17. Tausend 

Ernahrungskrankheiten. 4.-10. Tausend 

Der Mensdienseele Not. 1.-2. Tausend 

Ungeahnte Wirkungen falscher u. richtiger Ernährung. l.-lO.Tausend 
Briefe an eine Mutter. Teil II. 1.— 5. Tausend. 

Vgl. Anzeigen auf Seite 145 ff. 



$s 



Dem Andenken meiner Mutter gewidmet, 
der ich alles verdanke, was ich geworden bin. 












- 



-. 



INHALTS-VERZEICHNIS 



Seite 
Geleitwort 9 

Der erste Brief: 

Das zweite Kind. — Extreme in der Problemstellung 
„Kind". — Der Mensch ist geboren, um glücklich zu 
sein. — Geburt in oder außer dem Hause? — Das 
Rivalitätsverhältnis zwischen den Kindern. — Blinzeln, 
Zittern und Sprachstörungen. — Der böse Blick, ein 
dummer Aberglaube. — Das Kind ist weder gut noch 
böse . . 11 

Der zweite Brief: 

Eifersucht gegen das Schwesterchen und seine Aus- 
wirkungen. — Eßstörungen. — Alleinlassen kleiner Ge- 
schwister. — Das Erwachen des Geschlechtstriebes. — 
Der Zerstörungstrieb. — Möglichst einfaches Spielzeug 21 

Der dritte Brief: 

Das Herausputzen der Kinder. — Barfußgehen. — 
Falsche Ernährung. — Der Affekthunger des Kindes. 

— Lachen und Jauchzen. — Blasse Kinder. — „Un- 
motiviertes" Weinen. — Kampf um die Liebe des Kindes. 

— Die Erziehung zur Wahrheit. — Schlafbedürfnis. 
Nachmittagsschlaf. — Das Evangelium der Liebe . . 31 

Der vierte Brief: 

Operationen. — Überflüssige Organe? — Ehrlichkeit 
gegen die Kinder. — „Harmloser" Betrug? — Ver- 
sprechungen müssen gehalten werden. — Die Spar- 
büchse. — Kindereindrücke sind bleibend. — Der 
Forschungstrieb. — Das Gerechtigkeitsgefühl des Kin- 
des. — Renommieren. — Erhöhen der Persönlichkeit 
durch fiktive Werte. — Die Notlüge vom Nasenbluten 42 

Der fünfte Brief: 

Die ersten Höschen. — Maßvolles Loben. — Selbstbe- 
wunderung. — Wutanfälle aus Eifersucht. — Ein- 
sperren und andere Strafen. — Gemeinschaftserziehung. 

— Nägelbeißen. — Kinder verstehen mehr, als wir uns 
vorstellen können 51 

Der sechste Brief: 

Erziehungsfehler. — Umwandlung von Angstvorstel- 
lungen in Lustvorstellungen. — Grausamkeit der Kinder. 
—„Bessere Vorbildung der Mütter und Erzieherinnen. 
— ' fDer Wissensdrang des Kindes. — Bestrafen und 
Tadeln vor Fremden. — Der erste Diebstahl. — Das Leben 
der Eltern ist der Anschauungsunterricht der Kinder 59 






Der siebente Brief: Seite 

Die Spiele der Kinder. — Kindergärten und Spiel- 
schulen. — Nachahmung der Großen. — Angstzustände 
und Zwangserscheinungen. — Die infantile Zwangs- 
krankheit. — Tierphobie. — Die Kinder und die Disso- 
nancen des Ehelebens. — Spottsucht der Iünder . . 69 

Der achte Brief: 

Der erste Schulweg. — Schulangst. — Eltern und Lehrer. 

— Unterricht vor Eintritt in die Schule? — Krank- 
hafter Ehrgeiz. — Beeinflussung durch Schulkameraden. 

— Die Großeltern. — Vertrauen und Verehrung zu 

den Eltern 80 

Der neunte Brief: 

Die Gefahren der Straße. — Aktivität der Kinder, eine 
Hoffnung für die Zukunft. — Gefährdung der Kinder 
durch pathologische Erwachsene. — Prügelstrafe in 
der Schule. — Im Zeichen der Schulreform. — Kinder 
lernen am leichtesten spielend.— Hausarbeit? — Eltern- 
abende 88 

Der zehnte Brief: 

Sehstörungen. — Hilfe der Eltern bei den Hausauf- 
gaben? — Überfüllung der Schulklassen. — Gefahren 
längerer Krankheiten. — Das Kind lernt für sich und 
nicht für seine Eltern 98 

Der elfte Brief: 

Bedauernswerte Kinder geschiedener Eltern. — Der 
Ablösungsprozeß der Kinder von ihren Eltern. — Die 
Frage der zweiten Heirat. — Die Tragik der Stief- 
mutter. — Das Martyrium des unehelichen Kindes. . 107 

Der zwölfte Brief: 

Grimassieren. — Das Ich im Mittelpunkt aller kind- 
lichen Betrachtungen. — Erziehung zum Gemeingefühl. 

— Mit Feuer spielen. — Abhängigkeit von stärkeren 
Kindern. — Getrennte Schlafzimmer der Brüder und 
Schwestern. — Musikunterricht. — Das Kind und die 
Politik 118 

Der dreizehnte Brief: 

Gleichgeschlechtlichkeit. — Selbstbefriedigung — Die 
Stellung des mittleren Kindes. — Neid. — Schuld- 
bewußtsein und Religion. — Der Aberglaube. — Dank- 
bare Kindesliebe 127 

Der vierzehnte Brief: 

Nochmals die Frage der Gleichgeschlechtlichkeit. — 
Eine Zuschrift: Das erschütternde Geschick eines un- 
ehelichen Kindes. — Strafe in der Schule und zugleich 
im Hause. — Kinderselbstmorde. — Das faule Kind. 

— Mehr Verständnis für das Seelenleben des Kindes I 136 




GELEITWORT 












Der große Erfolg des ersten Bändchens hat mir be- 
wiesen, daß die „Briefe an eine Mutter" einem wirklichem 
Bedürfnis entsprochen haben. Das Schlagwort von dem 
„Jahrhundert des Kindes" bedeutete den Anfang einer 
Bewegung, die das „Recht des Kindes" auf eine vernünftige 
Erziehung in Gegensatz zu altererbten Vorurteilen setzte. 
Diese Vorurteile zu bekämpfen, die Eltern und Lehrer 
aufzuklären, die Schäden einer falschen Erziehung darzu- 
stellen, war mein heißes Bemühen. 

Wie oft hört man von Eltern rühmend hervorheben, 
daß sie ihrem Kinde die beste Erziehung gegeben haben 
und nun sei es trotz ihres guten Willens nervös geworden ! 
Ein nervöses Kind ist der lebende Beweis, daß eben etwas 
an der Erziehung nicht richtig gewesen ist. Die Fehler 
werden nicht nur in den ersten Kinder jähren, sie werden 
auch später gemacht. 

Langjährige Erfahrungen auf dem Gebiete der Seelen- 
heilkunde haben mir das Recht gegeben, in dieser Frage 
ein entscheidendes Wort mitzureden. Mehr als ein bloßes 
Recht! Ich fühle die Verpflichtung, die Schlüsse aus 
meinen Erfahrungen zu ziehen und sie den Eltern in 
leichtverständlicher Form mitzuteilen. 

Ich habe daher den theoretischen Teil auf ein 
Mindestmaß beschränkt. Ich habe alle Philosophie links 
liegen lassen. Ich spreche zu den Müttern wie ein Lehrer 
zu seinen Schülern, der nur ihr Bestes will. Aus mir 

spricht die Liebe zu den Kindern l 

9 









10 



■ '■ 






Denn durch alle meine Bücher, durch all mein Wirken 
leitet mich meine innerste Überzeugung, daß nur die Liebe 
Unheil verhindern, Schwachen helfen und Kranke heilen 
kann. Nur müssen wir auch verstehen, was Liebe heißt. 
Etre compri, c'est etre aim6 . . . sagen die Franzosen. Liebe 
ist Verständnis und Verständnis ist Liebe. 

Ich hoffe, daß dieses Büchlein dazu beitragen wird, 
daß die Eltern ihre Kinder verstehen lernen. Das ist 
schwerer, als man es gemeiniglich glaubt. Denn wie sollen 
wir andere verstehen, wenn wir uns selbst nicht verstehen 
können? Auch über uns selbst, über unsere Vergangenheit 
und die Zukunft unserer Kinder soll uns dies Werk 
aufklären. 

Eine schwere Aufgabe! Wenn ich sie nur teilweise 
gelöst habe, so fühle ich mich reich belohnt. 

Ich gedenke, diese Arbeit fortzusetzen. Die nächste 
Folge von Briefen, die alle zuerst im „Wendepunkt" er- 
scheinen werden, will das entscheidende Zeitalter der 
Pubertät besprechen. 

Für jede Anregung aus dem Leserkreise bin ich un- 
endlich dankbar. loh denke, ein jeder Menschenfreund hat 
die Pflicht, an dem großen Werke mitzuarbeiten, an dem 
Werke des Wiederaufbaues einer glücklichen Menschheit. 

Wien-Salmansdorf, im April 1928. 

Der Verfasser. 






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1 








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■ 








Liebe Freundin! 





Sie sehen jetzt der Geburt eines zweiten Kindes ent- 
gegen. Ihr Knabe ist fast zwei Jahre alt. Sie wollen wissen, 
wie Sie sich zu benehmen haben. Sie möchten wieder die 
Fehler vermeiden, die so viele Eltern aus Unwissenheit be- 
gehen. Ist es nur Unwissenheit? Ist es nicht eine sonder- 
bare Erscheinung, daß die Menschen die Erfahrungen ihrer 
eigenen Jugend vergessen, daß sie ihr Kinderland nur ver- 
klärt vom rosigen Schimmer der Phantasie sehen und nicht 
der Bedrängnisse gedenken, die sie als Kind mitzumachen 
hatten? Es hat Jahrtausende gebraucht, ehe die Mensch- 
heit das Kind entdeckte. Freilich — jetzt ist das Kind die 
große Mode. Es soll uns Vorbild sein, etwas Heiliges, daran 
wir nicht rühren dürfen, wir könnten zu den Kindern in 
die Schule gehen usw. So lauten ja die Schlagworte, die in 
Büchern, Broschüren, Vorträgen, Gedichten, Romanen und 
Zeitungsartikeln in die breiten Massen geworfen werden. 

Es ist traurig, daß die Menschheit nur Extreme kennt. 
Der Pendel schwingt von dem äußersten Punkte (Vernach- 
lässigung des Kindes) links zu dem äußersten Punkte 
rechts: Überschätzung des Kindes. Schon dieses Über- 
springen von einem Extrem ins andere, dieses Spielen mit 
den Kontrasten in bezug auf das Problem Kind zeigt uns, 
daß wir irgendeine Wahrheit, die in der Mitte liegt, nicht 
sehen wollen. 

Im allgemeinen haben die Menschen — und leider auch 
die Ärzte — eine Scheu, Probleme zu sehen und zu über- 
denken. Es ist so bequem, sich mit festgefügten Anschau- 
ungen und Regeln zu umgeben, ein starres System der Welt- 
anschauung festzuhalten und sich dann in diesem Gehäuse 

11 






■ 



: 



so sicher vor der Gefahr des Überdenkenmüssens zu fühlen. 
Die meisten Eltern sehen das Kind so, wie sie es sehen 
möchten. Die Erfahrungen der eigenen Kindheit sind ver- 
drängt. Wer wollte sich gerne an Dinge erinnern, die pein- 
lich sind? So pflanzen sich die alten Erziehungsfehler 
von Generation zu Generation fort, und die Menschen wer- 
den immer unglücklicher. 

Schon diese Tatsache sollte uns zu denken geben! 
Warum gibt es so viele unglückliche, zerrissene, unzu- 
friedene, haltlose Menschen? Warum steigt die Zahl der 
Kinder- und Schülerselbstmorde von Jahr zu Jahr? Warum 
kämpft Mensch gegen Mensch, Nation gegen Nation, Rasse 
gegen Rasse, Beruf gegen Beruf? 

Nein! Es muß etwas falsch sein um unsere Erziehung. 
Der Mensch ist geboren, um glücklich zu sein. Und glück- 
liche Menschen kämpfen nicht gegen die Mitmenschen, 
sie sind nicht von Neid und Mißgunst zerfressen, sie 
gönnen dem anderen sein Glück. Warum sollten sie je- 
manden um das beneiden, was sie selbst besitzen? 

Nun — liebe Freundin! Lassen Sie mich zu unserem 
Thema zurückkehren. Sie haben mir mitgeteilt, daß Sie 
dem Knaben nichts vom Storch, der die Mutter ins Bein 
beißt, und nichts vom großen Teich erzählt haben, wo das 
langbeinige Tier das zu erwartende Kind holen wird. Er 
weiß, daß Sie das Kind unter Ihrem Herzen tragen und 
hat Sie auch oft gefragt: „Nicht wahr, Mama, hier unten, 
da wächst mein Schwesterchen?" (Er will durchaus ein 
Schwesterchen haben, wie der kleine Spielkamerad aus 
dem Nachbarhaus.) 

Trotzdem möchte ich Ihnen raten, die Geburt nicht zu 
Hause durchzumachen. Wir sind heutzutage in der glück- 
lichen Lage, jede Mutter in einem Entbindungsheim ent- 
sprechend ihren Verhältnissen unterzubringen. Ich halte es 
nicht für vernünftig, den Knaben aus dem Hause zu geben 
und ihn dann zurückzubringen, nachdem alles vorüber ist. 

12 



' 



Die wenigsten Eltern wissen, daß ein Kind die Ent- 
fernung aus dem Hause, die Trennung von seinen Eltern 
unter Umständen als eine Bestrafung wertet, um so mehr, 
wenn es dann nach Hause kommt und mittlerweile der 
Rivale seinen Platz eingenommen hat. Wenn Großeltern 
vorhanden sind, Tanten, andere Verwandte, zu denen das 
Kind gerne geht, so mag es noch angehen. In vielen Fällen 
konnte ich feststellen, daß ältere Kinder es ihren Eltern 
nie verziehen haben, daß sie vom Elternhause entfernt 
wurden. 

Ganz anders steht die Sachlage, wenn Sie mit dem 
Neugeborenen wieder in das Heim zurückkehren. 

Sollte aber die Geburt in Ihrem Hause vor sich gehen, 
so bleibt eben nichts anderes übrig, als den Knaben für 
einige Tage außer Haus zu geben. Ich habe als praktischer 
Arzt unglaubliche Erziehungsfehler gesehen. Die Kinder 
und der Mann waren im Nebenzimmer und hörten die 
Schmerzenslaute der Mutter. Die Hebamme trug eine 
blutige Schüssel an den Kindern vorbei. Oder der Arzt 
wurde im letzten Momente gerufen, alles war aufgeregt 
und verwirrt, und die armen Häslein standen scheu und 
neugierig in einer Ecke und horchten und sahen sogar zu. 
Auch der Ehemann leidet im Nebenzimmer, ohne helfen 
zu können. Darum wieder einmal! Es muß zur Regel 
werden, daß die Frauen im Entbindungsheim entbinden, 
wo immer ärztliche Hilfe vorhanden ist und alle hygieni- 
nischen Maßnahmen getroffen werden, so daß die Gefahren 
der Geburt auf ein Minimum reduziert werden. 

Und nun eine wichtige Regel, vielleicht die wichtigste 
von allen, die ich Ihnen bisher gegeben habe: 

Sie müssen vom Beginne der Geburt des 
Kindes darauf Rücksicht nehmen, daß kein 
Rivalitätsverhältnis zwischen den Kindern 

entsteht und das immer bestehende nicht ver- 
größert wird. 



13 






Leider wird folgender Erziehungsfehler gemacht: Das 
erste und einzige Kind ist Mittelpunkt der Aufmerksam- 
keit des ganzen Hauses. Dann kommt das Neugeborene, 
das so große Anforderungen an Aufmerksamkeit und 
Kinderpflege stellt. Das ältere Kind wird plötzlich vernach- 
lässigt. Niemand kümmert sich um seine Bedürfnisse. 
Immer heißt es: „Du bist der Ältere! Du bist schon groß! 
Du mußt jetzt allein spielen! Laß mich in Ruhe! Du 
weckst dein Brüderchen auf". . . 

Ich erwähne nur eine sehr charakteristische Episode 
aus meiner Nachbarschaft. Ein vierjähriges Mädchen be- 
kam ein Brüderchen. Die Kleine, die vorher sehr verwöhnt 
war, wurde nun scheinbar vernachlässigt. Sie sagte eines 
Tages zu ihrer Mutter: „Mutti, ich mag nicht mehr leben. 
Ich will in den Himmel. Du brauchst mich nicht mehr, du 
hast ja jetzt den Bubi". 

Der kleine Edi lief drei Monate nach der Geburt seines 
Schwesterchens ins Wasser und wollte sterben. Das Motiv 
war Eifersucht auf die kleine Rivalin. 

Ich habe auch Familien gesehen, in denen das Neu- 
geborene (aus Bequemlichkeit für die Mutter) das Schlaf- 
zimmer der Eltern teilte. Kam ein neues Kind, so wurde 
das Nächstältere aus dem Schlafzimmer, also aus der 
Nähe der Mutter, in ein anderes Zimmer verbannt, was 
diese Kinder immer als schwere Beeinträchtigung und 
Kränkung aufgefaßt haben. 

Sie müssen also nach Möglichkeit trachten, dem älteren 
Kinde Zeit zu widmen, es nicht fühlen zu lassen, daß es 
jetzt an zweite Stelle gerückt ist. Wenn Sie die ersten 
zwei Wochen in dem Entbindungsheim verbringen, so 
wird sich diese Aufgabe leichter bewerkstelligen lassen, als 
wenn Sie zu Hause hilflos im Bette liegen. 

Ich habe schon einmal betont, daß die älteren Kinder 
niemals bei der Pflege, Wartung und beim Stillen der Neu- 
geborenen anwesend sein sollen. Bei armen Leuten, bei 
denen sich alles in einer Stube abspielt, ist das leider sehr 












■• 









schwer möglich. Sonst sollten die Kinder beim Stillen und 
Baden der Neugeborenen, beim Umpacken und Reinigen 
hinausgeschickt werden. Sie sehen sehr gerne und inter- 
essiert zu — aber oft zeigen sich die Folgen dieses Zusehens. 

Man macht sehr häufig die Beobachtung, daß das vor- 
her artige ältere Kind schlimm zu werden beginnt, wenn 
der Rivale auf dem Platz erschienen ist. Kinder, die längst 
trocken waren, fangen an wieder bettzunässen, den Stuhl 
in den Kleidern zu verlieren. Sie werden trotzig, wild, 
widerspenstig. Sie trachten die Mutter auf jede mögliche 
Weise zu beschäftigen, so daß die Ärmste nicht weiß, wer 
sie mehr in Anspruch nimmt, der Kleinste oder der Kleine. 

Wiederholt habe ich beobachtet, daß in wohlhabenden 
Familien Kinderpflegerinnen kommen, die sichtlich das 
Neugeborene bevorzugen, das ältere Kind tadeln, es fort- 
während erziehen wollen, darauf hinweisen, wie brav das 
andere Kind ist. 

In der Erziehung soll alles vermieden wer- 
den, was Differenzgefühle zwischen den Kin- 
dern erzeugt 

Nie soll man ein Kind als musterhaft oder als ab- 
schreckendes Beispiel hervorheben, es auf Kosten eines 
anderen Kindes tadeln oder loben. Auch das Verweisen auf 
Nachbarskinder halte ich für schädlich. Solche unerreich- 
bare Vorbilder erzeugen im Kinde ein Gefühl der Minder- 
wertigkeit, das sich im späteren Leben als Hindernis in 
der Entwicklung der Fähigkeiten und im Lebenskampfe 
erweist. 

Sie sehen, daß Sie vor der schwersten Aufgabe Ihres 
Lebens stehen. Es wird Ihnen kaum gelingen, das Rivali- 
tätsverhältnis ganz auszuschalten. Das Kind wird sich 
immer die Frage vorlegen: Wen hat die Mutter oder wen 
hat der Vater lieber? 

Glaubt sich ein Kind vernachlässigt oder zurückgesetzt, 
so betritt es den gefährlichen Pfad der Trotzreaktionen. Die 
ersten Trotzreaktionen sind Vernachlässigungen der Rein- 



15 



lichkeitsvorschriften. Es wird nicht nur bettnässen und den 
Stuhl zurückhalten oder in die Kleider absetzen, es wird 
sich bei jeder Gelegenheit schmutzig machen, kurz, es 
wird alles das tun, was Sie ihm verboten und all das 
vernachlässigen, was Sie ihm anerzogen haben. 

Wie kommt man über diese Schwierigkeiten hinweg? 
Man muß dem Kinde immer wieder betonen, daß man 
keinen Unterschied zwischen den Kindern macht. Haben 
Sie den Kleinen vorher nicht verwöhnt, so lange er das 
einzige Kind war, so wird er später in Ihrem Benehmen 
keinen Unterschied merken. Leider ist in kinderreichen 
Familien das jüngste Kind immer der Liebling. Kein Kind 
erträgt die Entthronung von der Würde des Lieblings, d. h. 
des Benjamins, des Auserwählten zum gewöhnlichen Kinde. 
Wo es aber keinen Liebling gibt, wo alle Kinder Lieblinge 
sind, da kann das Gefühl der Zurücksetzung gar nicht 
auftreten. 

Glauben Sie nicht, daß ich übertreibe! In diesem Alter 
entscheidet sich das Schicksal des Kindes, in diesem Alter 
bilden sich die Formen, in denen später die Beziehungen 
von Eltern zum Kinde und umgekehrt erstarren. 

Sie schrieben mir auch, daß Ihr Kind vorübergehend 
zu blinzeln anfing. Wahrscheinlich hat das Kind etwas 
gesehen, was es nicht hätte sehen sollen. Solche Zwischen- 
fälle sind nicht zu vermeiden. Es gibt in jeder Familie 
unvorhergesehene Ereignisse, die das Kind zum Zeugen 
peinlicher Szenen machen, ohne daß es beabsichtigt wurde. 
Dies Blinzeln ist ein Kinderfehler, der sehr häufig ist und 
vorübergeht, wenn man ihn nicht beachtet. Die Mahnung-. 
„Du blinzelst schon wieder!", weckt den Trotz des Kindes. 
Oft tritt dies Blinzeln im späteren Alter auf und ver- 
schwindet wie es gekommen ist. 

Auch die leichten Zitter- und Wiegebewegungen des 
Kopfes haben nicht viel zu besagen. Viel ernster sind die 
verschiedenen Sprachstörungen, die die Mütter sehr besorgt 
machen: Leichtes Stottern, Lispeln, verwaschene Sprache. 



16 



Ich erinnere mich der Zeit, da ich praktischer Arzt war. 
Es kamen häufig Mütter zu mir und verlangten, ich solle 
das Zungenband lösen, damit das Kind leichter sprechen 
könne. Das ist purer Unsinn. Ich habe diese Operation, 
die von Nachbarinnen angeraten wurde, immer abgelehnt. 
(Auch das Ohrenstechen, das an den Mädchen im frühen 
Alter vollzogen wird, halte ich für einen Barbarismus — 
wie die Nasenringe der Neger.) . 

Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Hüten Sie sich 
vor Nachbarinnen, Tanten und weisen Frauen, die alles 
besser wissen und für jedes Übel eine Erklärung und ein 
Heilmittel bei der Hand haben. In zwei Diagnosen sind 
diese Frauen groß, ich nenne sie gleich beim Namen: Zahn 
krankheiten und verschlagene Winde. Ist das Kind blaß 
erregt, leicht fiebernd, so ist es eine Folge des Zahnens 
Der Durchbruch der Zähne scheint den Volksglauben un 
gemein zu beschäftigen. Ich habe Nachbarinnen gesehen 
die das Zahnfleisch mit verschiedenen Mitteln bearbeitet 
haben, damit die Zähne leichter durchbrechen können. Aber 
alle Stürme der alten und neuen Welt haben noch nicht 
so viel Unheil angerichtet, wie die berüchtigten „verschla- 
genen Winde". Bald wird das Bäuchlein mit Salben ein- 
gerieben, dann werden Abführmittel verordnet, Klistiere 
verabreicht — und der böse Wind will nicht heraus- 
kommen. 

Dann haben aber die Nachbarinnen eine neue Er- 
klärung: „Das Kind ist verschrieen worden, es hat einen 
bösen Blick erhalten." 

Sie fragen mich, was ich davon halte? Ich weiß, daß 
dieser dumme Aberglaube über die ganze Welt, sogar bei 
den höchsten Kulturvölkern verbreitet ist. Ich habe viele 
Kinder gesehen, die ein rotes Bändchen um den Arm oder 
ein rotes Korallenkettchen trugen, um gegen den bösen 
Blick geschützt zu sein. Ich hoffe, Sie sind klug genug, 
über derlei törichte Schutzmaßregeln zu lachen. Freilich, 
ich habe mit Erstaunen in der Praxis gelernt, daß wenige 



2 Stekel, Briefe an eine Mutter 



17 



Menschen vom Aberglauben frei sind. Wessen ist eine 
Mutter nicht fähig, die um ihr Kind zittert? Wenn's nichts 
nützt, so schadet es nichts! - denkt die Mutler - und 
zieht dem Kinde das rote Korallenkettchen an. 

Glauben Sie mir, wenn es einen bösen Blick gäbe und 
die Gedanken und Wünsche der Menschen töten könnten, 
die Welt würde heute ausgestorben sein . . . Aber hüten Sie 
sich davor, Ihr Kind zum Aberglauben zu erziehen. Ich 
habe viele Mütter beobachtet, die dreimal auf den Tisch 
geklopft oder ausgespuckt haben, wenn man das gute Aus- 
sehen ihres Kindes gelobt hat, aus Angst, man werde das 
Kind verschreien; - ich habe aber in meiner Erfahrung 
auch feststellen können, daß Kinder diese Unsitten imi- 
tieren und schon in der Jugend zum Aberglauben erzogen 
werden. 

Das Kind hat kein logisches Denken wie die Er- 
wachsenen. Sein Denken ist wie das der Primitiven prä- 
logisch, animistisch, mystisch. Es konstruiert Zusammen- 
hange zwischen dem Ich und den Ereignissen der Umwelt 
die real unrichtig sind, für das Kind aber richtig real sind! 
Es glaubt noch an die Allmacht der Gedanken und 
Wünsche. Und dieser Glaube kann die Wurzel eines 
Seelenleidens werden, das sich um ein tiefes Schuldgefühl 
kristallisiert. 

Ich sagte Ihnen schon, daß das Kind den Rivalen mit 
sehr gemischten Gefühlen erwartet. Es will das Einzige 
bleiben und die Liebe der Eltern nicht teilen. Es hört vom 
Tode sprechen. Es wünscht dann, daß der neue Rivale 
sterben sollte. Trifft es der Zufall, daß das Neugeborene 
stirbt, oder tritt so ein Fall später ein, so fühlt sich das 
Kind, das an die Allmacht seiner Gedanken glaubt, als 
der Mörder des Kindes. 

Sie werden erstaunt fragen, ob ein Kind von drei 
Jahren schon so schwere Konflikte durchmachen kann? 
Was wissen wir von der Seele des Kindes? 



18 






Liebe Freundin! Wir haben viel gelernt in den letzten 
Jahrzehnten. Wir glauben nicht mehr an die blütenreine 
Unschuld des Kindes. Pestalozzi, der große Pädagog 
und Menschenfreund, mag tausende Male wiederholen: Der 
Mensch ist gut geboren! Ich muß bei meiner Anschauung 
bleiben. Das Kind ist weder gut noch böse. Es steht jenseits 
der Moralwertung, die uns die Kultur gelehrt hat. Es hängt 
nur von uns ab, ob es gut oder böse wird. Das heißt, 
welche der Keime sich entwickeln, die guten oder die 
bösen. Der Mensch hat alles in sich: Gott, Verbrecher, 
Tier, Teufel. Vielleicht macht diese Mischung eben das' 
Menschliche aus. Im Kinde sind alle diese Kontraste vor-" 
handen, aber viel deutlicher als in den Erwachsenen. Sie 
vertragen sich noch sehr gut miteinander. Gott und der 
Teufel sind vielleicht gute Freunde. Daher kommt es, daß 
aus einem kleinen Teufel ein Gott und aus einem kleinen 
Gott ein Teufel werden kann. 

Aber sprechen Sie beileibe zu Ihrem Kinde nicht vom 
Teufel und vielleicht auch nicht zu früh von Gott. Malen 
Sie den Teufel nicht an die Wand und sprechen Sie den 
Namen Gottes nicht unnütz aus. 

In jedem Kinde befindet sich der Kern zu einem Ideal- 
Ich, zum Edelmenschen, das den künftigen Höhenweg 
wandeln soll. Dieses Ideal-Ich zu errichten, ohne das Kind 
mit Schuld zu belasten, das ist das Ziel einer guten Er- 
ziehung. Nicht das ewige „Du mußt!" — „Du sollst!" — 
„Du darfst nicht!" ... Nein und tausendmal Nein! Es muß 
heißen: „Du kannst! Du kannst, wenn du willst!" 

Du kannst auch dein künftiges Geschwisterchen lieben 
lernen, wenn du ein gutes Kind sein willst, wenn du bei 
Zeiten lernst, daß das große Geheimnis der Lebenskunst 
heißt: Mit anderen teilen können! 

Ach — so viele Brüder blicken voll Neid auf ihre 
Brüder, so viele Schwestern voll Neid auf ihre Schwestern! 
Vielleicht hat der andere mehr von des Lebens Glücks- 
gütern erhascht! Vielleicht liebt ihn der Vater mehr! 



19 



Vielleicht ... Häßlich sind Neid und Eifersucht, giftige 
Schlangen in dem Garten dieser Welt, der ein Paradies 
sein sollte. 

Erzieher, erkennet frühzeitig, wo der erste Neid sich 
regt und wo die erste Eifersucht ihre heimtückischen Wege 
schleicht! Zeiget dem Kinde, daß die Liebe reicher lohnt 
als der Haß! Zeiget es durch Euer Beispiel! Seid selber 
Edelmenschen oder versucht es zu sein und Euere Kinder 
werden Euer Andenken segnen . . . 

- 

Ihr getreuer Dr. W. St. 







































20 



II. 

Liebe Freundin! 

Nun stehen Sie vor einem Rätsel! Erst haben Sie 
geglaubt, daß meine Vorhersagungen über die Eifersucht 1 ) 
Ihres Knaben auf sein Geschwisterchen nicht eingetroffen 
sind. Ihr Knabe hat sein kleines Schwesterchen sehr 
freundlich begrüßt und gar keine Reaktionen verraten, die 
auf ein Rivalilätsverhältnis schließen ließen. Aber jetzt, da 
schon einige Monate verstrichen sind, merken Sie doch, 
daß das Benehmen des Kindes sich verändert hat. Er ist 
merkwürdig launisch geworden, weint oft über geringfügige 
Anlässe; er macht Ihnen viel zu schaffen. Sie merken 
schon, daß er es durchsetzen will, daß Sie sich mehr mit 
ihm beschäftigen. Auf dem letzten Spaziergange erklärte er 
plötzlich, daß er müde sei und verlangte, getragen zu 
werden. Vergebens haben Sie ihm erklärt, er sei ein großer 
Bub und müsse schon gehen. Nein! Er wolle getragen 
werden oder fahren wie sein Schwesterchen. Neulich 
haben Sie ihn zu Ihrem großen Erstaunen in der Wiege 
der Kleinen gefunden. Am meisten kränkt es Sie, daß er 
jetzt manchmal Schwierigkeiten beim Essen macht. Einige 
Male hat er seine Mahlzeiten erbrochen. Sie haben er- 
schrocken schon um den Arzt schicken wollen, da sich 
solche unangenehme Zwischenfälle früher nie ereignet 
haben. 

Sie haben sicherlich den Fehler gemacht, zu großes 
Gewicht auf das „Gut-Essen" des Kindes zu legen. Das 
Kind ist schlau und trifft Sie dort, wo Sie am leichtesten 
zu verwunden sind. 






1) Vgl. „Briefe an eine Mutter", Teil I, Brief XI, Seite 76 ff. 

21 



Ich muß Sie noch einmal mit den Eßstörungen der 
Kinder vertraut machen, die gewöhnlich auftreten, wenn 
sich die ersten Konflikte in der Kinderseele bemerkbar 
machen. Verfallen Sie nicht in den Fehler vieler Mütter, 
das Essen durch allerlei Kunstgriffe zu erzwingen. Es gibt 
Mütter, die ihren Kindern die interessantesten Geschichten 
während des Essens erzählen und dabei immer einen Löffel 
in den Mund stecken. Ist das Kind brav, so wird die Ge- 
schichte weiter erzählt. Andere Müller nützen Spiele aus. 
Die dritten drohen und belohnen. Sie waren erslaunt, als 
Ihr Söhnchen bedeutele, es wolle jetzt auch aus dem Brusti 
trinken wie Schwesterchen. Der kleine Bengel kam einmal 
unvermutet ins Zimmer, als Sie die Kleine stillten. Solche 
Zwischenfälle lassen sich nicht vermeiden. Nun will er 
es auch so angenehm haben wie seine Rivalin, die er als 
lästigen Eindringling betrachtet. 

Ich kenne Mütter, die bei solchen Gelegenheiten auch 
dem älteren Kinde zu trinken gaben, was ich für einen 
argen Fehler halte. Flaschenkinder können unter Um- 
ständen viele Jahre bei der Flasche bleiben oder zur 
Flasche zurückkehren, wenn das jüngere Kind seine Nah- 
rung aus der Flasche erhält. 

Gefehlt wäre es auch, durch allerlei gewürzte und 
reizende Speisen den Appetit des Kindes anregen zu 
wollen. 

Am besten tun Sie, wenn Sie sich um diese Trotz- 
reaktionen des Kindes nicht kümmern. Zeigen Sie ihm Ihre 
Liebe in der gewohnten Weise, versichern Sie ihm, daß 
Sie ihn genau so lieben wie vorher und sagen Sie ihm: 
„Du darfst essen, wenn Du Hunger hast, aber Du 
mußt ja nicht essen." 

Die anderen Trotzreaktionen der Kinder nach der Ge- 
burt eines Rivalen sind viel unangenehmer. Ich habe seiner- 
zeit als praktischer Arzt oft beobachtet, daß die älteren 
Kinder, die schon lange rein waren, nach der Ankunft 
eines neuen Kindes wieder unrein wurden. Ich habe im 

22 









letzten Jahre ein Dutzend solcher Fälle begutachten müssen. 
Die Zwei- oder Dreijährigen beobachteten die Pflege der 
Kleinen und begannen wieder ihr Bett zu nässen. Schläge 
und alle anderen Maßregeln fruchten da gar nichts, sind 
sogar schädlich. Liebevolle Aufklärung, Hinweise auf das 
Erwachsensein und auf die Vorzüge und Pflichten eines 
großen Kindes, Nicht-Beachten der Fehler, Auslachen, 
wirken viel besser. 

Unangenehm sind auch die Trotzreaktionen, die sich 
im Zurückhalten des Stuhles äußern. Sie haben ja selbst 
diese Dinge in den letzten Wochen mitgemacht. Das Kind 
weigert sich, auf sein Töpfchen zu gehen, es trägt den 
Stuhl zwei bis drei Tage herum und setzt ihn dann in 
die Kleider ab. 

Auch in diesem Falle ist große Geduld und Liebe nötig. 
Auch hier empfiehlt sich die Regel der Nicht-Beachtung. 
Machen Sie kein großes Aufheben mit diesen Kinderfehlern. 
Sie verschwinden, wie sie gekommen sind. 

Da Sie schon über das Rivalitätsverhältnis der Kinder 
belehrt sind, werden Sie gut daran tun, die Kinder nie 
allein ohne Aufsicht zu lassen. Es kommt viel häufiger vor, 
als Sie glauben, daß das ältere Kind das jüngere verletzt 
oder aus dem Wagen wirft. 

Der vierjährige Paul bleibt mit seinem Schwesterchen, 
das im Kinderwagen liegt, allein im Zimmer. Mutter muß 
etwas in der Nachbarschaft besorgen und bittet Paul, auf 
das Schwesterchen aufzupassen. Paul hat sein Schwester- 
chen immer sehr gut behandelt und angeblich gar keine 
Eifersucht gezeigt. Die Mutter kommt zurück und sieht, 
wie Paul das Schwesterchen mit seinen kleinen Fäustchen 
gehörig bearbeitet. „Was machst du denn da?" fragt die 
entrüstete Mutter. „Weißt du, Mami, die Erna war schlimm 
und hat geschrieen, da hab' ich ihr gesagt, sie soll ruhig 
sein, sie war nicht ruhig, da habe ich sie ordentlich 
geschlagen!" 



23 



Das Alleinlassen der Kinder hat auch andere Gefahren 
Die Kinder fangen instinktiv an, sich zu entkleiden und zu 
betasten. Auch Geschlechtsverkehr im Kleinkindalter ist 
keine Seltenheit, wenn man diese ersten kindlichen Ver- 
suche Verkehr nennen kann. Ich weiß es aber aus Er- 
fahrung, daß die älteren Kinder die jüngeren sehr gerne 
als Studienobjekte benützen, um ihre sexuelle Neugierde 
zu stillen. 

Ich sehe die Wirkung dieser Ideen voraus. Ich ahne 
schon, daß sich viele Mütter entrüsten werden, die ihr Kind 
gerne als unschuldsvollen Engel betrachten wollen. Was 
verlange ich anderes als Vorsicht und Nutzanwendimg der 
Beobachtungen, die wir seit vielen Jahren gemacht haben? 
Wir wollen eben Krankheiten und frühes Erwachen des 
Geschlechtstriebes verhüten, weil wir unsere Erfahrungen 
aus der Krankenstube für die Kinderstube verwerten 
wollen. 

Man könnte vielleicht glauben, daß die Kinder auf dem 
Lande nicht so „verderbt" sind (um den fürchterlichen 
Ausdruck zu gebrauchen), wie in der Stadt. Ich habe ganz 
andere Erfahrungen gemacht. Auch Dr. Grassei hat ähn- 
liche ^Beobachtungen wie die meinen über „Bäuerliche 
10 « «x m » Zeitsc *rift für Sexualwissenschaft" (1927 

12. Heft) mitgeteüt. Er sagt daselbst über die Bauernkinder: 

a„W D a S k&viduelle Geschlechtsleben oder das was den f;„ 
^•».«W' versicherten mir aHedfruber Befragten daß 

nLu^ l chler P* lt ™g d er häuslichen Ordnung ausübe. Zum 
SS^J 6121 ^ Entblößung der Geschwister beim Wickeln 
und Baden dem das ländliche Kind mit Vorliebe zuschaut Das 
Kind schlaft in diesen Jahren ausnahmslos im Schlafzimmer 
seiner Eltern oft im gleichen Bette. Im dritten, vierten Lebens- 
jähr beobachtet man öfters bei den ländlichen Kindern, und zwar 
unterschiedslos, ob sie den besitzenden oder nichtbesitzen- 

24 






den Klassen angehören, Versuche des Spieles ,Vater und Mutter*. 
Mein Bruder und ich standen auf einer Fuhre Getreide, um es 
abzuladen. Da zog die Dorfkinderschaft, Knaben und Mädchen, 
fröhlich singend an uns vorüber. Sofort machte mich mein 
bäuerlicher Bruder auf das kommende Schauspiel aufmerksam. 
Die Kinder verschwanden in den Wogen des Getreides und legten 
sich paarweise eng aneinander, ohne gegenseitige Deckung durch 
das Getreide. Als wir sie störten, kamen sie unbefangen wieder 
aus dem Getreide hervor und zogen gleich heiter, ohne jede 
Spur von Gewissensbissen, an uns vorüber. Meine sittliche Ent- 
rüstung dämpfte mein Bruder ab und wies darauf hin, daß 
sich das alles wieder verliere, wenn man nicht 
strafend einwirke und die Tat ins Gedächtnis ein- 
zwä nge." 

Man sieht, die einfachen Bäuerlein sind in ihrer Ur- 
wüchsigkeit klüger als die verfeinerten Städter. Was macht 
eine Mutter in der Stadt für ein Wesen, wenn sie ihr 
Töchterchen oder Söhnlein bei einem solchen verbotenen 
Spiel überrascht! 

Manche Leser könnten mir die Frage vorlegen, warum 
denn die Nervosität unter den Bauern weniger verbreitet 
sei, als unter den Städtern, wenn die Bauernkinder schon 
in früher Jugend „Vater und Mutter" spielen. Die Antwort 
gibt ihnen der obige Bauer. Die Bauern machen kein 
Wesens aus diesem Spiele, der Geschlechtstrieb ist auf dem 
Lande nicht das große Geheimnis und die große Sünde 
wie in der Stadt. Die urewigen Gesetze der Natur werden 
auf dem Lande tiefer gewertet als in der Stadt. Das zeigt 
auch die Ernährung der Bauern. 

Ich weiß es aus eigener Erfahrung und aus der Erfah- 
rung meiner Patienten, daß das Spiel „Vater und Mutter" 
oder „Haushalt" keineswegs harmlos ist und gewöhnlich 
so endet, wie im Leben der Erwachsenen . . . 

Aber gerade weil wir Städter andere Erziehungsformen 
haben, müssen die Kinder vor frühen Eindrücken bewahrt 
werden. 

Bei solchen Gelegenheiten treten oft die ersten Kinder- 
fehler, Blinzeln und Grimassieren auf. Auch in diesen 
Fällen ist die beste Methode, diese Fehler nicht zu be- 
achten und kein Wesens daraus zu machen. Die Tendenz 



25 



des älteren Kindes, sich immer wieder in den Mittelpunkt 
der Aufmerksamkeit zu stellen und die Beachtung der 
Eltern zu erzwingen, muß erkannt werden. Nur die genaue 
Kenntnis der Psyche des Kindes schützt die Eltern vor 
Täuschung. Man würde es nicht glauben, wie verschlagen 
Kinder sein können. Sie sind imstande, eine schwere 
Krankheit, ja selbst das Sterben zu simulieren. 

Wie stark die Geburt eines Rivalen auf eine Kinder- 
seele wirken kann, das zeigt der Fall des kleinen Pepi, den 
Dr. Klaus (kein böser Psychanalytiker, sondern ein prak- 
tischer Landarzt) in der „Wiener klinischen Wochenschrift" 
veröffentlicht hat. 

Klaus wird zu dem dreijährigen Peperl gerufen, der 
im Sterben liegt, 36 Stunden keinen Bissen zu sich ge- 
nommen hat, zuweilen Krämpfe produziert, umfällt, wenn 
er aufgehoben wird. 

Dr. Klaus erfährt ein merkwürdiges Zusammen- 
treffen. Vor zwei Jahren wäre ein Kind an demselben Tage 
geboren worden, an dem ein älteres starb. Das jetzt im 
Sterben liegende Peperl kam vom Spielen heim und hörte, 
daß die Mutter ein Kind geboren habe. Eine halbe Stunde 
später fiel er auf den Erdboden und begann gleichfalls zu 
sterben, wie seinerzeit sein Schwesterchen bei der Geburt 
eines neuen Kindes. Dr. Klaus fand die ganze Familie 
wehklagend um den Knaben herumstehen. Der kluge 
Kollege ließ sich nicht verblüffen, setzte den Knaben auf 
und schrie ihn an: „Stehen wirst Du!" Und siehe da! Das 
Kind springt auf, eilt mit dem Rufe „Vaterl" auf den Vater 
zu und weint eine Viertelstunde lang. Dann verlangt er 
Kaffee und Brot. Der erstaunte Bauer sagt zum Arzte: 
„Herr Doktor, Sie haben den Teufel aus dem Kinde gejagt!" 

Peperl hatte gehört, daß die Eltern gebetet hatten, er 
möge nicht sterben, weil einmal ein Kind bei der Geburt 
des zweiten gestorben war. Nun glaubte er, er werde 
sterben müssen. Hatte er Angst vor dem Sterben? Oder 
spielte er nur? Wir müssen bedenken, daß es sich um 

26 



einen schweren Seelenkonflikt handelt. Der Tod des älteren 
Kindes mag Peperl gefreut haben. Die Ankunft eines neuen 
Rivalen mag er verwünscht haben. Aber er fürchtete die 
Strafe Gottes für seine bösen Gedanken. Angst und Schuld- 
gefühl, auch das Bedürfnis, im Mittelpunkt der Aufmerk- 
samkeit zu stehen, der Wunsch, die Ellern für die An- 
kunft eines neuen Kindes zu strafen, mögen die Motive 
seines Scheintodes gewesen sein. 

Die Eltern haben unvorsichtigerweise vor dem Knaben 
über den Tod des Kindes und das merkwürdige Zusammen- 
treffen gesprochen und geglaubt, der kleine Peperl könne 
das nicht verstehen. Kinder verstehen aber sehr viel und 
können auch ausgezeichnet Krankheiten vorspielen. Nicht 
immer so großartig wie der kleine Peperl, der sich gleich 
ans Sterben macht, aber immerhin sehr geschickt und ver- 
schmitzt. 

Haben die Kinder einmal bemerkt, daß sie durch Kopf- 
schmerzen, Bauchschmerzen, Stuhlverstopfung, Krämpfe 
die Eltern beherrschen und beschäftigen können, so werden 
diese Mittel ausgespielt, um die Mutter immer wieder von 
der Pflege des Jüngeren abzulenken. Wie geht man in 
einem solchen Falle vor? Man spricht ganz offen mit 
dem Kinde wie mit einem Erwachsenen. Man erklärt ihm 
seine Motive, zeigt ihm, daß man es versteht, lächelt über 
seine Schauspielerei. 

In der Wahl der Krankheiten sind Kinder oft nur 
die Imitatoren dessen, was sie in der Familie beobachten 
konnten. 

Leidet die Mutter an Migräne, so kann das zweijährige 
Kind plötzlich über Kopfschmerzen klagen und verlangen, 
daß man ihm den Kopf einbindet, wie er es bei der Mutter 
beobachtet hat. Naive Eltern glauben dann, daß die Krank- 
heiten vererbt sind, während sie anerzogen wurden. Eine 
Dame die ich wegen nervöser Sehstörungen behandelte, 
kam eines Tages ganz verzweifelt und doch triumphierend 
zu mir: „Sie behaupten, daß meine Sehstörungen nervös 

27 



sind. Nun habe ich den absoluten Beweis, daß es sich um 
eine körperliche Krankheit handelt. Mein vierjähriges Töch- 
terchen klagt heute, daß sie kein Licht vertragen kann und 
nichts mehr deutlich sehe." (Die Patientin litt an Lichtscheu 
und vorübergehender Verdunklung aller Gegenstände). Ich 
belehrte die Dame, daß es sich um eine Nachäffung ihrer 
so oft vor dem Kinde vorgebrachten Beschwerden handelt 
sie solle dem Kinde sagen, daß sie an diese Krankheit 
nicht glaube und das Leiden nicht beachten. In zwei 
Tagen war die Lichtscheu und die ganze Störung behoben 
Sie klagen über die Zerstörungswut Ihres Buben Viel- 
leicht werden Sie darüber nicht verzweifelt sein, wenn Sie 
erfahren, daß sich auch der Forschungstrieb und die Neu- 
gierde des Kindes auf diese Weise äußern. Ihr Kind will 
wissen, wie alle Dinge innen aussehen. Manche Kinder 
suchen auch nach dem Mittelpunkt, nach dem großen Ge- 
heimnis, das allen Dingen innewohnt. Vergessen Sie nicht 
was ich Ihnen schon so oft in den früheren Briefen aus- 
geführt habe. Alle Kinder sind grausam und richten diese 
Grausamkeit gegen alle Gegenstände, an denen sie ihren 
Willen zur Macht ausleben können. Ihr Kleiner hat zwei 
Wochen nach der Ankunft seiner Schwester seinen Hampel- 

SESf*** geriSSeQ ' dGn Cr V ° rher S0 lei denschaftlich 
geliebt den er zu sich ins Bett genommen hat, weil er ohne 

ihn nicht einschlafen wollte. Auch an seinem Teddybären 
hat er sein Mütchen gekühlt und ihm ein Ohr ausgeben 
Vielleicht hat er auf diese Weise seinen Haß gegen d as 
Schwesterchen ausgelebt und umgewertet. ° 

Sie wissen nicht, welche bedeutende Rolle im Seelen 
leben der Menschen und der Kinder, das Gesetz der Um" 
Wertung der Energie spielt. In Wien haben wir im Prat* " 
die wohltätige Einrichtung eines „Watschenmannes" dZ 
man für einige Groschen eine Ohrfeige geben darf und de^ 
r JT t S ° nderen Leistun S * kräftiges Gebrumm aus- 
stoßt Sie können mir glauben, daß dieser Watschenmann 
viele Menschen vor kräftigen Ohrfeigen bewahrt hat. 



28 



Das Kind lernt früh seine Affekte verschieben und 
jede Mutter kann beobachten, wie Mädchen die Puppen 
verzärteln und unter Umständen auch schlagen, je nach- 
dem sie zu ihrer eigenen Mutter eingestellt sind. 

Wenn ich schon beim Spielzeug bin, kann ich nicht 
unterlassen, darauf aufmerksam zu machen, daß wir in 
der Wahl der Spielzeuge sehr vorsichtig sein sollen. Ich 
brauche nicht erst zu betonen, daß ich gegen die Unsitte 
bin, Kindern Zinnsoldaten oder Holzsoldaten zu schenken, 
kleine Festungen und Kanonen, so daß sie Krieg spielen 
können. Vollends zu verdammen sind Säbel, Flinten, Kinder- 
revolver, auch wenn sie aus Schokolade sind. Alles, was 
die grausame Phantasie unterstützt oder anregen kann, 
darf nicht in die Kinderstube kommen. 

Das Spielzeug sei möglichst einfach. Man muß es der 
Phantasie des Kindes möglich machen, das Spielzeug zu 
beleben und in Gedanken auzuschmücken. Man kann die 
Beobachtung machen, daß arme Kinder mit einem Stück- 
chen Holz die gleiche Freude erleben, wie die reichen mit 
einer luxuriös ausgestatteten Puppe. Vielleicht reizen diese 
einfachen Dinge weniger zum Zerstören, als die kompli- 
zierten Mechanismen der sprechenden und allerlei Kunst- 
stücke ausführenden Puppen. 

Grundsätzlich darf das Kind für das Zerstören eines 
Spielzeuges oder das Zerreißen eines Bilderbuches nicht 
bestraft werden. Die Strafe besteht darin, daß dem Kinde 
längere Zeit kein neues Spielzeug gekauft wird, so daß es 
den Verlust des alten bedauert und auf diese Weise lernt, 
daß es sich selbst um eine dauernde Freude gebracht hat. 

Die Zerstörung des Spielzeuges gibt den Erziehern 
reichlich Gelegenheit, ihre pädagogische Kunst zu beweisen. 
Schon in früher Jugendzeit muß die angeborene Grausam- 
keit der Kinder bekämpft und der Zerstörungstrieb in sein 
Gegenstück, in den Schaffens- oder Schöpfungsdrang ver- 
wandelt werden. Eine Großmutter brachte einem Kinde, 
das alle Spielzeuge systematisch zerstörte und immer nach 

29 



dem Mittelpunkt (!) suchte, einen kleinen künstlichen Vogel' 
und versprach, jedesmal ein anderes Tier zu bringen, wenn 
der Kleine seine Spielsachen nicht zerstören würde. Schon 
das nächste Mal führte er sie triumphierend zu seinem 
Spielkasten und sagte: „Siehst du, Großmama, es ist alles 
beieinander!" 

Ich habe oft bemerkt, daß den Kindern kleine lebende 
Hunde oder Kätzchen zum Spielen gegeben werden. Die 
Kinder quälen diese Tiere und lassen sie ihre Macht fühlen. 
Dieser Tage konnte ich beobachten, wie ein siebenjähriger 
Knabe eine weiße Tanzmaus zum Spielen geschenkt bekam, 
die in zwei Tagen zu Tode gespielt wurde. 

Über diese Grausamkeit der Kinder, die sie ja gar 
nicht als Grausamkeit werten, weil sie Gut und Böse nicht 
auseinanderhalten können, werde ich noch ausführlich zu 
sprechen haben. 

Heute möchte ich nur an alle Eltern nochmals den 
Appell richten, das Soldatenspiel gänzlich aus der Kinder- 
stube zu eliminieren. Die Anregung der Kinder geschieht 
viel schöner durch Baukästen, zusammenstellbare Spiel- 
zeuge, zusammenlegbare Bilder, durch Tonkneten und 
kleine Fröbelarbeiten, wobei das Kind lernt, daß Schaffen 
viel mehr Freude macht als Zerstören. Soll eine neue 
friedfertige Menschheit aufgebaut werden, so muß der 
Samen in die Herzen der Kinder gelegt werden. Eltern und 
Erzieher, vergesset nicht, daß die Zukunft der Menschheit 
in Eure Hände gegeben ist! Pflanzt das Evangelium der 
Liebe in die kleinen Herzen und lehrt sie immer wieder 
wie man Haß, Neid, Mißgunst und Eifersucht überwindet! 
Das ist der Anfang und das Ende einer jeden Erziehungs- 
kunst. 

Ihr getreuer 

Dr. W. St. 






30 



- 



III. 

Liebe Freundin! 

Sie taten sehr gut daran, Ihrem Knaben einige Spiel- 
kameraden zu verschaffen, so daß die Kinder unter Auf- 
sicht einer klugen Kinderfrau nach Herzenslust spielen 
können. Ich habe Sie schon in früheren Briefen auf die 
Gefahren aufmerksam gemacht, die den Kindern drohen, 
wenn sie sich immer nur in der Gesellschaft von Er- 
wachsenen befinden. Kinder brauchen Kinder! Dieser 
Satz scheint selbstverständlich und wird doch so selten 
befolgt. Viele Eltern haben Angst, die Kinder könnten ver- 
dorben werden, sie fürchten Infektionen, schlechten Ein- 
fluß usw. Mit Angst kann man kein Kind erziehen! Ängst- 
liche Mütter werden nie gute Erzieherinnen sein. Kinder 
sollen sich sehr viel im Freien aufhalten, heruratummeln, 
sich schmutzig machen dürfen, Kleider zerreißen können, 
deshalb sind sie ja Kinder. Fällt das Kind, so lernt es aus 
den Schmerzen, das nächste Mal vorsichtiger zu sein. 

Ihr Knabe ist wild und temperamentvoll. Seien Sie 
darüber glücklich! Das Talent eines Kindes verrät sich in 
seinem Temperament. Wenn ich Ihnen verraten würde, 
was meine armen Eltern mit mir durchzumachen hatten! 
Meine Kinderstreiche sind berühmt gewesen und könnten 
ein ganzes Buch füllen. Mein Mütterchen war oft ver- 
zweifelt. Aber sie ließ mir viel Freiheit, ich erhielt zum 
Spielen alte Kleider, denen Raufen, Balgen, Klettern, im 
Sand Wühlen nicht viel anhaben konnte. Schon früh 
spielten wir „Räuber und Wächter" — und es ging ganz 
toll dabei zu. Sieht man die Kinder in den herrlichen 
städtischen Gärten in Wien, so nett und adrett gekleidet, 
von Erziehern behütet, sorgsam an der Hand geführt, pein- 



lieh rein, alles blink und blank, so muß man die armen 
Geschöpfe bedauern. Sie dürfen nicht wild sein! Wie oft 
hörte ich von reichen, in der Kindheit wohlbehületen Pa- 
tienten erzählen, daß sie in der Kindheit die Straßenlander 
um ihre Freiheit beneidet haben! 

Weshalb putzen denn die Mütter die Kinder so heraus, 
daß sie Modepüppchen gleichen? Doch nur, um ihrer 
eigenen Eitelkeit zu fröhnen und mit den schönen und 
wohlgepflegten Kindern zu renommieren. Kinder sollten 
möglichst einfache Kleidchen aus haltbarem Stoff erhalten, 
wie die jetzt schon eingeführten Spielhöschen für spielende 
Kinder. Warum schon so früh den Sinn für Modefirlefanz 
und grelle Farben entwickeln und die Eitelkeit des Kindes 
steigern?! Dann das ewige Ermahnen und Nörgeln: „Halte 
dich gerade!" „Wohin trittst du denn?" „Mach' dich nicht 
schmutzig!" „Schau dir deine neuen Schuhe an! Sie sind 
ganz kotig geworden!" (Wozu sind die Schuhe da, wenn 
sie nicht schmutzig werden dürfen?) „Was hast du denn 
für schmutzige Hände!" . . . 

Ach! Es ist eine Qual für einen kinderliebenden Men- 
schen, die Gouvernanten und Mütter im Stadtpark zu beob- 
achten. Manchmal findet sich eine mitleidige Seele, sam- 
melt die Kinder zu einem Reigen, sie singen dabei und 
lachen, tun ein wenig verschämt, weil sie sich beobachtet 
fühlen. Schon kann man die künftigen Menschen erkennen- 
die freche Kokette, die verschämte Naive, den Empfind- 
lichen, der gleich in Weinen ausbricht, weil er beim Reigen 
übergangen wurde, den Trotzigen, der nicht mittun will . . . 
Um wieviel schöner haben es die Kinder in den neuen 
Gemeindehäusern, wo die weniger Begüterten wohnen! 
Da gibt es große Spielplätze und im Sommer Plansch- 
becken, große Sandplätze. Da können die Kinder ihre 
Energien austoben, bis sie müde werden und mit erhitzten 
Wangen zur Mutter zurückkehren: „Ich habe Hunger, 
Mutti! So einen großen, großen Hunger. Bitte gib mir was 
zu essen!" ... Das reiche Kind sitzt wie ein verwöhnter 

32 



Prinz und läßt sich bitten und beloben, weil es einmal so 
gnädig ist, einen gehörigen Appetit zu zeigen. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich eine Lanze einlegen 
für das Barfußgehen der Kinder. Es ist eine Sünde, den 
schönen, wohlgeformten Kinderfuß schon frühzeitig in 
enge Schuhe einzupressen. Jedermann sollte den Fuß eines 
Neugeborenen genau betrachten und mit dem Fuße des 
Erwachsenen vergleichen, um festzustellen, welche gräß- 
liche Verstümmelung die Kultur an den Füßen vornimmt. 

Der Plattfuß nimmt unter den Kulturvölkern in er- 
schreckendem Maße zu. Er ist geradezu zu einer Volks- 
krankheit geworden. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß 
die Kinder auf dem Lande, die viel barfuß laufen, diese 
Krankheit fast gar nicht kennen. Der Fuß benötigt Luft, 
Licht, Sonne. Allerdings kommen noch andere Faktoren 
hinzu, die den Lesern des Wendepunkts nicht unbekannt 
sein werden. (Leider sind sie den meisten Ärzten unbe- 
kannt.) Die Kinder werden falsch ernährt. 1 ) Sie leiden an 
Mangel an Vitaminen und an Mangel an Kalk. Rachitis ist 
eine soziale Krankheit, die Folge mangelhafter, falscher Er- 
nährung und ungesunder hygienischer Verhältnisse. Der be- 
rüchtigte Lebertran, den rachitische Kinder trinken mußten 
und noch heute trinken, mag seine Wirkung aus seinem 
Reichtum an Vitaminen beziehen. Wie dem auch sei: Platt- 
fuß und Schweißfuß sind die natürlichen Folgen unserer 
unnatürlichen Lebensweise. Der Fuß muß Licht und Luft 
haben und Kinder sollen so lange als möglich barfuß gehen 
oder Sandalen tragen. Ich halte den Stiefel für eine schäd- 
liche Errungenschaft der Kultur und freue mich, daß der 
Halbschuh allmählich die ganze Welt erobert. (Auch der 
moderne Frauenschuh mit der Spange wäre ein großer 
Fortschritt, wenn ihn nicht der hohe Stöckel zu einem 
Marterinstrument gestalten würde.) 



l ) Vgl. Wendepunktbuch Nr. 4 „Säuglingsernährung" und 
Wendepunktbuch Nr. 9 „Ungeahnte Wirkungen falscher und rich- 
tiger Ernährung", sowie die übrigen Wendepunktbücher. 

33 

3 Stekel, Briefe an eine Mutter 



Meine Leser mögen diesen Ausflug in die Hygiene 
entschuldigen. Ich glaube aber, daß ein Kind mehr Lebens- 
freude fühlen wird, wenn man es — günstige Witterung vor- 
ausgesetzt - barfuß und möglichst unbekleidet in der 
freien Luft lümmeln läßt. (In den Wiener Erholungsheimen, 
die die Gemeinde Wien jetzt in großer Zahl an der Peri- 
pherie von Wien in würziger Waldluft errichtet hat, spielen 
die Kinder bei warmem Wetter die ganze Zeit im Freien 
und sind nur mit einer kurzen Schwimmhose bekleidet. 
Moralphilister mögen darüber die Nase rümpfen. Sicher 
ist es, daß ein gesünderes und lebensfroheres Geschlecht 
heranwachsen wird.) 

Wir brauchen große Kinderspielplätze in allen Gärten, 
wo die jüngeren Kinder ihre eigene Abteilung haben und 
sich austollen können. Diese Spiele stillen auch den Affekt- 
hunger der Kinder. Sie regen sie auf und an. Kinder be- 
nötigen diese Anregungen. Sie sind viel affektreicher als die 
Erwachsenen und zeigen auch einen größeren Affekthunger. 
Deshalb stürzen sie sich auf alle gruseligen Geschichten, 
deshalb können sie leichter in Wut geraten und leichter 
lief gekränkt sein. Man muß sich davor hüten, diese 
Neigung zur Affektivität zu steigern. Über die Gefahren 
von unglücklichen Ehen habe ich schon oft in diesen 
Briefen gesprochen. In solchen unglücklichen Ehen findet 
der Affekthunger eine schädliche Nahrung. Aber auch in 
glücklichen Ehen sollten die Eltern (und Erzieher) mit 
Affektausdrücken in Gegenwart der Kinder vorsichtiger 
umgehen. 

Die Kinder haben einen Affekt, den sie immer suchen 
den der Lebensfreude, der sich in Lachen und Jauchzen 
äußert. Es ist herrlich, dem Jauchzen eines Säuglings zu 
lauschen. Warum haben die meisten Menschen das be- 
freiende Jauchzen verlernt? Nur der Älpler kennt das 
„Juchezen", den erlösenden Jodler der Lebenslust. Auf den 
Bergen widerhallt es weit und breit und jeder ist froh 
wenn er das Jodeln vernimmt, es sei denn, daß er ein ab- 

34 



scheulicher oder unglücklicher Griesgram ist. Man stelle 
sich vor, daß ein Städter in der belebten Hauptstraße 
plötzlich jauchzen und jodeln würde! Die Leute würden 
ihn für verrückt erklären. Die gute Sitte verbietet den 
Ausbruch der starken Gefühle. Deshalb heißt es in den 
Romanen und Briefen „Er hätte vor Freude aufjubeln 
und alle Welt umarmen können." Er hätte! ... Warum 
hat er nicht? Weil die Kultur das Verbergen aller starken 
Gefühlsreaktionen verlangt. Sie gestattet dem Menschen 
das Weinen auf der Straße, wenn er allein ist, aber das 
Lachen, wenn man allein ist, gut als Symptom eines irren 
Geistes. („Er lachte geistesabwesend vor sich hin" . . .) 

Freuen wir uns, daß die Kinder noch das Recht haben 
zu jauchzen und zu lachen. Unsere Aufgabe ist es, ihnen 
recht viel Gelegenheit dazu zu geben. Sollte man glauben, 
daß es Kinder gibt, die nicht lächeln können? Leider ist 
dies der Fall. Diese Kinder sind früh unglücklich, haben 
keinen Hunger, keine Vitalität und sehen blaß, verfallen 
und frühzeitig gealtert aus. Früher haben sich die Kinder- 
ärzte um die seelischen Ursachen der Kinderkrankheiten 
nicht gekümmert. Jetzt zeigen sich große Fortschritte auf 

diesem Gebiete. 

Der Kinderarzt Prof. Hamburger hat ein ganzes Werk 
über die „Psychopathologie des Kindesalters" geschrieben 
und auch einzelne kleinere Arbeiten auf diesem Gebiete 
veröffentlicht. In einem Aufsatze „Das Seelische in der 
Kinderheilkunde", 1 ) spricht der erfahrene Kinderarzt über 
die blassen Kinder und bemerkt dazu: „Wenn Kinder 
blaß sind, so müssen wir nicht nur an Blutarmut denken, 
sondern auch an die Möglichkeit seelischer Schädigungen. 
Die Nadelstiche des täglichen Lebens auch in der Familie 
treffen besonders vagomobile 2 ) Kinder oft sehr stark. Eine 
fortwährend ungeduldige oder nörgelnde Mutter, ein 



i) Erschienen in der Münchener medizinischen Wochen- 
schrift 1927, Nr. 47. 

(• vagomobil = zu Störungen der Zirkulation neigend. 

3. 35 



strenger, niemals liebevoller, unfreundlicher Vater können 
solche Erscheinungen hervorrufen. Als etwas Besonderes 
möchte ich die seltenen Fälle erwähnen, wo Kinder im 
Alter von ein oder selbst zwei Jahren nicht lachen können. 
Sie haben es noch nicht gelernt und sind nun, wenn sie 
aus ihrer freudlosen, unfreundlichen, „seelenlosen" Um- 
gebung zu freundlichen Menschen kommen, ganz erstaunt 
daß man zu ihnen freundlich ist. Sie lernen dann lang- 
sam, gewöhnlich erst nach Wochen lachen. Ein Beweis, 
daß das Lachen gelernt und geübt werden muß." 

Liebe Freundin! Sie brauchen sich nicht mein- zu 
ängstigen, weil Ihr Kleiner jetzt so blaß geworden ist. Sie 
werden mir sicherlich bestätigen, daß er viel seltener lacht 
und oft unmotiviert weint. 

Das unmotivierte Weinen! Mütter und Väter, alle 
Erzieher sollten wissen, daß kein Kind ohne 
tiefere Motive weint! Ich habe oft beobachtet, daß 
Mütter unwirsch werden, weil die Kinder „ohne Grund" 
weinen und sogar die Kinder schlagen, wobei die Züch- 
tigung von den Worten begleitet wird: „Damit du wenig- 
stens weißt, warum du weinst". — Diese Mütter sollten 
sich in die Seele schämen und an ihre eigene Kindheit 
zurückdenken. Bedenken Sie eines: Ihr Kleiner leidet jetzt 
seine ersten Qualen der Eifersucht. Er fühlt sich zurück- 
gesetzt. Er ist an zweite Stelle gerückt Er ist nicht mehr 
der Einzige. Er wird dies bald überwinden und dann seine 
gute Farbe und sein altes Lachen wieder gewinnen, wenn 
Sie nicht in die Fehler der meisten Eltern verfallen das 
jüngste Kind zum erklärten Liebling zu erheben und das 
ältere zu entthronen. 

Sie mögen aus der klugen Bemerkung von Hamburger 
ersehen, welche wichtige Rolle die Lebensfreude im Leben 
des Kindes spielt. Wenn die Eltern froh und lebensfreudig 
sind, überträgt sich dieses Gefühl auf die Kleinen. Der 
griesgrämige Vater, der müde von der Arbeit nach Hause 
kommt, unzufrieden ist, das Essen kritisiert, an den Kindern 

3a 



i 



nörgelt, fragt, was sie angestellt haben, Strafen austeilt 
usw! . . . wird selten den Segen eines wohlgeratenen Kindes 
genießen. In glücklichen Familien ist das Nachhause- 
kommen des Vaters ein Fest, in unglücklichen ein angst- 
erfülltes, unangenehmes Ereignis. 

Man kann zwei böse Typen von kinderreichen Ehen 
unterscheiden, die beide den Enderfolg zeitigen, das Kind 
in Opposition zu einem Elternteil zu bringen. In der einen 
Ehe besorgt die Mutter die Strafen, Ermahnungen, Nörge- 
leien und bereitet dem Vater einen friedvollen Abend vor. 
Alles soll erledigt sein, bevor Vater heimkommt. Er ver- 
trägt keine Zwistigkeiten, er verträgt nicht Unfrieden, er 
verträgt nicht eine erregte Stimmung, er will seine Ruhe 
haben Im zweiten Falle erscheint der Vater des abends 
als der strenge Richter. Er ist der Popanz, mit dem Mutter 
droht. „Warte nur, bis der Vater heimkommt. Du wirst 
schon deine Strafe erhalten l" 

Beides ist falsch, denn es stellt das Kind vor das 
Problem: „Wen hast du lieber?" Es macht das Kind ein- 
seitig und parteiisch. 

Eltern sollen lernen, ihre Kinder zu verstehen und ohne 
Hilfe von Angstvorstellungen zu erziehen. Noch schlimmer 
ist es, wenn ein Elternteil die Strenge des anderen durch 
Mitleid und übergroße Zärtlichkeit wettmachen will. Der 
Kampf um die Liebe des Kindes wird zur größten Gefahr 
für das Kind. In dieser Hinsicht sind liebevolle Tanten, 
die zur engeren Familie gehören, zärtliche Kinderfräuleins, 
Anverwandte, ältere Dienstpersonen ein Schaden für das 
Kind. Das Kind sieht Unterschiede, lernt früh beurteilen, 
wer ihm mehr Freude gibt, und stellt sich leicht zu den 
Eltern mit Haß und Trotz ein. 

Dieser Trotz äußert sich oft darin, daß die Kinder 
aufhören, aufrichtig zu sein und daß sie viele Gefühle ver- 
schweigen, ja sogar zum Kunstgriff der Lüge ihre Zuflucht 
nehmen. 

37 



Nichts macht die Eltern so wild, als wenn sie ihre 
Kinder bei einer Lüge ertappen. Sie vergessen leicht, 
daß die Erziehung zur Wahrheit von ihnen aus- 
gehen muß. Nicht durch ihre Worte, aber durch ihr 
Benehmen. Ein Kind verzeiht nie, wenn man es belügt. 
Versprechungen müssen gehalten werden. Das Kind beob- 
achtet unheimlich scharf. Ertappt es die Eltern bei einer 
Lüge, so wird es sicherlich in kurzer Zeit darauf mit 
Lügen reagieren. Ein Kind hört, daß es immer die Wahr- 
heit sagen soll. Kurze Zeit darauf meldet das Mädchen 
eine Dame an. „Sagen Sie, daß ich nicht zu Hause bin." 
Das Kind ist erschüttert. Die Mutter ist doch zu Hause 
Warum lügt sie? Warum darf sie lügen? Oder die Mutter 
ist mit einer Dame, die auf Besuch ist, sehr freundlich und 
kritisiert sie nachher in Gegenwart des Kindes sehr scharf 
Das Kind wird dieses Benehmen der Mutter nie begreifen 
Warum lügt die Mutter? Warum ist die Mutter so freund- 
lich in Gegenwart der Dame und sagt, kaum daß sie die 
Türe verlassen hat: „Gott sei Dank, daß ich die ekelhafte 
Person losgeworden bin!" 

Die fünfjährige Eva hat ihre Mutter nie belogen. Eines 
Tages fragt sie die Mutter: „Wie unterscheidet man bei der 
Geburt Mädchen von Knaben?" Die Mutter antwortet: „Die 
Knaben kommen in Höschen, die Mädchen in Röckchen 
auf die Welt." Eva antwortete: „Gott, bin ich dumm' Daß 
ich an das nicht gedacht habe!" Zwei Stunden später belügt 
Evchen die Mutter zum ersten Male. Gegen das wieder- 
holte Verbot der Mutter verrichtete sie ein kleines Be- 
dürfnis im Garten und bestritt es mit besonderer Frechheit. 
Leider ist unser Leben auf Lüge und Verstellung auf- 
gebaut. Die gesellschaftlichen Konventionen zwingen zu 
lügnerischen Freundlichkeiten und zur Schauspielerei 
Eigentlich wäre eine Erziehung zur Lügenhaftigkeit sozial 
viel vorteilhafter. Es macht unserer Gesellschaft Ehre daß 
sie sich bestrebt, wenigstens die Kinder zu Wahrheits 
aposteln zu erziehen. Leider meinen es die Eltern nicht 

ß 



ideal, wie wir es hier darstellen. Die Eltern wollen nur, 
daß das Kind ihnen gegenüber aufrichtig ist. Sie be- 
streben sich, das Kind zu kennen, tun es aber mit un- 
tauglichen Mitteln. 

Nun zu einem anderen Thema! 

Ihr Sohn weigert sich jetzt, seinen Nachmittagsschlaf 
zu absolvieren und Sie sind darüber unglücklich. Sie 
fürchten, das Kind werde Schaden leiden. Ich finde es 
lächerlich, die kleinen Kinder zum Schlafen zu zwingen. 
Das besorgt schon das natürliche Schlafbedürfnis viel 
besser. Kinder, die viel mit den Erwachsenen beisammen 
sind, weigern sich oft am Abend schlafen zu gehen, wenn 
es gerade am schönsten ist. Papa macht Spaße, Mama 
spielt Klavier oder erzählt etwas von den Tagesereignissen. 
Es ist viel verlangt von den Kleinen, daß sie jetzt zu Bett 
gehen sollen. Dieser Erziehungsfehler, die Kinder immer 
um sich zu haben, sie den Gesprächen der Erwachsenen 
lauschen zu lassen, rächt sich bald durch den Widerstand, 
früh zu Bett zu gehen. Bleiben die Kinder in ihrer Stube, 
wo sie die Eltern besuchen, so wird es ihnen nicht ein- 
fallen, länger aufbleiben zu wollen. 

Den berühmten Nachmittagsschlaf halte ich für über- 
flüssig Viele dieser zum Nachmittagsschlaf gezwungenen 
Kinder schlafen einige Stunden des Nachmittags und wei- 
gern sich abends zu Bette zu gehen. Sie haben kern Schlaf- 
bedürfnis. Säuglinge haben ein großes Schlafbedürfnis, 
wenn sie vernünftig erzogen werden. Wird das Kind alter, 
so nimmt das Schlafbedürfnis allmählich ab. Das berück- 
sichtigen die Mütter nicht. Kinder, die sich müde tummeln 
und viel Gelegenheit haben, ihre physischen Energien zu 
erschöpfen, haben einen tiefen und normalen Schlaf. Ich 
weiß es aus eigener Erfahrung. Ich war ein wildes Kind 
und hatte reichlich Gelegenheit, mich herumzutummeln. 
Aber ich wurde nie zum Schlafen gezwungen. Ich erinnere 
mich nicht, das man mir je sagte: „Geh' schlafen!" Mein 
Schlafbedürfnis war so groß, daß ich selbst ins Bett ver- 

39 



langte. Diesem Umstände mag ich es verdanken, daß ich 
noch heute ein guter Schläfer bin - und in meinem 
ganzen Leben nie über Schlafstörungen zu klagen hatte. 

Sie haben mit Schrecken bemerkt, daß Ihr Kleiner 
schlecht schläft, aus dem Schlafe schreit, oft in der Nacht 
wach wird und lange mit offenen Augen daliegt. 

Gewöhnlich denken die Eltern: „Was fehlt dem 
Kinde?" Sie sollten denken: „Was für einen Fehler haben 
wir gemacht?" 

In einer pädagogischen Zeitung las ich jüngstens den 
Bericht einer klugen Mutter über die Schlafstörung ihres 
l 1 /* jährigen Kindes. Die Schlafstörung trat während des 
ehelichen Verkehrs auf. Das Kind lag im benachbarten 
Zimmer. Die Türen waren offen. Während des Verkehres 
fing das Kind zu schreien an. Die Mutter eilte dann an das 
Bett des Kindes und versuchte es zu beruhigen. Es ver- 
langte ins Bett genommen zu werden, was die Mutter ver- 
weigerte. In den folgenden Nächten weckte das Kind die 
Eltern jede Nacht mit Geschrei. Besonders, wenn die 
Eltern Zärtlichkeiten austauschen wollten, waren sie 
sicher, durch das angstvolle Schreien des Kindes gestört 
zu werden. Das Kind konnte dann viele Stunden nicht 
schlafen. Zufällig verreiste der Vater für einige Zeit. 
Während seiner Abwesenheit blieb das Kind ganz ruhig 
und störte nicht ein einziges Mal den Schlaf seiner Mutter 
Kaum war der Vater heimgekehrt, so setzten Schreien 
und Schlaflosigkeit wieder in alter Heftigkeit ein. 

Solche Erfahrungen sind beweisend. Sie mögen daraus 
lernen, daß es nicht genügt, die Kinder im Nebenzimmer 
zu halten und die Türe offen zu lassen, um sie überwachen 
zu können. 

Diese Kenntnisse sind nicht sehr angenehm. Sie legen 
den Eltern gewisse Verpflichtungen auf, sie mahnen zur 
Vorsicht und schränken die Freiheit der Eltern ein. Liebe 
Freundin! Sie mögen überlegen, ob Sie nicht in dieser 
Hinsicht gesündigt haben. 

40 



• 







Doch Ihre Kinder wachsen in einem Heim der Liebe 
und Freude auf. Da kann es nicht fehlen, daß Sie über 
die kleinen Schwierigkeiten hinwegkommen werden. Das 
Lachen wirkt ansteckend. Ich möchte den Satz: „Wo man 
singt, da laß' dich ruhig nieder" variieren und sagen: „Wo 
man lacht, da laß' dich ruhig nieder!" Die Lebensfreude 
äußert sich als Lachen. Menschen, die nicht lachen können, 
herzhaft lachen, haben das Paradies verloren. Lachend 
und lächelnd über die Schwächen Ihrer Kinder werden Sie 
am besten Ihr Ziel erreichen. Schon hat Ihr Knabe das 
Schwesterlein angelächelt. Schon sprießt die schöne Blume 
der Geschwisterliebe in seinem Herzen, schon beginnt er 
sie zu lieben. Die Liebe besiegt alles! Vor ihren gött- 
lichen Strahlen verkriechen sich die Dämonen des Neides, 
der Eifersucht und der Mißgunst. Das Evangelium der 
Liebe kann uns kein Priester lehren. Man muß es in der 
Familie lernen. 

Nun werden Sie schon müde sein von so viel Be- 
lehrungen und ich sehe Sie im Geiste über den Propheten 
lächeln . . . 

Das macht mir gar nichts. Ich bin es gewöhnt, aus- 
gelacht zu werden, wenn ich die ernstesten und wichtigsten 
Sachen ausspreche und ernstgenommen zu werden, wenn 
ich die Leute zum Besten halten will. Das ist ja die 
Tragödie aller Schaffenden. Die Welt weiß nie, ob sie sie 
ernst nehmen oder über sie lächeln soll. 

Viele herzliche Grüße 

Ihr getreuer 

Dr. W. St. 






41 






IV. 
Liebe Freundin! 

Sie haben eine neue Sorge. Ihr Sohn neigt leicht zu 
Halsentzündungen, es schläft des Nachts mit offenem 
Munde, der Arzt rät Ihnen, das Kind operieren zu lassen. 
Ich kann natürlich nicht entscheiden, ob die Operation 
notwendig ist oder nicht. Ich bin im allgemeinen ein 
Gegner der vielen Operationen. Es wird viel ausge- 
schnitten, ausgebrannt, ausgerissen, was ruhig im Leibe 
hätte bleiben können. Unsere Zeit steht unter der Herr- 
schaft des Messers. Damit will ich nicht leugnen, daß es 
notwendige Operationen gibt. Wenn der Schlaf Ihres 
Kindes wirklich durch die verhinderte Nasenatmung und 
nicht durch seelische Eindrücke gestört wird, wird wohl 
die Rachenmandel entfernt werden müssen. 

Als ich noch praktischer Arzt war, gab es in meiner 
Praxis gar keine Kinder, die operiert werden mußten. Ich 
erkrankte an einem schweren Leiden und mußte mehrere 
Monate meine Praxis unterbrechen. Als ich sie wieder auf- 
nahm, fand ich überall in meinen Familien operierte 
Kinder. Mein Vertreter war ein Anbeter der Macht des 
Messers. Ich bin es nicht. Ich habe gefunden, daß viele 
dieser Störungen, die zur Operation nötigen sollen, sich 
im Laufe der Jahre von selbst verlieren. Drüsen sind 
Schutzorgane des Körpers und ich halte ihre Entfernung 
keineswegs für eine harmlose Sache. Ich glaube auch 
nicht, daß es überflüssige Organe gibt. Die 
Natur arbeitet sehr weise, überflüssig scheint 
uns alles, dessen Bedeutung wir nicht er- 
kennen. 

Immerhin — ich weiß, daß Sie einen klugen Hausarzt 
haben, der die Operation nur gestatten wird, wenn sie 

42 



unbedingt notwendig ist. Eines möchte ich Ihnen raten: 
Lassen Sie das Kind nicht unter einem heuchlerischen 
Vorwand von einem Arzte überfallen, der dem Kinde vor- 
macht, er wolle nur in den Hals sehen und es werde nicht 
wehtun. Bereiten Sie Ihr Kind auf den Eingriff vor. Sagen 
Sie ihm, man werde ihm etwas herausnehmen, es werde 
eine kurze Weile wehtun, er solle sich brav halten und 
zeigen, daß er ein tapferes Kind sei. 

Warum ich Ihnen dieses Verhalten rate? Wäre es 
nicht besser, dem Kinde etwas vorzumachen und ihm die 
Angst vor der Operation zu ersparen? 

Ich habe beobachtet, daß Kinder nicht verzeihen 
konnten, wenn man sie belogen und hinters Licht geführt 
hat. Erst dieser Tage sprach ich einen Seelenkranken, der 
sich im Leben nicht zurecht findet, der überall Überfälle 
wittert, der sich wahnsinnig vor dem Zahnarzt fürchtet, 
den er wegen seiner kariösen Zähne dringend benötigen 
würde. Er befand sich auf der Reise von Südamerika nach 
Europa auf dem Schiffe. Er hatte gehört, daß die Psych- 
analyse gewisse Leiden auf Kindereindrücke zurückführt. 
Er begann über seine Angst vor dem Zahnarzte nachzu- 
denken. Er sagte sich: „Millionen Menschen gehen zu den 
Zahnärzten und fürchten sich nicht. Warum bist du so 
feige? Du bist im Trommelfeuer gestanden und hast nicht 
gebebt! Du hast gefährliche Stürme auf hoher See mit- 
gemacht und hast für dein Leben nicht gezittert. Und 
gerade vor dem Zahnarzt, von dem du gehört hast, daß 
er jetzt sogar schmerzlos plombieren und bohren kann, 
ängstigst du dich und läßt deine schönen Zähne jammer- 
voll zugrunde gehen?" So argumentierte er mit sich, ver- 
suchte sich zu überzeugen und zu überreden, — aber es 
half nichts. Der bloße Gedanke, er werde in Europa zu 
einem Zahnarzte gehen, verursachte ihm Schüttelfröste. 
Während er so meditierte, fühlte er plötzlich Schmerzen 
im Munde, als wäre er schon beim Zahnarzte. Sonderbar! 
Beide Kiefer schmerzten, als würde sie der Zahnarzt mit 

43 



Gewalt öffnen, er fühlte einen brennenden Schmerz und 
ein unerträgliches Würgen im Halse. „Du bist hysterisch!" 
dachte er. Es wurde immer schlimmer. Er konnte nicht 
essen. Jeder Bissen, den er schlucken wollte, schmerzte. 
Er fürchtete zum Schiffsarzt zu gehen und ihn um Rat zu 
fragen. Wie sollte er sich in den Hals sehen lassen? Das 
konnte er nicht. Am nächsten Morgen war es viel ärger. 
Er war geschwollen. Auch das meldete sich: die törichte, 
unerklärliche, schreckliche Angst. Die beiden Drüsen unter 
dem Oberkiefer schienen vergrößert zu sein und schmerzten. 
Er fühlte sich elend. Trotzdem konnte er die Angst vor 
dem Arzt, der ihm in den Hals schauen sollte, nicht über- 
winden. Jetzt wurde es ihm klar: Es war nicht gerade 
der Zahnarzt, vor dem er sich fürchtete. Er ließ sich von 
keinem Arzte in den Hals schauen. 

War das nicht schon in der Kindheit, daß er brüllte 
und wie ein Rasender tobte, wenn der Arzt ihm in den 
Hals schauen wollte? Freilich! freilich! Es war so... Jetzt 
fielen ihm verschiedene Szenen ein, die sich zwischen ihm 
und den Ärzten abgespielt hatten. Kein Arzt konnte seinen 
Hals untersuchen! 

Und plötzlich sah er sich als dreijähriges Kind auf 
einem Sessel vor dem Arzt sitzen. Nun wußte er alles! 
Man hatte ihn schmählich belogen. Man hatte ihm vor- 
gemacht, es werde nichts geschehen, der Arzt wolle nur 
seine Zunge sehen, ob sie groß genug sei. Dann aber fuhr 
der böse Arzt mit einem blitzenden Instrument in seinen 
Hals und riß oder schnitt etwas heraus. Es war gräßlich. 
Lange konnte er es seinen Eltern nicht verzeihen, daß sie 
ihn so tückisch betrogen hatten. Er wußte nun, daß er 
immer an diese Szene gedacht hatte. Darum also die 
Angst vor dem Zahnarzt! Und sonderbar! Mit dieser Er- 
kenntnis schwanden die Schmerzen im Halse, die Drüsen 
fühlten sich nicht mehr geschwollen und entzündet an. 
Von diesem Eindruck stammte ja sein ganzes Leiden! Es 
war der erste große Betrug, die erste Enttäuschung, der 

44 






i 



erste große Schmerz. Alles konnte er seinen Eltern ver- 
zeihen, aber niemals diese plumpe Überrumplung eines 
schwachen Kindes durch die übermächtigen Großen. 

Vielleicht darf ich noch ein Beispiel vorbringen, 
wie schwer Kinder einen scheinbar harmlosen Betrug 
verzeihen. Die achtjährige Erika erzählt, daß sie der 
Großmutter nie verzeihen werde, daß sie sie vor vier 
Jahren betrogen hatte. Erika sollte für einige Wochen zu 
einer liebenswürdigen Dame kommen, da ihre Ellern eine 
Reise unternehmen mußten. Sie befand sich erst bei der 
Großmama, die ihr eines Tages sagte: „Jetzt wollen wir 
auch eine Reise machen. Wir werden eine Dame be- 
suchen." Sie kamen nach kurzer Zeit auf dem schönen 
Landsitz der Dame an, die Erika sehr lieb empfing und 
sich viel mit ihr beschäftigte. Am nächsten Morgen war 
die Großmama abgereist und Erika blieb drei Wochen bei 
der Dame, bei der sie sich sehr wohl fühlte. Nichtsdesto- 
weniger brauchte sie viele Jahre, um der Großmama diesen 
Betrug verzeihen zu können. Zu ihrem Unglücke wurde 
Erika noch ein zweites Mal betrogen. Sie sollte in ein 
Pensionat kommen und die andere Großmama spielte ihr 
den gleichen Trick. Sie sollte angeblich nur auf Besuch 
gehen und wurde dann im Pensionat allein zurückgelassen. 
Unter fremden Menschen und fremden Kindern! - es 
war schrecklich! 

Man muß es verstehen, daß solche Eindrücke bleibend 
sind und daß Erika viele Jahre brauchte, um wieder an 
die Worte der Großen glauben zu können. Der Wurm des 
Mißtrauens steckte zu tief im Erdreich ihrer Seele und 
benagte die feinen Wurzeln, die der Wunderblume des 
Vertrauens Nahrung zuführen. Nur weil ihre Mutter mit 
großer pädagogischer Kunst ihrem Kinde nie etwas ver- 
sprach, was sie nicht gehalten oder nicht halten konnte, 
gelang es mit der Zeit, dem Kinde wieder das Vertrauen 
zu den Worten der Großen zu geben. Diese Mutter sprach 



45 



zum Kinde immer die Wahrheit und wahrte sich das Ver- 
trauen im Laufe der Jahre. 

Merken Sie sich diese Eigenschaften der Kinder. Ver- 
sprechen Sie nie, was Sie nicht halten können. Hüten Sie 
sich auch vor allzuviel Belohnungen! Das Kind wird da- 
durch verwöhnt. Besonders gefährlich halte ich es, dem 
Kinde schon früh Geld zu geben und es selbst Näschereien 
oder Spielzeug kaufen zu lassen. Das Kind bildet dann eine 
dauernde Verbindung zwischen Geld und Liebe und kommt 
leicht dazu, das Geld zu überschätzen. 

Viele schwere Erziehungsfehler konnte ich bei Eltern 
beobachten, die ihrem Kinde frühzeitig eine Sparbüchse 
schenken und das Kind anhalten, Geld in die Büchse zu 

werfen, von Zeit zu Zeit zu zählen usw Ich habe leider 

auch Mütter beobachtet, die sich das Geld wieder ange- 
eignet haben, andere, che für dieses Geld dem Kinde Sachen 
kauften, die für alle Fälle hätten angeschafft werden 
müssen. 

Habe ich Ihnen schon die Geschichte vom Dollar er- 
zählt, die mir der vierzigjährige Professor Ernest unter 
Tränen vorbrachte? Dem jungen Ernest wurde von seiner 
Mutter versprochen, er werde einen Dollar erhalten, wenn 
er den ganzen Monat die Stube fegen und das Geschirr 
reinigen werde. Ernest war von dieser Aussicht begeistert. 
Er fegte und scheuerte, er kehrte und rieb, er war so flink 
wie ein Wiesel; Teller und Schüsseln waren im Nu ge- 
reinigt und trocken gewischt. Am Abend konnte er sich 
ausmalen, was für Herrlichkeiten er sich für einen Dollar 
verschaffen könne. Sollte er in den „amusement park" 
gehen und endlich auf der Berg- und Talbahn eine aben- 
teuerliche Fahrt unternehmen, von der ihm seine Freunde 
so viel erzählt hatten? Oder sollte er sich „candy" kaufen, 
die Tüte zu zehn cents. alle drei Tage eine Tüte? Oder 
sollte er seiner Mutter ein Geschenk bringen, Blumen 
die sie so sehr liebte? 

46 






Er konnte den Ersten des nächsten Monates kaum er- 
warten, an dem der Dollar zur Auszahlung gelangen sollte. 
Aber oh Schrecken und Enttäuschung! Der Erste kam, 
nachdem er ihn fiebernd und in schlafloser Nacht erwartet 
hatte, aber er erhielt den versprochenen Dollar nicht. Die 
Mutter hatte angeblich den Dollar nicht. (Vielleicht hat ihn 
die arme Frau nicht gehabt. Dann hätte sie ihn nicht ver- 
sprechen dürfen.) Ernest wartete viele Monate und viele 
Jahre. Er hat den Dollar nicht erhalten. Und noch heute 
nach 32 Jahren rinnen die Tränen über seine bleichen, im 
Lebenskampfe abgehärmten Wangen, wenn er diese Ge- 
schichte erzählt. Dieser Dollar wurde das Gleichnis für 
sein ganzes Leben. Was hat er nicht alles vom Leben er- 
wartet? Eine hervorragende Stellung, wie sie seinen außer- 
ordentlichen Talenten und seinem unermüdlichen Fleiße 
entsprochen hätte, Anerkennung, Liebe, Ruhm, Glück. 
Das Leben hat ihn genarrt, wie es seine Mutter getan hat. 
Es zeigte ihm den Dollar aus der Ferne, lockte ihn 
zu mühseligen Anstrengungen und foppte ihn schließlich 
immer um den erwarteten Lohn. Er zog es vor, eines 
Tages aus dem Leben zu verschwinden. Wer weiß es, 
wie viel zu diesem verzweifelten Schritte der Dollar, den 
er nicht erhalten hatte, beigetragen hat? Rätselhaft sind 
die Motive unseres Handelns! Aber wir haben eines 
gelernt: Daß Kindereindrücke bleibend sind 
und daß jeder Baum an seinen Wurzeln krankt. 

Sie haben mit Erstaunen bemerkt, daß Ihr kleiner 
Sohn bereits ein Sexualforscher geworden ist. Er hat Sie 
gefragt, warum die kleine Schwester kein „Pipi" hat. Sie 
haben ihm die einzige vernünftige Antwort gegeben, daß 
Mädchen kein „Pipi" haben und das dies eben den Unter- 
schied zwischen Mädchen und Knaben ausmache. Etwas 
schwieriger ist die zweite Frage, die Sie mir vorlegen. Das 
Kind bemerkte, ins Schlafzimmer tretend, daß Ihr Urin 
im Topfe blutig war. Sofort fragte er, woher das Blut 
stamme. Sie halfen sich und sagten, Sie hätten an Nasen- 



47 



bluten gelitten. Sie fragten mich nun, ob Sie recht getan 
haben. Liebe Freundin, Sie haben recht getan. Denn diese 
Aufrichtigkeit, dem Kinde zu sagen, daß Frauen jeden 
Monat bluten, würde doch zu weit gehen. Auch die Auf- 
richtigkeit hat ihre Grenzen! Sie muß dem Ver- 
ständnis und dem Auffassungsvermögen des Kindes ange- 
paßt sein. Sie haben aber einen Fehler gemacht. Die Türe 
des Schlafzimmers war nicht gesperrt, der Topf war nicht 
entleert, ehe das Kind ins Zimmer gelassen wurde. Mütter 
können in dieser Hinsicht nicht genug vorsichtig sein. Ich 
weiß es aus Erzählungen meiner Patienten, daß es Mütter 
gibt, die vor den Kindern ihre Bedürfnisse verrichten, sie 
mit auf den Abort nehmen, damit sie nicht ohne Aufsicht 
sind, ja sogar Scheidenspülungen vor ihren Kindern vor- 
nehmen, immer in der Einbildung, kleine Kinder verstün- 
den nichts von diesen Sachen und würden alles vergessen 
wenn sie älter geworden sind. Denken Sie daran, was ich 
in den früheren Briefen ausgeführt habe. Goethe meint: 
Du mußt es dreimal sagen: Benehmen Sie sich vor 
Ihren Kindern, als ob sie erwachsen wären! 

Früh meldet sich bei den Kindern der Forschungstrieb. 
Freud führt diesen Forschungstrieb auf die sexuelle Neu- 
gierde zurück, auf die eine Frage: Woher kommen die 
Kinder? Ich möchte nicht so weit gehen und annehmen 
daß der Forschungstrieb sich auf das ganze Leben erstreckt 
und daß das Geschlechtsleben nur einen Teil der Fragen 
bildet, die das Kind beschäftigen. Alles Neue und Unge- 
wohnte interessiert das Kind. Alles Neue wird ein Problem. 
Daher wird Ihr Sohn auch über den blutigen Urin nach- 
denken und sich seine eigenen Hypothesen bilden. Irgend- 
wie wird er die Entdeckung mit Messern und Schneiden 
in Verbindung bringen. Der Zerstörungstrieb der Kinder 
macht vor dem menschlichen Körper nicht halt. 

Seien Sie deshalb nicht besorgt, wenn Ihr Kleiner sein 
Spielzeug zerstört, die Puppen aufschneidet, die Fliegen 
quält, alles zerreißt (auch sein schönes Bilderbuch) und 

48 






seine Machtgelüste auf die Spielsachen der Schwester aus- 
dehnt. Sie haben Ihre ersten Studien über die Ungerechtig- 
keit der Kinder gemacht. Der Knabe ist zornig, wenn sein 
Schwesterchen etwas von seinen Spielsachen haben will. 
Er behütet ängstlich sein Eigentum, was ihn nicht hindert, 
sich der Gegenstände zu bemächtigen, die dem Schwester- 
chen gehören. Sie lernen dabei, wie groß der Machttrieb 
und der Geltungswille des Kindes ist. Es lernt früh, ihn 
dem Schwächeren gegenüber gebrauchen. Es fühlt jede 
Ungerechtigkeit, die ihm angetan wird, will 
aber schwer erkennen, daß es selbst ungerecht 
ist. Kinder haben eben ihr eigenes Recht, das dem Ic.h 
zur erhöhten Geltung verhilft und müssen erst langsam 
lernen, daß der andere auch ein Recht hat. 

Sie erschrecken über die lebhafte Phantasie Ihres Kin- 
des, das den Spielkameraden geradezu unglaubliche Dinge 
erzählt. Es hätte einen Stall mit zwei kleinen Pferden, die 
dürfe er nur anspannen, wenn niemand zugegen sei, sonst 
sei Vater böse. Der Vater hätte zwei Flugzeuge und zehn 
Automobile, er sei gestern von Wien nach Zürich in seinem 
eigenen goldenen Flugzeug geflogen. Kinder wollen un- 
bedingt mehr sein als die anderen. Man horche einmal zu, 
wenn die Kinder renommieren, wie sie einander über- 
trumpfen wollen. Ich erinnere mich, wie zwei arme Ar- 
beiterkinder auf der Straße sich gegenseitig überbieten 
wollten. Ich war Zeuge ihres Gespräches. Die eine sprach 
davon, daß sie zu Hause ein seidenes Kleid habe. Sofort 
hatte die andere eines aus Samt. Die erste wußte dann zu 
berichten, daß ihre Mutter zwanzig seidene Kleider hätte, 
worauf die zweite sagte: „Das ist noch gar nichts. Meine 
Mama hat hundert Seidenkleider" . . . 

Sind wir Erwachsenen denn anders beschaffen? Re- 
nommieren wir nicht nach oben und nach unten? Kämpfen 
wir nicht um Macht und Gellung? 

Nie wird ein Kind zugeben, daß der Bruder des 
Freundes stärker sei als der eigene Bruder. Es würde diese 

49 

4 Stekel, Briefe an eine Mutter 









Tatsache als eine schwere Demütigung empfinden. Früh 
beginnt der Kampf des Ich um die Geltung. Phantastische 
Lügen dienen dazu, das Ich zu erhöhen und es für die 
Demütigungen der Wirklichkeit zu entschädigen. Mit der 
ersten Lüge beginnt das Reich der Fiktion, protestiert das 
Kind gegen die affektarme Wirklichkeit, schafft es sich 
seine Welt der Märchen, in der es ein Königssohn wird, 
über unermeßliche Schätze gebietet und über die anderen 
herrscht. 

Zu diesem Erhöhen der Persönlichkeit gehört auch die 
Erhöhung der Eltern. Ihnen werden die wunderbarsten 
Vorzüge und Reichtümer angedichtet, wenn das Kind in 
Liebe und Verehrung zu ihnen eingestellt ist. Kinder pflegen 
dann ihre Eltern gegeneinander auszuspielen. Man kann es 
sich nicht vorstellen, was ein Kind leidet, wenn sein Vater 
ein armer Handwerker ist und es mit reichen Kinder zu 
verkehren hat. Es muß dem Vater dann Eigenschaften 
andichten, die seine Geltung erhöhen. 

Wunderbar ist es, wenn diese Eigenschaften der Wahr- 
heit entsprechen und einen wirklichen Vorzug bedeuten. 
Die kleine Erika spricht mit einer Freundin, welche die 
Angaben ihrer Mutter bezweifelt, worauf Erika stolz er- 
widert: „Meine Mama lügt nie!". Es war die Wahrheit und 
das Kind hatte die sichere Überzeugung, daß es von seiner 
Mutter nie belogen wurde. Mögen das recht viele Kinder 
von ihren Eltern behaupten können! Mögen die Eltern 
Vorzüge zeigen, auf die das Kind wirklich stolz sein kann! 
Dann wird keine Erhöhung durch fiktive Werte not- 
wendig sein . . . 

Die kleine Notlüge vom Nasenbluten wird Ihnen Ihr 
Sohn nie übelnehmen. Er wird später lernen, was dieses 
Blut bedeutet, und begreifen, daß auch die Aufrichtigkeit 

zwischen Mutter und Sohn ihre Grenzen hat. — 

Viele herzliche Grüße 

Ihr getreuer 

Dr. W. St. 

50 









V. 



Liebe Freundin! 
Es ist scheinbar eine Frage von geringer Bedeutung, 
wann Sie Ihrem Knaben die ersten Höschen anziehen 
sollen. Aber es gibt keine Kleinigkeiten im menschlichen 
Leben! Kleines kann von größter Bedeutung sein und, 
was uns sehr groß erscheint, ist in Wahrheit eine Kleinig- 
keit. So ist die erste Hosenfrage auch eine große Angelegen- 
heit. Sie hängt mit der Entwicklung des Geschlechts- 
gefühls zusammen, dem die moderne Psychologie große 

Bedeutung beimißt. 

Es gibt Mütter, die aus ihrem Knaben ein Mädchen 
machen. Haben sie es gewünscht oder ist es geschmeichelte 
Eitelkeit, daß der Knabe wie ein Mädchen aussieht? Jeden- 
falls kann man diesen Unfug sehr häufig beobachten. Der 
Knabe trägt sehr lange ein Röckchen, er stolziert auch mit 
langen Locken herum, so daß die Leute dann der Mutter 
zurufen: „Ach - ist das ein niedliches Mädchen!", worauf 
die geschmeichelte Mutter stolz erwidert: „Es ist ja ein 

Knabe!" 

Der Knabe kann gar nicht früh genug zum Bewußt- 
sein kommen, daß er ein Knabe ist. (Das Gleiche gilt vom 
Mädchen.) Im späteren Alter äußert sich die falsche Er- 
ziehung oft als Zweifel an der Geschlechtsbestimmung. 
Solche mädchenhaft erzogene Knaben können „seelische 
Hermaphroditen" werden. 1 ) 

Sobald es möglich ist, soll der Knabe seine Höschen 
erhalten und erzogen werden, seine kleinen und großen 
Bedürfnisse allein, ohne Hilfe der Mutter oder einer 
anderen Erziehungsperson zu verrichten. Es ist ein ab- 

x ) Ausführlicheres über dieses Problem findet man im 
13. Brief, Seite 127 ff. 

51 



scheulicher Unfug, der sich später bitter rächen kann, 
das Kind immer wieder an die natürlichen Funktionen zu 
erinnern und ihm dabei manuell zu helfen. Kluge Erzieher 
wissen den Stolz des Kindes zu wecken, so daß ihm jede 
Unabhängigkeit von den Erwachsenen Freude macht. 

Nun einige Worte über das Loben des Kindes. Das 
ewige Tadeln und Nörgeln wirkt auf das Kind entmutigend 
und bringt es leicht in Trotzeinstellung. Das maßvolle 
Loben erzielt das Gegenteil. Ich betone: Das maßvolle 
Loben. Denn übertriebenes Lob kann ein Gefühl des 
Größenwahns, des Eigendünkels erzeugen, kann den Ehr- 
geiz aufstacheln, das Ichgefühl hypertrophisch ausbilden, 
so daß später die Enttäuschung und der Rückschlag in ein 
Minderwertigkeitsgefühl erfolgen muß. 

Gefährlich ist es, die Schönheit des Kindes hervor- 
zuheben, es von den Tanten und Fremden immer wieder 
bewundern zu lassen. Kinder haben ein wunderbares Ge- 
dächtnis und kommen dann leicht dazu, sich in sich selbst 
zu verlieben, was schließlich eine Krankheit werden kann, 
die wir Narzißmus nennen. (Narziß verliebte sich be- 
kanntlich in sein eigenes Bildnis, das er in dem Spiegel 
eines Gewässers erblicken konnte.) Eine Vorstufe des Nar- 
zißmus ist die Eitelkeit auf körperliche und seelische Vor- 
züge. Eine kleine Dosis Eitelkeit ist für jeden Menschen 
so notwendig wie die Vitamine für die Nahrung. (Es gibt 
auch seelische Vitamine!) Im Übermaße wird die Eitelkeit 
zur Krankheit, die den Menschen blind für die eigenen 
Fehler und ungerecht für die fremden Vorzüge macht. 
Wird das Kind immer wieder bewundert, wird immer 
wieder seine Schönheit hervorgehoben, so glaubt es leicht 
an die Zaubermacht der eig :nen Erscheinung, es lechzt 
nach Bewunderung und bewundert sich selbst, gibt sich 
alle Zärtlichkeiten, nach denen es im ewigen Hunger 
verlangt. 

Ich habe in meiner Praxis die Tragödie eines solchen 
Kindes erleben können, das überall als Wunder der Schön- 

52 






heit angestaunt wurde, in Kinderkonkurrenzen die ersten 
Schönheitspreise (welcher Unfug!) gewann, das von Malern 
konterfeit wurde, als berühmte „süße" Ansichtskarte m 
Tausenden von Exemplaren in der ganzen Welt verbreitet 
wurde und das schließlich nach der Pubertät sich zu einem 
Durchschnittswesen entwickelte, das nicht mehr den An- 
spruch erheben konnte, eine Schönheit zu sein. Der Über- 
gang vom vielbewunderten ersten Schönheitspreis zum 
gewöhnlichen Sterblichen vollzog sich unter großer t Seelen- 
nualen und Enttäuschungen und es bedurfte schließlich 
der Hilfe eines Seelenarztes, um das sonst gut veranlagte 
Wesen mit der nüchternen Wirklichkeit auszusöhnen. 

Sie haben wieder zwei neue Sorgen und wollen er- 
schöpfende Auskunft. Das Mädchen ist trinkfaul. Es be- 
ginnt zu saugen und hört sofort auf, spielt mit den Warzen 
und zieht den Saugakt bis auf eine halbe Stunde und noch 
länger hinaus. Ich habe Ihnen hierüber früher schon aus- 
führlicher geschrieben. 1 ) Sie brauchen sich deshalb keine 
Sorgen zu machen. Es handelt sich nicht etwa um eine 
Krankheit, sondern lediglich um den Versuch, Sie zu 

tyrannisieren. 

Diese eine Frage wäre erledigt. Nun zu der zweiten. 
Ihr bisher verhältnismäßig sanfter Knabe leidet plötzlich 
an Wutanfällen. Sie bringen selbst diese Wutanfälle mit der 
Eifersucht auf das Schwesterchen in Zusammenhang. Der 
Kleine hat dem langen Spiel des Stillens zugesehen ohne 
daß Sie es merkten, daß er im Zimmer war. Er hat sicn 
hineingeschlichen und war schlau genug, vom sicheren 
Verstecke aus Ihren stillen Kampf mit dem saugfaulen 
Kinde zu beobachten. Auch mußten Sie für zwei Tage zu 
der kranken Mutter verreisen und die Kleine nolens yolens 
mTtnehmen, da Sie ja das Kind selbst stillen. Der Knabe 
blieb die beiden Tage mit Ihrem vertrauenswürdigen 
Mädchen allein zurück. Die Reise mit beiden Kindern wäre 

1 i) Vgl III B rief „Briefe an eine Mutter", Teil 1. Wendepunktbuch 

♦ Nr. 5, Seite 20 

53 



Ihnen unmöglich gewesen. Kaum waren Sie zu Hause, so 
reagierte der Knabe auf eine kleine freundliche Ermahnung 
hin mit einem unerwarteten Wutanfall. Er warf sich auf 
den Boden, strampelte mit den Beinen, riß sich bei den 
Haaren, zerbrach seinen vielgeliebten Hampelmann und 
wollte mit den Fäustchen auf sein Schwesterchen los- 
gehen. Ihr Mann wußte sich nicht anders zu helfen, als 
ihn so zu behandeln, wie die moderne Gesellschaft jetzt 
Verbrecher behandelt. Sie züchtigt sie nicht körperlich, 
aber sie sperrt sie ein. Also Ihr Mann wußte schon, daß 
man Kinder nicht schlagen soll, aber er sperrte den wider- 
spenstigen Rebellen in eine dunkle Kammer, wo er eine 
Stunde lang wütete und in ohnmächtigem Zorn gegen die 
Wände schlug. 

Ich bin gegen das Einsperren der Kinder, ich bin 
gegen jede drakonische Strafe. Sie müssen sich in die Seele 
des Kindes einfühlen. Was muß der Kleine leiden, wenn er 
seinem Haß so die Zügel freiläßt! Wie zurückgesetzt muß 
er sich dem Schwesterchen gegenüber fühlen! Sie haben 
versäumt, den Knaben rechtzeitig aufzuklären, daß Sie die 
Kleine mitnehmen mußten, Sie hätten dem Knaben irgend 
etwas mitbringen müssen, was ihm Freude gemacht und 
seinen Schmerz über die vermeintliche Zurücksetzung hätte 
vergessen lassen. Keineswegs aber durfte man ihn ein- 
sperren. Der Vater hätte den Knaben ruhig austoben und 
freundlich fragen müssen, warum er so böse sei und was 
man ihm denn angetan hätte; er hätte ihm gütig und ver- 
ständnisvoll zureden und seinen Wutanfall nicht ernst 
nehmen sollen. Einfach auslachen und ihn in ein anderes 
Zimmer oder ins Freie tragen oder führen sollen. Merkt 
der Knabe, daß er mit den Wutanfällen die Eltern in 
Erregung bringt, daß er wieder Mittelpunkt der Familie 
ist, so wird er sein Spiel bald wiederholen und mit Hilfe 
seiner Wut alles durchsetzen, was er eben durchsetzen will. 
Wutanfälle des Kindes sind ein Alarmsignal für die 
Eltern! Bekannt ist die Zornwütigkeit des Kretins und des 

54 



psychopathischen Kindes. Von diesen will ich hier nicht 
abhandeln, da ich mich nur mit dem normalen und dem 
schwer erziehbaren Kinde beschäftige. Aber leben Sie sich 
in die Seele des Kindes hinein! Was muß der Knabe ge- 
litten haben, daß es zu so furchtbaren Haßexplosionen 
kommen konnte! Denken Sie daran, daß erlange der Einzige 
war, daß Sie sich nur mit ihm zu beschäftigen hatten und 
daß jetzt das Schwesterchen ihm einen Teil Ihrer Liebe 
raubt. Aber daran scheint er sich schon gewöhnt zu haben. 
Jedoch diese Reise, zu der Sie seine Rivalin mitnahmen, 
während er alle Qualen des Verlassenseins mitmachen 
mußte! Dieser Wutanfall geht in eine Richtung, die er 
erst nicht verraten wollte. Er richtete sich gegen die 
Schwester, in der er jetzt das Wesen sieht, das ihm die 

Mutter geraubt hat. 

Diese Wutanfälle können eine Zeitlang dauern. Sie 
sind mit Geduld, Liebe und Überredung zu überwinden. 
Fürchten Sie nicht, daß das Verhältnis der Geschwister 
später darunter leiden wird. Im Gegenteil. Das Schuld- 
gefühl macht aus den asozialen Gefühlen soziale. Er wird 
die Schwester lieben; manche Geschwisterliebe, die uns 
übertrieben erscheint, ist haßgeboren und nur die Über- 
kompensation einer ursprünglich feindlichen Einstellung. 
Der Pendel schwingt leicht von einem Extrem in das 

andere . . . 

Wenn wir aber schon von Strafen reden, so möchte 
ich gegen eine Unsitte wettern, die sogar in der Schule von 
den gelehrten Pädagogen geübt wird. Es ist das berüchtigte 
„in den Winkel Stellen". 

Es erinnert an den Pranger vergangener Zeiten. Aber 
für die Kinder ist der Pranger noch lange nicht abge- 
schafft. Das eine Kind muß im Winkel stehen, das andere 
sogar knieen. Ich keime Kinder, die gar auf Erbsen knieen 
mußten. Was geht während dieser Strafe in der Seele des 
Kindes vor? Welch finstere Rachegedanken muß nicht das 
kleine Hirn ausbrüten! 

55 



Ebenso verfehlt ist es, die Kinder zu zwingen, um 
Verzeihung zu bitten. Sie müssen noch versprechen, es nie 
mehr zu tun und in Zukunft recht brav zu bleiben. Was 
soll eine erzwungene Verzeihung für einen Sinn haben? 
Sie bricht nur das Persönlichkeitsgefühl des Kindes und 
lehrt es, daß es besser ist, zu heucheln und seine Unarten 
im Verborgenen zu vollziehen. 

Es gibt Pädagogen, die das Kind den Eltern entziehen 
wollen und für Gemeinschaftserziehung eintreten. Ich bin 
ein absoluter Gegner dieser Bestrebungen. Die Gemein- 
schaftserziehung hat nur den Sinn, Kinder vor ihren 
brutalen und unverständigen Erziehern zu retten. Aber 
nie wird dieses Institut die Wärme des Eltern- 
hauses ersetzen können .Wenn wir alle Eltern richtig 
erzogen haben werden, wenn die Grundsätze, die ich hier 
vortrage, Allgemeingut sein werden, so wird es sich zeigen, 
daß eine neue lebensfrohe Generation heranwachsen wird! 

Sie haben (mit der Pflege des Neugeborenen beschäf- 
tigt) Ihren Knaben ein wenig vernachlässigt. Nun merken 
Sie, daß er sich Ihnen entfremdet hat und Sie sehen mit 
Schrecken, daß er sich einige Kinderfehler zugelegt hat, die 
ich schon als die Vorzeichen seines Wutanfalles bezeichnen 
möchte. Er beißt die Lippen und die Nägel. Die gebräuch- 
lichen Mittel, das Nagelbeißen abzugewöhnen, versagen voll- 
kommen. Beschmieren der Nägel mit bitteren Substanzen 
nützt gar nichts. Ich kenne Erwachsene, die noch immer 
die Nägel beißen und bei denen alle Erziehungskunststücke 
versagt haben, weil die Erzieher nicht auf den Grund der 
bösen Gewohnheit gekommen sind. Das Lippenbeißen, 
Nagelbeißen, das Saugen und Beißen an der Hand ist Aus- 
druck des Hasses und ursprünglich gegen ein Mitglied der 
Familie gerichtet. Diesen Haß müssen Sie erkennen und 
neutralisieren. 

Sie müssen mit dem Kinde reden wie mit einem Er- 
wachsenen. Glauben Sie mir! Die Kinder verstehen mehr, 
als wir uns vorstellen können. Wäre es sonst möglich daß 

56 



der kleine Karl H. 5 der für eine Unart von seinem Vater 
gestraft werden sollte, seinem Vater zurief: „Schämst du 
dich nicht, du großer, starker Mann, mich kleinen 
schwachen Knirps zu schlagen?" Der Knabe war etwas 
mehr als drei Jahre alt! Und der Vater erkannte, daß der 
Sohn recht hatte und ließ ihn ohne Strafe laufen. 

Der fünfjährige Fritz L. war unartig. Er soll zur Straf e 
aus seinem Buchstabenkasten den Satz zusammenstellen: 
„Ich war sehr unartig und bitte um Verzeihung!" Er will 
nicht um Verzeihung bitten, denn er sieht sein Unrecht 
nicht ein. Die Eltern drohen, worauf der Kleine im Zorn 
die Worte ausstößt: „Ich werde mich dafür rächen. Wenn 
ich groß sein werde, so werde ich sehr reich sein und 
werde euch gar nichts geben!" 

Zeigen diese beiden Szenen aus dem Kinderleben nicht, 
daß die Kinder nachdenken und vordenken, daß sie sich 
mit den Eltern messen und Rachegedanken brüten? 

Nägelbeißen bedeutet die erste Heimlichkeit, den ersten 
nach innen gerichteten Haß, der sich körperlich ausdrückt. 
Das Kind steht dem Tier näher als der Erwachsene. Der 
gereizte Hund beißt. Auch Kinder pflegen zu beißen, 
wenn sie in Wut kommen. 

Vielleicht haben Sie versäumt, Ihrem Knaben während 
der Zeit, in der Sie das Mädchen so in Anspruch ge- 
nommen hat, einen Spielkameraden zu geben. Glauben Sie 
mir! Nichts vertragen Kinder schwerer als das Gefühl der 
Einsamkeit und der Vereinsamung. Sie werden mürrisch 
und heuchlerisch, ziehen sich von der Außenwelt zurück, 
bis sich der bekannte Typus des vereinsamten Kindes aus- 
bildet. Es gibt leider auch in kinderreichen Familien ver- 
einsamte Kinder. Es gibt leider Eltern, die für ihre Kinder 
nie Zeit haben. 

Sie gehören nicht zu diesen verantwortungslosen Eltern 
und auch Ihr Mann geht fleißig um mit seinen Kindern, 
wie das bekannte Gedicht von Schäfer besagt: 



57 



„Geh' fleißig um mit deinen Kindern! Habe sie Tag 
und Nacht um dich, und liebe sie, und laß dich lieben 
einzig schöne Jahre; — denn nur den engen Traum der 
Kindheit sind sie dein, nicht länger! Mit der Jugend schon 
durchschleicht sie Vieles bald, was du nicht bist, — und 
lockt sie mancherlei, was du nicht hast, — erfahren sie 
von einer andern Welt, die ihren Geist erfüllt; die Zukunft 
schwebt nun ihnen vor. So geht die Gegenwart verloren . . ." 
Sie werden den Erziehungsfehler sicher wieder gut- 
machen. Ihr Söhnchen wird bald merken, daß ein Mutter- 
herz sehr groß ist und auch für zwei Kinder aus dem Füll- 
horn der Liebe die Wärme spenden kann, die die kleinen 
Pflanzen so dringend benötigen. Reden Sie ihm freundlich 
zu, erzählen Sie ihm, wie köstlich das Bewußtsein ist, 
daß man gut ist, lehren Sie ihn, wie man den Kampf mit 
den Dämonen in der Brust aufnehmen kann und ihn sieg- 
reich durchführt. 

Dieser Kampf kann nicht früh genug beginnen Er 
muß ohne Hilfe der Angst vor irdischer und himmlischer 
Slrafe durchgeführt werden. Erklären Sie ihm, daß ein 
kleines Kind mehr Pflege benötigt, daß er vorher die 
gleiche Sorgfalt genossen hat, daß er schon ein großer 
Junge ist und legen Sie ihm feierlich die erste Hose an. 
Diese wird ihm Verpflichtungen auferlegen, sich würdig 
zu benehmen und Knaben, die Hosen tragen, pflegen nicht 
mehr Lippen und Nägel zu beißen ... Nichtwahr? Das 
kommt niemals vor... 

Es grüßt Sie viele Male 

Ihr getreuer 

Dr. W. St. 



58 



VI. 

Liebe Freundin! 

Wenn Sie einmal Zeit und Muße haben, beobachten 
Sie die Mütter und die Erzieherinnen in einem öffentlichen 
Park. Ich versichere Ihnen, daß ich oft an mich halten 
muß, um nicht einzugreifen und mich des mißhandelten 
Kindes anzunehmen. Ich will nicht von den gewissenlosen 
Müttern und Erzieherinnen reden, die sich im Garten ein 
Rendezvous gegeben haben und das Kind nolens volens mit- 
nehmen mußten. Kinder haben eine feine Witterung für das 
Unerlaubte und reagieren sofort mit Eifersucht gegen den 
Mann, der ihnen die Aufmerksamkeit und Zuneigung raubt. 
Während sie sonst gerne mit anderen Kindern gespielt 
haben, kleben sie dann an der Mutter oder der Gouver- 
nante und verlangen, daß man sich mit ihnen beschäftigt. 
Sie werden schlimm und machen allerlei Unarten. Ver- 
gebens droht die Mutter und versucht des kleinen Quäl- 
geistes und Störefried ledig zu werden. Das Kind klagt 
plötzlich über Bauchschmerzen, über Hunger, es weint 
ohne Grund oder will nach Hause gehen. Die Mutter ver- 
liert die Geduld und es kommt zu Affektreaktionen. Ich 
hatte Gelegenheit, so eine Szene zu beobachten. Die ge- 
putzte Mutter befand sich in anregender Unterhaltung mit 
einem jungen Manne, der vergebens durch Schmeicheleien 
das Kind zu beruhigen suchte. (Vorsichtige Liebhaber 
pflegen bei dieser Gelegenheit sich mit einer Tüte Bonbons 
zu versehen.) Die leichtsinnige Mutter, die vielleicht gar 
nicht den Ehrentitel einer Mutter verdient, war entschieden 
mehr mit dem „fremden Manne", der dem Kinde als der 
neue Onkel vorgestellt wurde, beschäftigt, als mit dem 
eigenen Kinde. Das Kind heulte und verlangte nach Hause. 
Da drohte die Mutter: „Ich gehe fort und lasse dich hier 

59 



_ 



I 



ganz allein unter den fremden Leuten I". Sie machte auch 
Anstalten, fortzulaufen, das Kind klammerte sich an ihre 
Rockschöße, der fremde junge Mann lächelte verlegen, 
die ganze Umgebung blickte interessiert dieser Kinder- 
tragödie zu. Das arme Kind erblaßte, heulte „bleib hier 
Mutti!", die Mutter blieb, das Kind weinte leise vor sich 
hin, während die Frau ihr hochanregendes Gespräch fort- 
führte. 

Wie oft habe ich als Kinderarzt diese fürchterliche 
Drohung gehört: „Wenn du nicht brav bist, gehe ich fort 
und komme nicht mehr zurück!" Unauslöschlich gräbt 
sich dieser Eindruck in das Kinderhirn. Es bilden sich 
dann nach vielen Jahren nervöse Störungen, Angst das 
Liebste zu verlieren, Wunsch den geliebten Partner immer 
bei den Händen zu halten, Angstzustände beim Weggehen 
geliebter Personen, usw. . . . aus. 

Ich nehme an, daß meine Briefe nur von guten 
Müttern gelesen werden und von solchen, die es werden 
wollen. Es wird aber leider verschiedene Frauen geben, 
die teils aus Leichtsinn, teils aus sexueller Not, teils aus 
wirklicher Liebe sich ein Rendezvous geben und ein Kind 
mitnehmen wollen oder müssen. Mögen sie sich sagen 
lassen, daß es eine große Verantwortung ist, die sie auf 
sich laden. Sie mögen an mein Gesetz denken, sich vor 
Kindern wie vor Erwachsenen zu benehmen. Ich will 
mich hier nicht in Details einlassen. Die kurzen An- 
deutungen mögen genügen. Aber ich könnte grauenhafte 
Geschichten von Kindern erzählen, die Zeugen der Liebes- 
abenteuer ihrer Mutter waren. Etwas Hohes und Heiliges, 
der Glaube an die Mutter, stürzt in diesen Kindern zu- 
sammen. Die leichtsinnige Rechtfertigung „Ein Kind ver- 
steht das nicht und wenn es größer wird, hat es alles ver- 
gessen!", gilt nicht. Ein Kind vergißt nichts — nur das 
Nebensächliche. 

Solche Gedanken kamen mir im Kinderpark. Ich sah 
eine Reihe von unglücklichen Seelenkranken, die Unvor- 

60 






sichtigkeit und Unverstand ihrer Erzieher zu seelischen 
Krüppeln gemacht hat. Ist schon die Beobachtung des 
elterlichen Verkehres für das Kind mitunter ein erschüt- 
terndes Erlebnis, um wie viel mehr eine Untreue ihrer 
Mutter! 

Ich habe Frauen behandelt, die ihre Mutter als Kind 
zu den verschiedenen Zusammenkünften mit den Onkels 
mitgenommen hat. Die Onkels brachten immer reichlich 
Geschenke. Und das Kind wurde abgerichtet, den Vater zu 
belügen. Vater fragte dann: „War die Mutti allein oder hat 
sie jemand getroffen?" Und das Kind wußte schon, daß es 
seine Mutter nicht verraten durfte und log mit frecher 
Stirne: „Mutti war ganz allein und hat die ganze Zeit mit 
mir gespielt und mir dann die schönen Sachen gekauft." 

Lassen Sie mich den Schleier ziehen über diese 
dunklen Abgründe menschlicher Verworfenheit! Ersparen 
Sie mir die Schilderung, wie sich diese Erziehung zur 
Lüge und zum Betrug in dem Charakter des Kindes später 
ausgedrückt hat. Nur eines will ich Ihnen verraten. Das 
Kind wurde eine schöne Frau und hat einen lieben, guten 
Mann ohne Grund, ohne ein einziges inneres und äußeres 
Motiv betrogen und dann schwer darunter gelitten... 

Das alles ging mir im Garten durch den Kopf, als ich 
plötzlich eine Gouvernante dem Kinde drohen hörte: 
„Wenn du nicht brav bist, hänge ich dich mit den Füßen 
so an den Baum, daß die Würmer deine Augen fressen 
werden!". Diesmal konnte ich nicht meiner Erregung Herr 
werden und wies die Sadistin zurecht. Da kam ich schön 
an . . . Ich solle mich nicht in Sachen mengen, die mich 
nichts angingen. 

Hier haben Sie ein schönes Beispiel der Erziehung 
zur Grausamkeit. Solche Eindrücke werden später aus 
Angstvorsiellungen zu Lustvorstellungen, da das Kind jede 
Angst gerne in Lust verwandelt. Lassen Sie Ihre Kinder 
nie beim Ausweiden der Fische, beim Abstechen des Ge- 
flügels zusehen! Es gibt Väter, die ihre Kinder mit auf die 

61 



Jagd nehmen. Ich weiß, daß ich mir viele Feinde mache, 
wenn ich mich mit der ganzen Jagd nicht einverstanden 
erkläre. Wenn mich etwas außer Birchers lichtvollen 
Darstellungen zum Vegetarier machen könnte, so ist es 
die Vorstellung, daß meinetwegen Tiere getötet werden. 

Kinder vertragen das Unrecht nicht! Sie hängen oft 
ihr Herz an Tiere und lieben ein bestimmtes Huhn oder 
ein Kaninchen mit glühender Leidenschaft. Wie wirkt es 
dann auf die Kinderseele, wenn das geliebte Tier ge- 
schlachtet und verspeist wird? Atavistische Regungen des 
Kannibalismus erwachen zu neuem Leben. Ich erinnere 
mich, wie ich als Knabe weinte, weil ich glaubte, daß 
unsere Pferde überanstrengt würden und ich die Rippen 
der in Wahrheit gutgepflegten Tiere sehen konnte. Ich be- 
schwor Vater, die Pferde nicht so lange laufen zu lassen 
und war untröstlich, wenn der Kutscher die Peitsche ge- 
brauchte. Sehr früh hat sich in mir die Liebe zu Tieren 
entwickelt, während andere Knaben um diese Zeit die 
Tiere zu quälen pflegten, Maikäfer einfingen und sie als 
Kreisel verwendeten, Fliegen die Flügel ausrissen, oder sie 
den Spinnen vorsetzten. 

Ach — Kinder können unendlich grausam sein und 
Eltern können nicht früh genug beginnen, gegen diese 
Grausamkeit mit Vernunft, Liebe und Überredung anzu- 
kämpfen. Ich habe noch immer gefunden, daß Kinder, die 
geschlagen werden, sich später an den Tieren für ihre 
eigene Mißhandlung rächten. 

Vielleicht könnte ich an dieser Stelle ein trauriges 
Beispiel von der Grausamkeit der Kinder und deren Folgen 
anführen. 

Ein in den Vierzigern stehender Mann, der sehr tier- 
freundlich und Mitglied des Wiener Tierschutzvereins war, 
stand wegen eines quälenden, bislang unheilbaren Asthmas 
in meiner Behandlung. Er hustete ganze Nächte lang und 
hatte erst Ruhe, wenn er ein kleines Stück fadenförmigen 
Schleimes herausbringen konnte. In der Analyse kam 

62 



zutage, daß sein Leiden eine Selbstbestrafung für eine 
unerhört grausame Tat seiner Kindheit war. Er hatte ein 
Stück Fleisch an einen Bindfaden gebunden und einer Katze 
vorgesetzt. Die Katze verschlang das Fleisch, konnte aber 
des Bindfadens nicht Herr werden. Sie würgte und würgte 
und war nicht imstande, ihn ganz zu verschlucken oder 
zu erbrechen. Der Knabe weidete sich an den Qualen der 
Katze. Am nächsten Morgen fand man die Katze tot... 
Überdies hatte er einen armen, kranken Mann verlacht, der 
immerwährend hustete, und pflegte seinen Husten spottend 
nachzuäffen. Dieser Mann hob seinen Stock, an dem er 
humpelte und verfluchte den Knaben. Beide Erlebnisse 
erwiesen sich als der Kern des Asthmaleidens, das sich 
als eine Gewissenskrankheit entpuppte. 

Man hüte auch die Kinder vor Gesprächen, die über 
Mord und andere Berichte handeln. Oft wird etwas aus 
der Zeitung vorgelesen und man vergißt, daß sich ein Kind 
im Zimmer befindet, das diese Nachrichten gierig in sich 
aufnimmt und sie dann in seinen Phantasien verwertet. 
Auch soll man Kindern keinen Unsinn einreden wollen 
und strenge die Gesetze der Logik verwenden, als ob man 
mit Erwachsenen reden würde. 

Ich komme jetzt auf den Kinderpark zurück. Ein etwa 
fünfjähriger Knabe klagte seinem Fräulein, daß ihm so 
schrecklich heiß sei. „Siehst du, du schlimmer Bub" — 
fuhr ihn das Mädchen an — „am Morgen hast du ge- 
schrien, daß dir zu kalt ist und jetzt ist dir wieder zu 
heiß!" Als ob Kälte und Hitze nicht zwischen Morgen und 
Mittag abwechseln könnten! 

Es ist eine sonderbare Welt, in der wir leben. In 
jedem Beruf verlangen wir einen Befähigungsausweis, aber 
wir vertrauen unsere Kinder Menschen an, von denen wir 
nicht wissen, ob sie auch die pädagogische Eignung zu 
diesem Berufe haben. Die Frage „Sind Sie kinderlieb?" 
wird freilich gestellt, aber wie soll denn die Antwort aus- 
fallen? Wird eine dieser sogenannten Erzieherinnen sagen: 



63 



„Oh — nein ich hasse kleine Kinder und befasse mich 
nur mit ihnen, weil ich gerade keinen anderen Erwerb 
habe." Es ist die gleiche lächerliche Frage, die der Gast 
im Wirtshause stellt, wenn er sich erkundigen will, ob 
das Fleisch auch frisch sei, worauf er gewiß die tröstliche 
Versicherung erhalten wird, es sei ganz frisch, auch wenn 
es schon faul und verdorben ist. 

Ich plaidiere also für eine Schule, in der kommende 
Mütter und Mädchen, die zu Kindern gehen sollen, ent- 
sprechend vorgebildet werden. 

Wichtig ist es zu wissen, daß Kinder einen ungeheuren 
Wissensdrang haben und unzählige Fragen stellen, die die 
Eltern ermüden. Ich habe schon erwähnt, daß öfters hinter 
diesem Fragezwang die eine Frage steht: Woher kommen 
die Kinder? Aber abgesehen davon, herrscht im Kinde ein 
unstillbarer Wissensdurst, es saugt wie ein trockener 
Schwamm das Leben in sich auf. Damit hängt auch die 
Neugierde zusammen, an der alle Kinder leiden und dann 
am meisten, wenn man viele Geheimnisse vor ihnen zu 
verbergen hat. Ich halte es deshalb für einen Fehler, wenn 
Eltern vor ihren kleinen Kindern eine fremde Sprache 
sprechen, die das Kind nicht versteht. Oder wenn sie 
dem Kinde sagen: „Das kannst du noch nicht verstehen!" 
Man versuche immer eine dem Fassungsvermögen des 
Kindes angepaßte Antwort zu geben, die den Kern der 
Wahrheit enthält. 

Oft erklären die Eltern dem Kinde etwas, das Kind 
kann es nicht begreifen, dann wird der Vater wild und 
erklärt, daß der Junge dumm sei und das er sich schämen 
müsse, einen so dummen Sohn zu haben. Solche Be- 
merkungen entmutigen das Kind und können die Wurzel 
eines Minderwertigkeitsgefühles werden. Böse ist es, 
wenn Tadel und Straf envor fremden Leuten an- 
gewandt werden. Viele Kinder nehmen sich den Tadel 
in der Familie nicht sehr zu Herzen, leiden aber entsetz- 
lich, wenn diese Bemerkungen vor fremden Leuten fallen, 

64 



oder in einem öffentlichen Garten vorgebracht werden, wo 
„die Anderen" es hören können. 

Über das Produzieren vor fremden Leuten habe ich 
schon geschrieben. Noch schlimmer aber wirkt das Be- 
strafen und Tadeln vor Leuten, die nicht zum engen Kreis 
der Familie gehören. Mütter mögen sich das merken und 
ihre Erziehungskünste nicht in den öffentlichen Gärten 
zeigen. 

Liebe Freundin! Sie sind unglücklich, weil Ihr Knabe 
bereits seinen ersten Diebstahl begangen hat und zwar mit 
vier Jahren. Er fängt früh an! Er hat seinem Schwester- 
chen eine Puppe gestohlen, die ihm sehr gefallen hat, und 
hat diese Puppe im Garten versteckt. Noch mehr! Er hat 
frech gelogen, als Sie ihn fragten, ob er wisse, wo die 
Puppe sei, und sogar geäußert, der Hund habe sie fort- 
getragen. Er habe es ganz bestimmt gesehen . . . 

Nehmen Sie die ganze Angelegenheit nicht so tragisch 
und hüten Sie sich vor Moralpauken, vermeiden Sie es, 
von der Strafe Gottes zu reden, der alles sieht und alles 
bestraft. Der Knabe beneidet seine Schwester und raubt ihr 
symbolisch den Teil der Liebe, den Sie dem anderen Kinde 
geben müssen. Es wäre töricht, dem Kinde mit dem 
Pfarrer zu drohen, zu dem man es führen werde, was 
leider auch öfters vorkommt, wie das Drohen vor der 
Schule. („Warte, bis du in der Schule bist, der Lehrer wird 
dich schon zu zähmen wissen!") Dadurch würden Sie nur 
Angst vor Gott, vor dem Pfarrer, vor dem Lehrer be- 
wirken. 

Was haben die Kinder für sonderbare Vorstellungen 
vom lieben Gott, Vorstellungen, die ihnen von den Er- 
ziehern eingetrichtert wurden! Rührend war der kleine 
Erwin, der sich bemühte leise zu denken, damit Gott das 
Denken nicht hören sollte. Ein Knabe, der immer die 
Anzüge des älteren Bruders tragen mußte, während der 
glücklichere Bruder funkelnagelneue bekam, beklagte sich 
beim lieben Gott und sagte in seinem Abendgebet: „Lieber 

65 

5 Stekel, Briefe an eine Mutter 






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• 



Gott, mach, daß mein Bruder die Kleider so zerreißt, daß 
ich sie nicht mehr tragen kann!" (Solche selbstverständ- 
liche Vorgänge, wie das Richten der abgetragenen Kleider 
für den Jüngeren oder für die Jüngere, erzeugen Haß 
gegen die Älteren und ein bedrückendes Gefühl der Zu- 
rücksetzung.) 

Der Ältere ist immer der Stärkere und der Geschick- 
tere. Es ist selbstverständlich, daß er seine Überlegenheit 
ausnützt und sie gegen den Rivalen ausspielt. Sie müssen 
dann dem Jüngeren vorhalten, daß er genau so klug und 
so stark sein wird, wenn er einmal älter sein wird. t 

Noch stärker wirkt das Beispiel der Eltern, die es 
mitunter mit der Wahrheit nicht genau nehmen und dem 
Kinde immer vorhalten, wie brav und bescheiden sie in 
der Jugend gewesen sind, wobei natürlich immer Gedächt- 
nisfehler mithelfen. Denn wir vergessen so gerne, was uns 
zu erinnern peinlich ist! Vielleicht wird das folgende Bei- 
spiel aus dem Leben die Eltern mahnen, vorsichtiger mit 
dem Eigenlob zu sein. Die fünfjährige Erna hatte eine 
Mutter, deren schwache Seite es war, vor den Kindern und 
vor Fremden ihre Tugenden und Vorzüge herauszu- 
streichen. Woher das Kind die Weisheit genommen hat? 
Ich konnte das nicht ermitteln. Es war spät abends. Die 
Mutter lag schon im Bette. Da schlich sich Klein-Erna an 
das Bett der Mutter und sagte ihr leise ins Ohr: „Mamal 
Eigenlob stinkt!" 

Kinder denken auch voraus. Der kleine Hans, ein vier- 
jähriger Knirps, hebt seine alten Schuhe auf. „Wozu hebst 
du die Schuhe auf?" „Für meine Frau!" — sagt er ganz 
ernst. Er sah, wie seine geizige Großmutter alle Reste auf- 
bewahrte und sie zu verwenden trachtete. Ein anderes 
Mal schenkte seine Mutter ein Paar zu enge, aber gut er- 
haltene Schuhe einer armen Verwandten. Der Knabe war 
darüber ungehalten und meinte, man solle sie für seine 
zukünftige Frau aufheben. Er ließ sich ungerne Nägel und 
Haare schneiden, die er als sein Eigentum betrachtete. 

66 



i 



t 



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Solche Kinder halten auch gerne Stuhl und Urin zurück, 
lassen sich kaum bewegen, einen Zahn ziehen zu lassen. 
Sie haben einen pathologischen Eigentunisbegriff und 
sparen für die Zukunft. 

Mein Mütterlein erzählte mir oft die Geschichte, (ich 
glaube aus Hebels Schatzkästlein), daß ein Großvater, der 
im Ausgedinge bei seinen Kindern lebte, sehr schlecht be- 
handelt wurde. Eines Tages sah die Mutter, wie der kleine 
Georg ein gänzlich zerfetztes Leintuch hinter dem Ofen 
versteckte. „Was machst du denn, Kleiner?" „Ich hebe es 
für dich auf, wenn du einmal älter wirst und bei mir 
wohnen wirst." Die Geschichte mag erfunden sein, sie 
kann aber auch aus dem Leben stammen. Die ersten 
Kinder eindrücke sind die erste Schule des Kindes. Der 
Charakter der Eltern, ihr Benehmen, ihre Vorzüge färben 
auf die Kinder ab. Man spricht gerne über vererbte Eigen- 
schaften. Sie sind gewiß sehr wichtig. Viel bedeutsamer 
sind die anerzogenen Eigenschaften, die sich als Imitation 
der Eltern entpuppen. 

Viele Eltern widmen ihren Kindern Erziehungsstunden 
und vergessen, daß ihr ganzes Dasein, ihr Benehmen, ihre 
Anwesenheit und ihre Abwesenheit schon Erziehung be- 
deutet. 

Deshalb müssen die Eltern bedenken, daß 
ihr Leben der Anschauungsunterricht der Kin- 
der ist. Nicht ihre Reden! Nein — ihre Taten. 

Das Kind urteilt nicht nach den Reden, es urteilt aus 
der Beobachtung der Tatsachen. 

Je aufrichtiger Sie mit dem Kinde sind, desto auf- 
richtiger wird es Ihnen gegenüber werden. Und vergessen 
Sie nie, daß Kinder ein eigenes Leben haben. Eltern wollen 
aus den Kindern eine Filiale ihres eigenen Lebens machen. 
Aber das Kind hat das Recht auf das eigene Leben. Der 
kleine Max hatte nicht so unrecht, der Großmutter zuzu- 
rufen, als sie ihn zwingen wollte, Stuhl abzusetzen: „Es 
ist ja mein Bauch und nicht dein Bauch, Großmama!" 

5« 67 












68 






7 

Freilich, das Stehlen der Puppe hat schon die Grenze 
des Erlaubten überschritten. Da müssen Sie Ihrem Kiemen 
schon den Unterschied zwischen Mein und Dein begreiflich 
machen. Das ist freilich nicht so leicht zu begreifen, als 
es den Anschein hat. Denn dem Kinde gehört die ganze 
Welt und es lernt nichts so unwillig und so schwer wie 
den Eigentumsbegriff. Ihr Kleiner will Sie auch ganz haben 
und hat noch nicht das große Geheimnis des Lebensglückes 
erlernt: Teilen zu können! Doch Hand aufs Herz. Wie 
viele Große haben es wirklich gelernt? In dieser Hinsicht t 

gibt es zahllose Kinder unter den Erwachsenen und 
mancher Bruder, der selbst zehn Puppen hat, neidet dem 
Bruder die elfte . . . 

Es grüßt Sie herzlichst 

Ihr getreuer 

Dr. W. St. 






* 



* 



* 



V- 






VII. 



Liebe Freundin! 



Sie tun gut daran, die Spiele Ihrer Kinder genau zu 
beobachten. Das Spiel ist einerseits eine Vorbereitung für 
die Aufgaben des Lebens und andrerseits ein Ausleben der 
phantastischen Pläne. Früh verrät sich das Talent des 
Kindes, wenn man ihm die Wahl des Spieles überläßt und 
seine Phantasie nicht gewaltsam einschränkt. In reichen 
Familien herrscht die Unsitte, das Kind mit Geschenken 
zu überhäufen und ihm solche Spielsachen zu schenken, 
die die Welt der Großen in kleiner Ausgabe imitieren. 
Die Erfahrung lehrt, daß dieses Entgegenkommen zur 
Wirklichkeit ganz überflüssig ist. Das reiche Kind hat eine 
sprechende Puppe, die Mama sagen und die Augen be- 
wegen kann. Es hat mehrere Kleider, reiche Wäsche für 
die Puppe, einen Kinderwagen, ein kleines Bett usw. Das 
arme Kind nimmt ein Stück Holz, einen bunten Fetzen und 
die Phantasie ergänzt in wundervoller Bereitwilligkeit das 
Fehlende. Es mag dabei glücklicher sein, denn es voll- 
bringt dabei eine gewisse Leistung — ohne Hilfe der 
Großen. Die Großen begehen oft den Fehler, immer mit 
dem Kinde zu spielen und sich fortgesetzt mit ihm zu be- 
schäftigen. Wenn das Kind Ihrer Freundin wieder seine 
Mutter mit der Frage quält. „Mama, was soll ich machen?", 
so zeigt diese Tatsache, daß die Mutter ihr Kind verwöhnt 
und es nicht erzogen hat, allein zu spielen. Das Spiel 
fördert die Schöpfer-Kraft der Phantasie. Die Erwachsenen 
sollen hie und da anregen, aber nicht das Spiel unaufhör- 
lich dirigieren, — es sei denn, daß sie selbst zu Kindern 
werden können, wenn sie mit ihnen spielen. 

Am besten ist es freilich, wenn Kinder nur mit Kindern 
spielen. Kinder, die einsam, in der Gesellschaft Erwachsener 



69 






aufwachsen, werden leicht zu Sonderlingen und Eigenbröd- 
lern umgestaltet. Sie werden frühreif und bleiben trotzdem 
in den Schlingen der Jugend gefangen. Sie hängen an der 
Familie, fürchten alle fremden Menschen, zeigen das be- 
kannte Phänomen der Schulangst, über das wir noch 
sprechen werden. Wenn Sie keine gleichaltrige Gesellschaft 
'für Ihre Kinder finden können, so tun Sie gut, den Knaben 
in eine Spielschule zu geben. Viele Mütter fürchten, das 
Kind könnte sich eine Infektionskrankheit holen und 
scheuen sich vor fremden Kindern. Ich habe immer den 
günstigen Einfluß der Kindergärten und Spielschulen be- 
obachten können. Es ist ein großer Vorteil, daß sich die 
Kinder unter Aufsicht einer pädagogisch geschulten Kinder- 
gärtnerin allerlei Fertigkeiten aneignen. Wenn ich auch 
nicht mit allen Einrichtungen einer Montessorischule ein- 
verstanden bin, so muß ich zugeben, daß diese Schulen 
sehr segensreich wirken und einen großen Fortschritt be- 
deuten. Pestalozzi, Fröbel und Montessori — zählen zu den 
großen Wohltätern der Menschheit. 

Sie werden immer wieder beobachten können, wie das 
Kind in seinen Spielen die Großen imitiert. Ist das Kind 
allein, so spielt es gerne ein Bewegungsspiel, in dem es 
Macht über die toten Dinge erhält. Der Knabe ist ein 
Kutscher, ein Kondukteur, er führt einen ganzen Eisen- 
bahnzug. Dabei benötigt er gar keine künstlichen Eisen- 
bahnen und Maschinen. Ein paar Stühle genügen und er 
fährt im Fluge um die ganze Welt. Doch glauben Sie ja 
nicht, daß diese Spiele so harmlos sind, wie sie aussehen. 
Der Knabe spielt nicht nur Fahren, sondern auch Über- 
fahren. Das Stück Holz wird ein Gewehr und er spielt 
Schießen und Erschießen. Sie werden bald merken, daß 
der ganze Alltag vom Kinde zum Spielen verwendet wird. 
Die Kinder essen Nudeln und spielen dabei Menschen- 
fresser, wenn sie durch die Märchen auf diese Unholde 
aufmerksam gemacht werden. Sehr früh lernen sie, die 
feindseligen Gedanken zu verbergen und zu heucheln, 

70 






wenn sie für die Wahrheit getadelt oder gar bestraft 
werden. 

Sie haben Ihre Kinder dabei überrascht, wie sie Vater 
und Mutter gespielt haben. Dieses „Haushaltspiel", ebenso 
wie das „Doktorspiel" ist bei Kindern sehr beliebt und 
endet, wenn sie unter sich sind, mit einer sexuellen Szene. 
Ich kenne aus eigener Beobachtung viele Fälle, in denen 
Kinder zwischen drei und vier Jahren das „Vater und 
Mutterspiel" bis zur äußersten Konsequenz getrieben 
haben. Selbstverständlich handelte es sich um Kinder, die 
imitierten, was sie im Schlafzimmer der Eltern beobachten 
konnten. 

Auch das Doktorspiel endet bei den meisten Kindern 
mit einer sehr gründlichen Untersuchung des Partners, der 
den Patienten darstellt. Die sexuelle Neugierde der Kinder 
ist ungeheuer groß, ebenso ihre Erfindungsgabe. Würde 
man es für möglich halten, daß zwei Knaben zwischen 
6 und 7 Jahren, einen Sprayapparat ihrer Mutter benützten, 
um dem vierjährigen Schwesterchen Luft in den Mastdarm 
einzublasen, welche Luft dann unter großem Gelächter der 
Beteiligten geräuschvoll der Außenwelt wiedergegeben 
wurde? Werden die Kinder sich allein überlassen, so 
kommen sie sehr oft zu gegenseitigem Betasten, wobei der 
„Popo" eine größere Rolle spielt, als der Vorderteil ... In 
der Phantasie der Kinder treten Stuhlabsetzen, Winde und 
Urinlassen in unendlichen Variationen in den Vordergrund. 
Viele Kinder glauben, daß das Kind wie der Stuhl durch 
den After auf die Welt kommt und spielen beim Stuhl- 
absetzen Kindergebären. Die Zurückhaltung des Stuhls 
dient der Erhöhung der Lust und auch ganz anderen Ten- 
denzen, die sich gegen die zu erwartenden Geschwister- 
Rivalen richten. Die Kinder spielen „Gebären" und der 
Rivale darf nicht zur Welt kommen. 

Liebe Freundin! Sie erwarten ein drittes Kind, Ihr 
Knabe ist jetzt fünf Jahre alt und weiß es ganz genau, was 
seiner und Ihrer harrt. Das ist der psychologische Moment, 

71 






• 



in dem er sich mit seiner Schwester gegen den neuen 
Feind verbünden wird. Sie verstehen nicht, warum er in 
letzter Zeit sein Spielzeug und alle Gegenstände, die ihm 
erreichbar sind, zum Fenster hinauswirft. Er spielt eben 
das Hinauswerfen der Geschwister. 

Ich kenne einen Mann, der seine Eltern leidenschaftlich 
liebte und das Unglück hatte, der Älteste von dreizehn 
Kindern zu sein. In seinem fünften Lebensjahre, als wieder 
ein Kind kam, hatte er die Manie, alles aus dem Fenster zu 
werfen. Als man ihn an die Wiege des vierten Bruders rief, 
schrie er auf: „Man soll ihn zum Fenster hinauswerfen!" 
Kurze Zeit darauf überraschte er seinen Vater mit einem 
sinnigen Geschenk. Er legte ihm drei Häufchen Stuhl auf 
den Schreibtisch, als ob er ihm sagen wollte: „Ich kann 
dir auch Kinder schenken!" Der Stuhl ist in den Augen 
des Kindes ein kostbarer Schatz! Es kennt den Ekel der 
Erwachsenen nicht. Der kleine II. brachte seinem Vater 
ein Stück in Papier gewickelten Stuhl und sagte: „Da hast 
du ein gutes Schokoladebonbon!". Bei einer anderen Ge- 
legenheit füllte er seine Taschen mit Ziegen- und Hundekot. 

Auffallend ist es, wie oft die Kinder in ihren Spielen 
sich mit Tieren identifizieren. Das Pferdchenspiel ist wohl 
das beliebteste. Es kommen aber auch Identifizierungen 
mit Hunden, Katzen, Hühnern, Wölfen, Bären und Löwen 
vor, wobei diese wilden Tiere das Ausleben der Grausam- 
keit und der kannibalistischen Instinkte gestatten. 

Diese Grausamkeit richtet sich gegen alle Objekte, die 
der Liebe des Kindes hinderlich sind. Das Kind kann nicht t 

teilen, selbst mit Vater und Mutter nicht. Beseitigungsideen 
treten sehr früh auf, richten sich gegen die Eltern und Ge- 
schwister und erzeugen ein böses Gewissen. Mit dem bösen 
Gewissen melden sich die ersten nervösen Erscheinungen. 
Angstzustände können bei Kindern sehr früh auftreten, be- 
sonders Angst vor Dunkelheit, Einsamkeit, vor Räubern und 
Einbrechern und vor Tieren. Auch die Erscheinungen der 
Zwangskrankheit treten in sehr früher Jugendzeit auf und 

72 



> 















mahnen die Eltern zu besonderer Vorsicht. Meine Er- 
fahrungen zeigen, daß die Zwangskrankheiten ungemein 
zugenommen haben und daß sich ihre Spuren fast immer 
bis in das vierte und fünfte Lebensjahr zurückführen 
lassen. Diese ersten Zwangserscheinungen werden von den 
Eltern als Faxen leichthin abgetan, das Kind wird ermahnt 
oder bestraft, statt daß man sich mit dem Seelenleben des 
Kin'des eingehend beschäftigt. 

Zwangserscheinungen bei Kindern erfordern das Ein- 
greifen einer Heilpädagogin, die es Versteht, das Vertrauen 
des Kindes zu erobern und die den „Abbau des Konfliktes" 
und die „Auflösung des Schuldbewußtseins" durchführen 
muß. Das ist keine leichte Aufgabe! Glücklicherweise wer- 
den in meiner Schule und in den psychotherapeutischen 
Schulen anderer Richtung talentierte Heilpädagoginnen 
ausgebildet. Zahlreiche Publikationen der letzten Jahre be- 
richten über aussichtsreiche Erfolge der Kinder-Analyse. 

Was verstehen wir unter Zwangserscheinungen? Nun, 
Sie haben mir ja selbst geschrieben, daß Ihr Knabe bei 
passenden und unpassenden Gelegenheiten zu lachen an- 
fängt und das dieses „unmotivierte Lachen" zwangsmäßig 
anhält, mitunter aber sogar in Weinen übergeht. Ebenso 
ist das Zwangsweinen, der Weinkrampf der Kinder, ein 
Alarmsymptom, das zur Vorsicht mahnt. Zu den Zwangs- 
erscheinungen gehören auch das Grimassieren, die ver- 
schiedenen Formen des Ticks, das krankhafte Blicken 
nach der Uhr, nach dem Fenster, das Zählen der Fenster- 
scheiben, allerlei merkwürdige Bewegungen, verschiedene 
Zeremonielle bei Auskleiden und Anziehen, Aussprechen 
sinnloser Formeln und Worte. Das Kind macht einige 
Schritte vorwärts und dann zurück, verweigert plötzlich 
ohne Grund gewisse Lieblingsspeisen, will einen Tag nichts 
essen, zeigt die Tendenz, sich selbst zu bestrafen, wieder- 
holt bei Tag die ihm eingelernten Gebete mehrere Male 
u. a. m. 



73 



Es ist unmöglich, hier eine abschließende Schilderung 
der infantilen Zwangskrankheit zu geben. Ich will nur einige 
kleine Beispiele anführen. Ein fünfjähriges Mädchen, das 
zwangsmäßig immer sagen muß: „Fermez la porte! Ouvrez 
la porte!" Trotz Verbotes und Strafe muß es diese sinnlose 
(nur für die Eltern sinnlose) Formel immer wieder aus- 
sprechen. (Solche Kinder bringen die Eltern dadurch oft in 
Verlegenheit. Das Beste ist, einfach darüber hinweg zu 
gehen.) Andere Beispiele: Ein vierjähriger Knabe, der sich 
vor jedem Bilde in der Wohnung dreimal verbeugen muß, 
ein sechsjähriger Knabe, der stundenlang seine Spielsachen 
putzt, weil sie staubig und schmutzig geworden sind. 

In vielen Fällen gehen diese Zwangserscheinungen 
ohne weitere Folgen für das spätere Leben vorüber. Oft 
sind sie der Beginn eines schweren Seelenleidens, das 
seinen Träger sozial unbrauchbar und oft sogar voll- 
kommen arbeitsunfähig macht. 

Geht man mit Strenge gegen die Kinder vor, so erzielt 
man nur, daß sie sich verbergen und heucheln lernen. Am 
besten tut man doch, wenn man die Kinder vorübergehend 
einer Heilpädagogin anvertraut, welche die Aufgabe hat, 
die Erziehungsfehler gut zu machen. Die Zwangskrank- 
heiten sind die Folgen verschiedener Erziehungsfehler. 

Aber lassen Sie sich zum Tröste sagen, daß man eben 
Erziehungsfehler nicht vermeiden kann und daß auch die 
sorgfältigste Erziehung die Entstehung einer infantilen 
Zwangskrankheit nicht verhindern kann, sobald sich ein 
„böses Gewissen" kristallisiert. 

Ihr Kleiner zeigt auch sehr große Angst vor Katzen 
Die Tierphobie ist bei Kindern ungemein verbreitet. 
Die Angst kann sich auf Pferde, Hunde, Vögel, Käfer, 
Schmetterlinge, kurz auf jedes Tier erstrecken und hat 
nicht immer eine seelische Ursache. Glücklicherweise sind 
diese Kinderphobien sehr leicht zu heilen, wenn diese 
Kinder in die richtige Hand kommen. 



74 



& 



« 



* 



Ein kleines Beispiel möge hier eine rasche Heilung 
einer Kinderphobie illustrieren. Die sechsjährige Erna 
weigert sich plötzlich, mit der Mutter die Straße zu 
kreuzen. Sie könnte überfahren werden. Zureden, Drohen, 
Versuch einer logischen Erklärung bleiben nutzlos. (Es 
ist für die Eltern wichtig zu wissen, daß man mit Ver- 
stand gegen diese Angstzustände kaum ankämpfen kann. 
Es handelt sich ja um einen verschobenen Affekt.) Der 
Seelenarzt, zu dem das Kind gebracht wird, erkundigt 
sich nach den Verhältnissen, in denen das Kind auf- 
wächst. Die Mutler ist von dem Vater des Kindes ge- 
schieden, lebt in ziemlich engen Verhältnissen, liebt einen 
verheirateten Mann, der vergeblich versucht, von seiner 
Frau die Freiheit zu erkämpfen, um dem Kinde und der 
Mutter ein neues Heim zu bieten. Erna ist also auf den 
„Onkel" eifersüchtig und wünscht ihm den Tod. Sie hat 
davon gehört, daß man auf der Straße vorsichtig sein soll, 
da man überfahren werden könne, was ja sterben heißt. 
Der Seelenarzt erkennt, daß das Kind den jetzigen Zustand 
nicht ertragen kann. Auch hört er, daß die Kleine nach 
ihren schwachen Kräften versucht, Zwietracht zwischen 
der Mutter und ihrem zukünftigen Gatten zu säen. Die 
Mutter wartet an einer bestimmten Straßenecke auf den 
Mann. Erna ist ungehalten. „Warum wartet er nicht auf 
uns, warum müssen wir immer auf ihn warten?" wirft 
sie der Mutter vor. Die Mutter schneidet Zwiebel für eine 
Lieblingsspeise des Mannes, wobei ihre Augen zu tränen 
beginnen. „Er soll das machen und sehen, wie man dabei 
weinen muß!" sagt Erna der Mutter. 

Eine Heilgehilfin meiner Schule konnte das Kind in 
zwei Wochen von der Phobie befreien. Sie machte dem 
Kinde klar, daß es den Wunsch habe, der Onkel solle 
überfahren werden, darum die Strafe Gottes fürchte, also 
an der Angst leide, selbst überfahren zu werden. Der Er- 
folg war ein glänzender und wurde durch den Umstand 
verstärkt, daß die Mutter mit dem Kinde offen sprach, ihm 

75 



4 



erklärte, daß der Onkel sehr gut sei, für sie wie ein zweiter 
Vater sorgen werde und die Mama sein* glücklich mache. 

Der Onkel studierte damals mit seiner zukünftigen 
Frau fleißig eine Fremdsprache. Verschiedene Bücher 
lagen immer auf dem Tische. Eines Tages sagte Erna ganz 
spontan: „Weißt du, Mama, es ist doch gut, daß du von 
Papa weggegangen bist. Bei Papa könntest du nicht so 
dicke Universitätsbücher lesen und wärst eine ganz ge- 
wöhnliche Frau geblieben. Wir passen besser zum Onkel. 
Er ist gescheit — und wir sind ja auch gescheit!" 

Das Kind zeigte npch manche nervöse Erscheinung, 
die auf den gleichen Konflikt zurückgeführt werden 
konnte. Aber heute, nach sieben Jahren, ist Erna ein voll- 
kommen gesundes, sehr glückliches Kind, dem der Onkel 
vollkommen den Vater ersetzt hat. 

Bei den Kindern geschiedener Eheleute treten solche 
Leiden viel häufiger auf, als in Familien, in denen Mann 
und Frau in glücklicher Harmonie und Ausgeglichenheit 
leben. Ich habe schon in meinem ersten Briefe erwähnt, 
daß nur glückliche Eltern das Recht haben, Kinder in die 
Welt zu setzen. Ach — es beginnt manche Ehe glücklich, 
die Liebe ist Gevatter gestanden, im ersten Rausch er- 
scheint alles rosig, man entschließt sich, das Glück den 
Kindern zu übermitteln, das Band durch Kinder noch 
fester zu gestalten. Leider hat sich die Liebe als Täuschung 
erwiesen. Nachdem der große Rausch verflogen ist und 
die Entgöttlichung des Ideals ihre zerstörende Wirkung 
ausgeübt hat, sehen sich die Ehegatten enttäuscht, aber 
durch die Kinder ewig aneinander gefesselt. 

Deshalb sollte man klugerweise in der Ehe warten, 
ob sich auch die Voraussetzungen, die man an die Ehe 
geknüpft hat, erfüllen. Man ist im Rausche der Liebe leicht 
geneigt, seinem Partner Eigenschaften anzudichten, die 
er gar nicht besitzt. Man schafft sich ein IdeaL das dann 
später unter den Lichtstrahlen der Realität seine Farben 
verliert und zum grauen Alltag verblaßt. Man erkennt zu 

76 



spät die Täuschung. Nun sind die Kinder da, und man 
opfert seine Freiheit und sein Glück den Kindern. 

Aber Kinder sind feinfühlige Wesen und reagieren 
auf die Dissonanzen des Ehelebens mit nervösen Er- 
krankungen. Sie nehmen Partei, auch wenn sie nicht in 
die Streitigkeiten hineingezogen werden. Böse ist es, wenn 
die Eltern streiten und wenn es häßliche Szenen gibt. Oft 
ist die Scheidung die einzige Möglichkeit, das Kind zu 
retten, wobei zu erwägen ist, daß der Konflikt dennoch 
nicht erledigt ist. Das Kind soll einen Eltern teil in regel- 
mäßigen Abständen besuchen, es entbehrt entweder die 
Liebe des Vaters oder die der Mutter... und kommt oft 
von der Scylla in die Charybdis. „Drum prüfe, wer sich 
ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet..." 

Kinder sind unendlich grausam 1 ) und werfen oft ein- 
ander vor, was gerade den Kern eines Minderwertigkeits- 
gefühles ausmacht. Ist die Mutter geschieden oder ist der 
Vater durchgegangen, so können die Gespielen diesen Um- 
stand ausnützen und dem ohnedies schwer leidenden Kinde 
vorwerfen, es habe keinen Vater. Ich könnte erschütternde 
Beispiele erzählen. 

Sie müssen Ihr Kind rechtzeitig anleiten, nicht über 
die Schwächen seiner Kameraden zu spotten, sondern sie 
zu bemitleiden. Was müssen nicht hinkende oder bucklige 
Kinder in der Schule leiden ! S o m m e r s e t M a u g h a m hat 
mit unerreichter Meislerschaft in seinem Romane „Of 
human bondage" das Martyrium eines Knaben geschildert, 
der mit einem Klumpfuß behaftet zur Welt gekommen ist. 

Der kleine Hermann, ein siebenjähriger Junge, sagt 
seiner Mutter: „Warum bin ich denn ein häßliches Kind? 
Warum bin ich nicht so schön wie die andern Knaben?" 
Die erstaunte Mutter, die wohl weiß, daß Hermann einen 
unschönen Mund hat, will den Knaben trösten und meint: 

*) Über den Hang zur Grausamkeit vgl. auch Teil I, Brief IX, 
Seite 67. 

77 



„Aber du bist ja schön!" „0 nein," erwidert das Kind „ich 
bin vielleicht ein braves Kind, aber ich bin nicht schön." 

„Woher weißt du denn, daß du nicht schön bist?" „Es 
gibt doch einen Spiegel! Aber auch die Knaben in der 
Schule haben es mir gesagt. Sie spotten und machen Witze. 
Sie nennen mich das häßliche Fischmaul. Was kann ich 
denn dafür, daß ich ein häßliches Fischmaul habe?" 

Ebenso werden rothaarige oder mit einer andern Ab- 
sonderlichkeit behaftete Kinder in der Schule verspottet 
und leiden dann später an einem Minderwertigkeitsgefühle. 
Was haben erst die armen stotternden Kinder zu erdulden! 
Zum Glück haben wir jetzt gelernt, daß das Stottern eine 
seelische Krankheit ist, die die Heilpädagogin oder der 
Heilpädagoge beheben kann, wenn sie den richtigen Kon- 
takt mit dem Kind zustande bringen. 

Noch schlimmer ist, wenn die Kinder zu Hause von 
den Geschwistern verlacht werden, wenn die Eltern die 
Grundregeln der Pädagogik vernachlässigen und der Mei- 
nung sind, das Ausspotten könnte dazu beitragen, das 
Übel des Stotterns zu beseitigen. Das Kind spielt sich dann 
in die Märtyrerrolle hinein, es verbohrt sich in seinen 
Trotz, es verbirgt sein Leiden unter ohnmächtiger Wut 
und verblutendem Stolz. 

Es wäre die Pflicht der Lehrer, solche Kinder zu 
schützen und die Kameraden zu belehren, wie weh sie 
dem Wesen tun, das ohnedies so schwer unter seinem 
Defekte leidet. Sie kennen das Märchen vom häßlichen 
König, dem man den Spiegel vorenthalten hat, damit er 
sich nicht sehen kann? Dieses Vorgehen scheint mir nicht 
am Platze zu sein. Der König sollte den Spiegel benützen, 
seine Häßlichkeit sehen und die Schönheit seines Herzens 
ausbilden. Schließlich wird jeder Mensch schön, der schön 
denkt und schön fühlt. Und dazu sollen Sie Ihre Kinder 
anleiten! Die innere Schönheit ist ein strahlendes Licht, 

78 






das über alle Mängel des Äußeren hinweg das Antlitz ver- 
edelt und vergöttlicht. 

Ich grüße Sie in Freundschaft 

Ihr 

Dr. W. St. 












79 






VIII. 

Liebe Freundin! 

Sie wundern sich, daß schwere Seelenkrankheiten, wie 
die Zwangsneurosen, sich schon in der Kindheit ent- 
wickeln können. Sie müssen verstehen, daß sich im Kinde 
der erste Kampf zwischen Kulturmenschen und Urmen- 
schen abspielt. Das Kind macht in zusammengedrängter 
Kürze die ganze Entwicklung der Menschheit durch. Diese 
Entwicklung geht oft unter schweren inneren Krisen vor 
sich. Das Kind versteht noch nicht den Unterschied zwi- 
schen „Gut" und „Böse". Es wird von egoistischen Stre- 
bungen beherrscht und gut ist alles, was ihm Freude 
macht. Die Erziehung zum Altruismus, das Einfügen in 
die Gesetze der Gemeinschaft, das Verzichten auf Trieb- 
befriedigungen, die von der Gesellschaft verboten sind, — 
das alles erzeugt seelische Spannungen, die sich schließlich 
als Krankheit äußern können, wenn der Kampf aus dem 
offenen Bewußtsein in die Tiefen der Seele verlegt wird. 

„Du sollst gut sein!" Dieses Gebot wird dem Kinde 
immer wieder eingeprägt. Es ist aber nicht so leicht, 
immer gut zu sein. Die Erkenntnis: „Du bist nicht gut!" 
erzeugt im Kinde ein schweres Schuldbewußtsein. Es fühlt 
sich sündig und beginnt sich selbst zu bestrafen. Sie 
müssen also in der Krankheit einen Kampf um die sozialen 
Tugenden sehen, Tugenden, die man uns immer wieder 
predigt und die wir uns so selten zu eigen machen können. 

Das Leben ist eine harte Schule und diese Schule be- 
ginnt — wie ich in diesen Briefen immer wieder betonen 
muß — mit dem Tage der Geburt. 

Und nun kommen wir zu dem wichtigen Thema. 
Ihr Sohn soll in die Schule gehen. Das ganze Haus ist in 
fieberhafter Aufregung, wie sich der Kleine benehmen 

80 



wird. Sie waren klug genug, Ihrem Sohn nicht Angst vor 
der Schule zu machen. Viele Eltern begehen den Fehler, 
dem Kinde mit der Schule zu drohen. „Warte, bis du in 
die Schule gehen wirst !" „Der Lehrer wird dich schon 
ordentlich hernehmen!" In dieser Tonart geht es weiter 
und dem Kinde wird eine heillose „Schulangst" eingejagt. 
Der Lehrer wird ein Popanz, eine Schreckgestalt. Der 
erste Schulgang wird zu einer großen Affäre ausgebaut. 

Es gibt zweierlei Arten von Kindern. Die einen freuen 
sich auf die Schule, gehen gerne hin, sind glücklich mit 
andern Kindern zusammen zu sein. Die andern empfinden 
die Schule als etwas Feindliches, Drohendes, Fremdes. 
Sie sind an die Treibhaus wärme der Familie gewöhnt. Das 
Fremde ist für sie das Feindliche. 

Diese letzteren Kinder zeigen ein merkwürdiges Symp- 
tom, das die Eltern sehr besorgt macht. Sie brechen ge- 
wöhnlich das erste Frühstück aus. Sie haben Angst, sie 
würden zu spät kommen. Sie eilen und hetzen, haben im 
letzten Moment noch etwas Wichtiges zu besorgen und 
kommen infolgedessen oft zu spät, oder sie stürzen atem- 
los in die Klasse, wenn die Schulglocke schon den Beginn 
des Unterrichtes angekündigt hat. 

Diese „nervösen" Kinder sind in der Schule zerstreut, 
sie können nicht aufpassen, sie sind verlegen, wenn sie 
geprüft werden, können oft nicht sprechen, obwohl sie 
die richtige Antwort wissen. 

In diesen ersten Schuljahren entscheidet sich das Ver- 
hältnis zwischen Eltern und Kind. Alle Kinder sind nach 
Ansicht der Eltern außerordentlich gescheit, talentiert, zu 
hohen Ehren ausersehen. Plötzlich versagt das Wunder- 
kind in der Schule. Der Vater zürnt. Er beginnt mit dem 
Kinde zu lernen, zu wiederholen, er gerät in Affekt, brüllt, 
er straft und behandelt das Kind ungerecht. Das Kind hat 
bisher nur die Freuden des Lebens genossen. Nun beginnt 
die harte Fron der Pflicht. Es kann aber nicht begreifen, 
warum der Vater plötzlich so strenge geworden ist. Warum 

6 Stekel, Briefe an eine Mutter 81 



fragt er immer, was in der Schule vorgegangen und ob 
der Lehrer zufrieden ist? Warum macht er ein so ernstes 
Gesicht, wenn er vom Lehrer gehört hat, daß der Knabe 
in der Schule schwätzt und unaufmerksam ist? Warum 
droht er dann mit Strafen und hört auf, mit dem Kinde 
zu spielen? 

Ich gebe allen Eltern den Rat, sich mög- 
lichst wenig um die Schule zu kümmern. Das 
Erziehen zur Schulpflicht ist Sache der Lehrer 
und nicht der Eltern! 

Ich bin prinzipiell dagegen, daß Eltern ihre Kinder 
unterrichten, daß sie mit ihnen die Aufgaben machen und 
sie prüfen. 1 ) 

Ärzte haben die weise Einrichtung, daß sie ihre 
Familie nicht selbst behandeln. (Ich habe es immer getan, 
weil ich zu mir das größte Vertrauen hatte. Aber ich war 
immer eine Ausnahme.) Sie wissen, daß sie den eigenen 
Angehörigen gegenüber die Unbefangenheit verloren haben, 
die Grundbedingung eines rationellen ärztlichen Handelns 
ist. Ebensowenig sollten Eltern ihre Kinder unterrichten, 
wenn sie es nicht mit Liebe und Geduld tun können. Auch 
der Musikunterricht der Eltern scheitert meistens an 
ihrer Ungeduld. Was hatte ein Mozart von seinem Vater 
zu leiden! Was ein Beethoven! Man lese doch im pracht- 
vollen Jean-Christophe die Kapitel nach, in denen Romain 
Rolland die Qualen des jungen Genies schildert. Fast hätte 
der unvernünftige Vater seinem Kinde die ganze Musik ver- 
leidet und die Welt wäre um einen großen Musiker ärmer 
gewesen. 

Kinder haben es bald heraus, daß sie ihre Eltern 
empfindlich treffen können, wenn sie keine „Fortschritte" 
machen. 

Die Entwicklung eines Gehirnes geht oft ihre wunder- 
lichen Wege. Manchmal stetig ohne Unterbrechung, manch- 

x ) vgl. auch unten Brief X, Seite 99 ff. 
82 



. 



mal in Pausen — mit großen Sprüngen. Es ist lächer- 
lich, an alle Kinder den gleichen Maßstab zu 
legen. Die Schule kann nicht anders vorgehen. Aber die 
Eltern und Lehrer sollten verstehen, daß man nicht von 
allen Kindern, die im gleichen Alter stehen, die glei- 
chen Leistungen erwarten kann. 

Es gibt hochtalentierte Kinder, die in der Schule ver- 
sagen. Vielleicht versagen alle talentierten Kinder, die zu 
etwas Höherem bestimmt sind. Ich habe die Erfahrung 
gemacht, daß aus allen meinen Kollegen, die die ersten 
Schuljahre mit Vorzug absolviert haben, nichts Beson- 
sonderes geworden ist. (Es kommen natürlich auch Aus- 
nahmen vor!) Die talentierten Kinder, die werdenden 
Künstler, Entdecker, Pfadfinder sind Träumer. Oft haben 
die Eltern den Fehler gemacht, das Kind schon vor der 
Schule zu unterrichten. Dann langweilt es sich. Es kann 
ja schon alles — Lesen, Rechnen, Schreiben, das A und O 
sind ihm keine Offenbarungen mehr. Die Schule wird ihm 
eine Qual, weil es ruhig sein und aufpassen soll. 

Frühzeitig verrät sich das Wesen der Kinder in der 
Art, wie sie sich zu ihren Kameraden stellen. Die einen 
schließen sich ab. Sie bleiben einsam, zählen die Minuten, 
bis sie wieder im trauten Familienkreise auftauen können. 
Die andern bilden leicht Freundschaften, sammeln sich 
zu Gruppen, verhöhnen die Schwachen und Einsamen. 
Ich habe Sie schon in früheren Briefen 1 ) darauf aufmerk- 
sam gemacht, wie grausam Kinder sein können. Meistens 
ist es das einsame, asoziale, weltfremde Kind, das die 
Zielscheibe des Spottes und der Grausamkeit wird. 

Die Kinder dürsten nach Liebe und Anerkennung. 
Sehr leicht kommt das Kind zur Anschauung, daß der 
Lehrer ihm feindlich gesinnt ist, daß er einen „Pik" (so 
ist der Wiener Ausdruck) auf den bestimmten Schüler hat 
und ihn ungerecht behandelt. Es gibt törichte Eltern, die 

x ) vgl. Brief IX („Briefe an eine Mutter" Teil I, S. 67.) und 
Brief VII des Teiles II (oben Seite 72 ff.) 

6» 83 



die Kinder in dieser Ansicht bestärken und das Mißtrauen, 
das das Kind dem Lehrer entgegenbringt, verstärken, 
statt dem Kinde das Haltlose und Überempfindliche seines 
Benehmens vorzuhalten. 

Hüten Sie sich davor, den Ehrgeiz des Kindes auf- 
zustacheln, von ihm zu verlangen, es solle nur Vorzugs- 
noten nach Hause bringen, oder der erste in der Schule 
werden. Der Wille zur Macht ist ohnedies in jedem Men- 
schen vorhanden. Die Aufgabe der Erziehung ist es, diesen 
Ehrgeiz einzudämmen, dem Kinde einzuprägen, daß es 
nicht etwas Besonderes werden müsse. Die Erziehung 
zur Selbständigkeit und Genügsamkeit ist die wichtigste 
Pflicht der Eltern. Glück ist die Fähigkeit, sich den 
Realitäten anzupassen. Und das kann das Kind nicht 
früh genug lernen. 

Sie tun also am besten, sich nicht viel um die Schule 
zu kümmern. Sie dürfen nicht übermäßige Freude zeigen, 
wenn das Kind in der Schule belobt wird und nicht dem 
Kinde Moralpredigten halten, wenn es hie und da versagt. 

Gefährlich ist es, das Kind zu entmutigen, ihm vor- 
zuhalten, daß es faul, dumm und tölpelhaft ist und daß 
nie etwas Ordentliches aus ihm werden wird. 

Bisher konnten Sie Ihren Knaben vor allem Rohen 
und Gemeinen behüten. Jetzt wird er mit Kindern ver- 
schiedener Gesellschaftsschichten zusammenkommen, wird 
gemeine Worte hören und sich Kenntnisse aneignen, die 
Sie ihm gerne fernhalten möchten. Das ist leider nicht 
zu vermeiden. Aber schön ist es, wenn Sie das Vertrauen 
Ihres Kindes genießen und es Ihnen brühwarm alles mit- 
teilt, was ihm die Mitschüler zugetragen haben. Nehmen 
Sie diese Angelegenheiten nicht so tragisch. Von einer 
reinen Seele prallen alle Gemeinheiten ab. Eine leicht hin- 
geworfene Bemerkung, daß sich Ihr Knabe von roher 
Gesellschaft fernhalten möge, wird genügen. 

Eine wichtige Frage! Ihre Mutter ist Witwe geworden, 
ganz vereinsamt und Sie wollen Sie in Ihr Haus auf- 



84 






nehmen. Ich achte Ihre kindliche Hilfsbereitschaft. Sie 
können wohl nicht anders handeln! Aber bitte machen 
Sie mit Ihrer Mutter aus, daß Sie sich absolut nicht in die 
Kinder-Erziehung einmischen darf. Nichts ist gefährlicher, 
als wenn ein Kind zwischen zwei Autoritäten steht, die 
verschiedene Ansichten über Erziehung und Hygiene 
haben. Die Alten kommen immer mit dem Refrain: „Wir 
sind nach der alten Methode erzogen worden, Ihr seid so 
erzogen worden, Millionen Menschen sind so erzogen 
worden, — unsere Erfahrung ist mir mehr wert als Euere 
verrückten modernen Ideen." (Ähnliche Argumente hört 
man, wenn man die Ernährungslehre Birchers verteidigt.) 

Ja — aber wie sieht diese Welt aus, die nach der alten 
Methode erzogen wurde! Blicken Sie um sich! Was sehen 
Sie? Die Mehrzahl der Menschen ist unglücklich und weiß 
nichts mit dem köstlichen Gut des Lebens anzufangen. Wir 
Seelenärzte sehen die Folgen der guten alten Erziehungs- 
methode, die das Kind verschüchtert und zum Heuchler 
oder Neurotiker erzieht. 

Sie werden also einen schweren Stand mit Ihrer 
Mutter haben. Sie wird den Kopf schütteln und heimlich 
versuchen, die alten Methoden anzuwenden. Sie wird den 
Knaben fragen, ob er seine Aufgaben gemacht, ob er jetzt 
wirklich nichts zu lernen habe. Sie wird ihm den Rock 
zuknöpfen, damit er sich nicht verkühlen soll, ihm gar 
noch ein Halstuch umbinden. (Dieses Halstuch ist jetzt 
fast ganz verschwunden. Zu meiner Zeit war es sehr ver- 
breitet und das beste Mittel, das Kind zu verweichlichen.) 
Ebenso gefährlich sind Großmütter, Tanten, Onkel, die 
um jeden Preis die Gunst des Kindes gewinnen wollen 
und es durch Geschenke und Nachgiebigkeit verwöhnen. 
Schlaue Kinder wissen diese Situation auszunützen. 

Also machen Sie mit Ihrer Mutter aus, daß sie in die 
Erziehung nicht eingreifen und stummer Zuschauer der 
Entwicklung Ihres Kindes bleiben soll. 






85 



Glauben Sie mir! Ich spreche aus Erfahrung. Ich 
möchte Ihnen folgenden Fall erzählen. Frau Seh. ist eine 
begeisterte Anhängerin des Vegetarismus. Sie und ihr Mann 
haben sich zu den Anschauungen Birchers bekehrt. Es ist 
selbstverständlich, daß sie ihr Kind nach ihren Prinzipien 
ernähren und erziehen wollen. Die Eltern der Frau Seh. 
machen sich über diese Methode der Ernährung lustig. 
Sie sind in der Anschauung befangen, daß nur Fleisch die 
Menschen stark macht; sie finden, daß das Kind zu 
schwach entwickelt ist und behaupten, es müsse täglich 
Fleisch bekommen. Es gibt fortwährend Streit und Miß- 
helligkeiten. Die Schwiegereltern machen sich über das 
junge Paar lustig. Sie versuchen immer wieder, die An- 
schauungen zu erschüttern, berufen sich auf ihre Er- 
fahrung, vergleichen den Knaben mit andern Kindern und 
finden, daß er „unterernährt" sei. Der Enkel kommt eines 
Tages von Großmama heim und berichtet triumphierend: 
„Mama! Heute habe ich ein großes Stück Fleisch be- 
kommen! Es war so gut ... Bitte gib mir täglich Fleisch!" 

Ich spreche hier weder pro noch contra Bircher. Ich 
verweise nur auf die Tatsachen. Wie unheilvoll muß das 
Vorgehen der Großeltern auf das Kind einwirken! Glauben 
diese Leute wirklich, daß das eine Stückchen Fleisch das 
Kind stark machen werde?! Abgesehen davon, daß die 
nach Bircher ernährten Kinder glänzend aussehen, wird 
die Autorität der Eltern erschüttert. Sie erscheinen dem 
Kinde lächerlich, es gibt innerlich den Großeltern recht. 
Dieser Zwiespalt der kindlichen Seele wird sich kaum 
wieder beheben lassen. 

Ich könnte Ihnen noch ähnliche Erfahrungen be- 
richten. Lassen Sie es bei dem einen Beispiel bewenden. 
Die kindliche Seele benötigt Ideale. Der Glaube an die 
Eltern ist das Fundament des Selbstbewußtseins. Nicht der 
blinde Glaube an die Unfehlbarkeit der Eltern, aber das 
Vertrauen zu ihrer Führung. Das Schicksal eines Reisen- 
den, der sich dem Meere anvertraut, hängt von der Tüchtig- 



86 



keit des Kapitäns ab. Er ist ruhig, wenn er dem Kapitän 
vertraut. Er yerliert seine Ruhe, wenn er weiß, daß der 
Kapitän ein Trinker oder ein leichtsinniger Mensch ist. 

Edouard Estaunie hat in einem Meisterwerk „Un 
Simple" dargestellt, wie das Leben eines Sohnes jämmer- 
lich zerschellt, nachdem das Ideal seiner Mutter zusam- 
mengebrochen ist. Kinder sind eine große Verantwortung. 
Unser Leben ist das lebendige Vorbild ihrer Zukunft. Die 
Entgöttlichung des Mutterideals muß sich allmählig voll- 
ziehen. Aber sie muß immer einen Rest von Verehrung, 
Liebe und Hochachtung lassen — das Rückgrat des Per- 
sönlichkeitsgefühles. 

Kinder wollen werden, was die Eltern sind, 
Wehe, wenn sie nicht werden wollen, was die 
Eltern sind ! 

Eine Sonne ist untergegangen, aber sie kehrt niemals 
wieder. Es herrscht Nacht in der Seele und die kleinen 
Sterne bemühen sich vergebens, den heißen Glanz der 
Sonnen zu ersetzen . . . 

Viele Grüße 

Ihr getreuer 

Dr. W. St. 

■ ■ 

■ 
























- 

■ 



87 



IX. 

Liebe Freundin! 

Ich habe Ihnen genügend die Gefahren geschildert, 
denen ein Kind im engen Kreise der Familie ausgesetzt ist. 
Leider drohen dem Kinde noch andere Gefahren, sobald es 
in die Schule geht und der Welt übergeben wurde. Mit dem 
ersten Schulgange hat der schmerzliche Prozeß der Tren- 
nung des Kindes von der Familie begonnen. Schon be- 
stürmen Sie mich mit Fragen. Soll man das Kind in die 
Schule begleiten und von der Schule abholen? Sie zittern 
vor den Gefahren der Straße. Es könnte unvorsichtig sein 
und im Gewühle der Straße von einem Wagen oder einem 
Auto überfahren werden. 

Ich habe Ihnen in meinen früheren Briefen wieder- 
holt betont, daß die wichtigste Pflicht der Erziehung der 
Aufbau der Selbständigkeit und des Persönlichkeitsgefühles 
ist. Das Kind muß früh lernen, selbst auf die Gefahren 
der Straße zu achten. Sie waren klug genug, mit kleinen 
Aufgaben zu beginnen. Sie haben das Kind zum Krämer 
und zum Schuster geschickt, haben es kleine Einkäufe 
besorgen lassen. Das war ein guter Anfang. Nun muß das 
Kind lernen, allein in die Schule zu gehen und ohne Be- 
gleitung heimzukommen. Kinder sind vorsichtiger als wir 
glauben, wenn man sie zur Vorsicht erzieht. Gerade 
Kinder, die immer in die Schule geführt werden, sind ge- 
fährdet, wenn sie zufällig einmal allein gehen müssen, 
weil niemand da ist, der sie begleiten oder abholen kann. 
Fromme Mütter trösten sich mit einem Schutzengel, 
der das Kind bewacht. Ja, ich habe einmal einer Schüler- 
vorstellung beigewohnt, in der gezeigt wurde, wie ein Kind 
in Gefahr geriet, unter die Räder eines schweren Last- 
wagens zu kommen. In diesem Moment erschien der 

88 



Schutzengel und hielt die Pferde an. In einem zweiten 
Bilde geleitete der Schutzengel das Kind über eine bau- 
fällige Brücke und bewahrte es davor, in den reißenden 
Mühlbach zu fallen. Das ist gewiß eine schlechte Er- 
ziehungsmethode. Sie mag die Frömmigkeit des Kindes 
verstärken, aber sie fördert den Leichtsinn, da das Kind 
im Vertrauen auf den Schutzengel die nötige Vorsicht 
außer acht läßt. 

Ich kenne Kinder, die bis spät in die Mittelschule 
immer in die Schule geführt und abgeholt wurden. Es sind 
unselbständige Menschen geworden, die immer nach frem- 
der Hilfe auslugen; es fehlt ihnen die Hand, die sie über 
die Straße des Lebens geleitet. 

Sie aber, liebe Freundin, fürchten, Ihr Kleiner werde 
raufen, in den Kot fallen, sich die Kleider zerreißen und 
von Gassenbuben gemeine Worte lernen. Ich bin nicht 
Ihrer Ansicht. Kinder können nicht früh genug anfangen, 
zu raufen und sich für den Kampf ums Dasein vorzube- 
reiten. Und Kleider sind dazu da, um beschmutzt und zer- 
rissen zu werden. Je mehr Aktivität Ihr Bub entwickelt, 
umso hoffnungsfreudiger können Sie in die Zukunft blicken. 
Ich höre oft Mütter jammern, daß ihre Kinder so 
schlimm sind, daß sie ihnen keine Ruhe lassen, daß sie 
alles zerreißen und böse Streiche aushecken. Ich tröste 
solche Mütter mit dem Hinweise auf meine eigenen Er- 
fahrungen. Das Talent eines Kindes äußert sich in seiner 
Lebhaftigkeit, in seinem Tatendrang, in seiner Schlimmheit. 
Ein ausgeprägtes Triebleben verrät eine starke Begabung. 
Aus Duckmäusern werden keine Tatmenschen. 

Ich habe heuer das Grab meiner Mutter besucht, die 
in Fiume in einem Zypressenhain die ewige Ruhe genießt, 
und habe dankbar der Freiheit gedacht, die sie mir in 
meiner Jugend zuteil werden ließ. 

Ich war wirklich ein schlimmes Kind. Meine Kinder- 
streiche könnten ganze Bände füllen. Überdies war ich 
Häuptling einer kleinen Räuberbande, die andere Kinder 



89 



überfiel, sie ihrer Näschereien beraubte und ordentlich ver- 
haute, wenn sie sich wehrten. Immer wieder kamen andere 
Mütter zu meinem Mütterlein, um sich über den schlimmen 
Willy zu beklagen. Mutter machte kein großes Wesen dar- 
aus. Man ließ mich austoben. Mutter war eine Philosophin 
. und behauptete, jeder Mensch müsse eine Zeit haben, in 
der er sich „austoben" könne. „Besser er tobt sich in den 
Kinderjahren aus, als später..." Sie hat recht gehabt! Von 
den Duckmäusern und den von mir Verprügelten ist 
keiner was Rechtes geworden, aber einige haben später 
zu toben begonnen und sind entgleist, während wir wilden 
Rangen es alle zu etwas Ordentlichem gebracht haben. 

Schon früh regte sich mein Interesse für Bücher und 
Bilder. Wenn wir Besuch hatten, gab es ein Mittel, mich 
ruhig zu machen. Man gab mir einen Band „Über Land 
und Meer" oder „Die Gartenlaube" in die Hand. Ich legte 
mich auf den Boden und konnte miqh stundenlang mit den 
wunderbaren Bildern beschäftigen, die meine Phantasie 
anregten und mich wundersame Märchen erfinden ließen. 
Und ich ging immer allein in die Schule. Niemand holte 
mich ab, obwohl die Schule ziemlich weit entfernt war. 
Lernen Sie aus diesen Erfahrungen! Ihr Kind soll also 
allein in die Schule gehen. 

Trotzdem gibt es Gefahren der Straße, vor denen Sie 
Ihr Kind warnen müssen. Ich komme jetzt zu einem 
traurigen Kapitel, das aber in diesen Briefen nicht fehlen 
darf. 

Es gibt leider viele Menschen, die in ihrer Kindheit 
stecken geblieben sind und die ihre geschlechtlichen An- 
regungen aus der Kindheit beziehen. Sie werden oft in den 
Zeitungen gelesen haben, daß Lehrer und sogar Seelsorger 
sich an Kindern vergriffen haben. Es sind kranke Men- 
schen, die an einem „psychosexuellen Infantilismus" leiden. 
Bedauernswerte Opfer einer verkehrten Erziehung und 
eines kranken Milieus! Leider drängt das erotische Inter- 
esse für Kinder viele Menschen gerade zu den Berufen der 



90 



' 



Lehrer und Kindergärtner. Vielen gelingt es, dieses Inter- 
esse zu veredeln (zu „sublimieren", wie wir es wissen- 
schaftlich ausdrücken) und wahrhafte Bildner der Kinder 
zu werden. Manche bleiben aber im Infantilismus stecken. 

Besonders gefährlich sind die Menschen, die in der 
Kindheit geschlagen wurden und aus der Vorstellung, daß 
ein Kind geschlagen wird, Lust schöpfen. Sie finden dann 
allerlei Vorwände, um das Kind zu züchtigen, sie suchen 
mit dem Verstände zu rechtfertigen (wir nennen es „ratio- 
nalisieren"), was ihrem dunklen Triebe entspricht. Das 
Kind merkt aber, daß sich andere Regungen in die Strafe 
einmengen, und wird selbst erotisch erregt. 

Glücklicherweise ist die Prügelstrafe in der Schule ab- 
geschafft worden. Wenigstens auf dem Papier. Aber es gibt 
noch immer Lehrer und Lehrinnen, die die Kinder aus 
erotischen Motiven schlagen. Die Mütter dürfen natürlich 
solche Maßnahmen nicht dulden, auch wenn die Lehrer 
behaupten, daß sie sich nicht anders helfen können. Man 
kann sich immer anders helfen! 

Vor einigen Wochen hat mich eine Mutter aufgesucht 
und gefragt, was sie denn machen solle. Der Lehrer sei so 
freundlich mit ihrer achtjährigen Kleinen, er nehme sie 
auf seinen Schoß, küsse und streichle sie. Ich habe ihr 
den Rat gegeben, den Lehrer aufzusuchen und sich diese 
Liebenswürdigkeiten in feiner, aber doch energischer Form 
auszubitten. Die Kleine hat diese Liebkosungen als Aus- 
zeichnungen empfunden und war gar nicht beglückt, daß 
dei gewarnte Lehrer sein Benehmen geändert hat. 

Solche Fälle sind Ausnahmen. Zum Glück ist das 
ethische Niveau der Lehrer ein sehr hohes, wenigstens in 
unseren Gegenden. Lehrer aber, die solche krankhafte 
Regungen in sich fühlen, sollten sich lieber von dem 
Lehrerberuf, der vielleicht der wichtigste und verantwor- 
tungsvollste aller Berufe ist, zurückziehen... 

Leider tritt im Alter bei vielen Menschen eine Rück- 
kehr zur Jugend ein. Diese Regression auf das Infantile 

91 



überfällt viele Männer (und auch Frauen) und treibt sie 
zu gefährlichen Impulshandlungen. Alle älteren Herren, 
die sich den Kindern mit Süßigkeiten nähern und ausge- 
sprochen kinderlieb sind, können eine Gefahr für die 
Kinder bedeuten. Natürlich will ich nicht verallgemeinern 
und gerne zugeben, daß es kinderliebe Greise gibt, die 
kein anderes Motiv haben, als den Kindern Freude zu be- 
reiten. Aber die Gefahr besteht und die Gerichtsärzte und 
Psychiater haben sehr viel mit diesen Kranken zu tun. 
Sie müssen also Ihrem Kleinen einschärfen, daß er sich 
von keinem Fremden Bonbons oder andere Süßigkeiten 
schenken lassen darf. Selbstverständlich darf er auch 
keinem fremden Menschen in die Wohnung oder in einen 
Park folgen. Diese Aufklärung ist notwendig. Freilich 
werden Sie dem Kinde nicht erklären können, warum es 
nichts annehmen darf. (Gut dressierte Hunde nehmen 
keinen Bissen von einem fremden Menschen.) 

Ich kenne leider viele Kranke, die auf solche Jugend- 
erlebnisse zurückblicken, die sie in eine falsche Bahn ge- 
bracht haben. 

Sie werden vielleicht aus diesen Ausführungen ein 
Argument schöpfen, die Kinder doch begleiten zu lassen. 
Nein! Meine liebe Freundin! Die Welt ist immer voller Ge- 
fahren und die Ihnen empfohlenen Maßnahmen werden 
genügen, um Ihr Kind genügend vor den Gefahren der 
Straße zu schützen, ohne seine Entwicklung zur Selb- 
ständigkeit zu gefährden. 

Sie haben mit Freude festgestellt, daß Ihr Junge jetzt 
gerne in die Schule geht. Es gab in den ersten Wochen 
eine kritische Zeit. Er beneidete seine Geschwister, daß sie 
bei der Mutter bleiben durften, während er schon des 
Morgens in die fremde Schule geschickt wurde. Ja, er 
machte sogar Anstalten, den Kranken zu spielen, schützte 
Kopfweh und allerlei Schmerzen vor, um zu Hause bleiben 
zu können. Besonders hat es Sie beunruhigt, daß er wieder 
einmal das Bett näßte. Sie verstanden aber gleich daß er 



92 



wieder das Kleinkind spielen wollte, Sie erkannten seine 
Eifersucht auf die Jüngeren. Eine einzige offene Aus- 
sprache genügte, um dem Knaben klar zu machen, daß 
man nicht ewig Kind bleiben könne. Aber das meiste zum 
Erfolge, daß er sich jetzt auf die Schule freut, hat wohl 
das geschickte Benehmen des Lehrers beigetragen. 

Wir stehen jetzt im Zeichen einer großen Schulreform. 
Die Lehrer haben die Sinn- und Nutzlosigkeit der alten 
Schreckmethoden erkannt und bemühen sich jetzt, das 
Interesse des Kindes anzuregen, ihm die Schule so ange- 
nehm als möglich zu machen, und ihm das Wissen in 
spielerischer Form beizubringen. 

Die Welt des Kindes ist das Spiel. In der Schule 
beginnt die Pflicht des Lernens. Der Übergang vom Spiel 
zum Lernen muß mit feiner pädagogischer Kunst durchge- 
führt werden. Das Kind lernt am besten spielend. Ist doch 
das Spiel selbst eine Vorbereitung zum Leben, wie der be- 
rühmte Forscher Groos in seinen Büchern „Die Spiele der 
Menschen" und „Die Spiele der Tiere" nachgewiesen hat. 
Das Spiel ist auch ein Ringen um Überlegenheit. 

Die alte Schule hat diesen Kampf um die Überlegen- 
heit ausgenützt und durch Klassifikationen und Rangord- 
nungen Vorzugschüler geschaffen, die der Stolz der eigenen 
und das Neidobjekt der fremden Eltern waren. Die alte 
Schule arbeitete mit Angst und Strafe. Leider gibt es noch 
heute Schulen, in denen die Kinder gezüchtigt werden, 

nachsitzen müssen, Hausaufgaben machen müssen usw 

Das sind lächerliche, grausame, veraltete Methoden! 

Ich kenne einen Lehrer, der seine Kinder derart zu 
fesseln verstand, daß es für sie die größte Strafe war, wenn 
sie aus der Schule nach Hause geschickt wurden. Dieses 
Ideal sollte jeder Lehrer zu erreichen trachten. 

Kinder sind wißbegierig. Der Lehrer muß diese Wiß- 
begierde ausnützen; sein Unterricht muß anschaulich und 
lebendig sein. 



93 



Mit Schrecken denke ich an gewisse Lehrer meiner 
Jugendzeit, denen ein grammatikalischer Fehler gleichbe- 
deutend mit einer Todsünde war. Wir Kinder wurden ver- 
donnert und bestraft, bekamen Hausarbeiten, so daß wir 
stundenlang zu Hause sitzen und schreiben mußten. 

Ich bin ein erklärter Feind aller Hausarbeiten. Das 
Kind hat die Schule, um zu lernen und das Haus, um frei 
zu sein und spielen zu können. 

Es ist ziemlich gleichgültig, ob ein Kind einen gram- 
matikalischen Fehler macht. Es ist viel wichtiger, daß es 
sich ein allgemeines Wissen aneignet. 

Es ist eine Freude, die Wiener Schulkinder mit ihren 
Lehrern oder Lehrerinnen durch die Straßen und Gärten 
wandeln zu sehen. Jedes Kind stellt Fragen und der Lehrer 
der neuen Schule muß sie beantworten, was freilich mehr 
Wissen und Geschick erfordert, als der trockene Schul- 
unterricht der alten Methode. Dabei ergeben sich tiefe Ein- 
blicke in die Anschauungswelt des Kindes. 

Zufällig war ich Zeuge einer komischen, aber lehr- 
reichen Episode im Wiener Rathauspark, in dem sich das 
entzückende Denkmal des großen österreichischen Land- 
schafters Waldmüller befindet. Er hält ein Blatt Papier 
in der linken, einen Bleistift in der rechten Hand. Sein 
Auge .sieht prüfend auf das Papier, als ob er seine Zeich- 
nung mit der dargestellten Landschaft vergleichen wollte. 
Eine einfache Frau, die das Volk symbolisieren soll, mit 
einem Kinde am Arm, sieht seiner Arbeit gespannt zu. 

Eine Lehrerin mit einer Gruppe kleiner Kinder er- 
scheint. Sie beginnt zu fragen: „Was hält der Mann in der 
linken Hand?" — Antwort: „Ein Papier". — „Was hält er 
in der rechten?" — „Einen Bleistift." — „Richtig! — Einen 

Bleistift. Also Kinjder! Was macht der Mann?" Erst 

verlegenes Schweigen. Die Kinder haben wohl nie einen 
Zeichner beobachtet. Dann ruft ein Kind aus: „Kreuz- 
worträtsel lösen!" 

94 



Spricht diese Antwort nicht Bände? Sieht man nicht 
sofort das Bild der ganzen Familie vor sich? Der Vater 
über das Kreuzworträtsel gebeugt, die ganze Familie um 
ihn versammelt mit Karten, Lexikon und Wörterbüchern. 
„Ein Nebenfluß des Orinoko? — 5 Buchstaben?" — „Ein 
berühmter Dichter des sechszehnten Jahrhundert? — Acht 
Buchstaben?" 

Es ist hier nicht der Platz, um über die Psychologie 
der Kreuzworträtsel-Epidemie zu sprechen. Aber im Grunde 
genommen ist es ein Lernen in Form eines Spieles. Prämien 
sind die Belohnung für gutes Lernen. — Und man ver- 
treibt sich die Zeit, man wiederholt versunkene Schul- 
kenntnisse, stöbert im alten Kram herum und hat schließ- 
lich das Gefühl der Entspannung nach gelungener Auf- 
lösung. 

Kinder in Affekt zu bringen, sie anzuregen, ihr selb- 
ständiges Denken in Bewegung zu bringen, sie immer 
wieder zu ermutigen und nie zu demütigen, wenn sie auch 
einen Unsinn reden, ihnen die Schule zu einem Hause der 
Freude zu machten, das ist der Zweck der modernen 
Schule. 

Dann werden die Erwachsenen nicht mit Schrecken 
an die böse Schulzeit zurückdenken, dann werden sie 
ihrem Lehrer ein dankbares Andenken bewahren. 

Wir alten Knaben haben in diesen Tagen das Fest des 
Wiedersehens gefeiert. Vierzig Jahre sind seit unserer 
Matura (Reifeprüfung) vergangen, vierzig Jahre sind vor- 
beigerauscht, seit wir die Marteranstalt, genannt Gymna- 
sium, verlassen haben. Am Ehrenplatz saß unser alter 
Professor für Deutsch und Geschichte, der biedere Tiroler 
PeterPaßler. Wie liebten wir diesen Mann ! Wie freuten 
wir uns auf jede seiner Stunden! Es war ein Fest für uns, 
wenn er Geschichte vortrug. Die Schulglocke läutete und 
keiner rührte sich. Jeder hatte Angst, Paßler könnte auf- 
hören. Und wie wohl tat uns die Gerechtigkeit dieses 
Mannes. Nach vierzig Jahren saß er unter uns und hörte 



95 



gerührt, was wir ihm alle zu danken hatten und bezeich- 
nete diesen Tag als den schönsten seines Lebens! „Ich habe 
nicht umsonst gelebt!" Und ein anderer Mann, schon lange 
tot, saß unsichtbar an unserem Tisch, der Lehrer Gabriel 
von Mohr, der uns acht Jahre durch das Gymnasium ge- 
leitet hatte und dessen unbeugsame Rechtschaffenheit und 
ehrlicher Wille uns so imponierten, daß wir alle als 
Freunde von ihm schieden. 

Über die anderen Schulmeister will ich den Schleier 
der Vergessenheit ziehen. Trockene Pedanten, denen eine 
Jahreszahl wichtiger war als das wirkliche Wissen, denen 
ein falscher griechischer Aorist genügte, um einen Schüler 
ein Jahr verlieren zu lassen und eine Familie ins Unglück 
zu stürzen! 

Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Das Schicksal 
der Menschheit liegt in der Hand der Lehrer. 
Und wir müssen den Lehrern dankbar sein, daß sie selbst 
es waren, die eine Reform der Schule eingeleitet und 
durchgeführt haben. Noch wissen wir nicht den einzig 
richtigen Weg. Noch gibt es Schulen, die tastend den 
neuen Weg suchen, vielleicht zu weit gehen in dem Ent- 
gegenkommen auf die Individualität des Kindes. Aber es 
geht vorwärts. 

Segensreich ist die Einrichtung der Elternabende, an 
denen Lehrer und Eltern ihre Erfahrungen austauschen 
können, an denen Beschwerden angehört, Eltern belehrt 
werden, Lehrer lernen können, wie sich ihr Wirken im 
Familienkreise äußert. 

Überall Ansätze zu einem neuen Leben, zu neuem 
Wirken, zur Befreiung von alten Vorurteilen. Deshalb ist 
es Pflicht eines jeden Staatswesens, die Lehrer so zu ver- 
sorgen, daß sie nicht verbittert sind, daß sie Lebensfreude 
empfinden und Lebensfreude unter ihren Schülern ver- 
breiten. Das Leben lebenswert zu machen — ist Aufgabe 
der Erziehung in der Familie und in der Schule, glück- 
liche und selbständige Menschen heranzubilden und das 

96 



Schreckgespenst der Angst zu verscheuchen. Werden wir 
einmal eine Welt besitzen, die ohne das Fundament der 
Angst ihre soziale Ordnung erhalten kann, dann erst ist 
die Morgenröte der neuen Zeit herangebroqhen. 
Viele herzliche Grüße 

Ihr getreuer 

Dr. W. St. 












. 



7 Stekel, Briefe an eine Mutter 



97 



X. 

Liebe Freundin! 

Sie machen Fortschritte in der Erkenntnis der see- 
lischen Zusammenhänge. Es freut mich, daß meine Lehren 
auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Sie berichten mir, 
daß Ihr Junge zu blinzeln anfing. Es ist dies ein ver- 
breiteter Kinderfejhler, dem man mit Ermahnen und Tadeln 
nicht beikommen kann. Sie haben Ihren Jungen gefragt: 
„Was hast du denn gesehen, was dich aus der Fassung 
gebracht hat?" Ihr Junge war verlegen und gestand 
zögernd, daß er auf der Straße zwei sich paarende Hunde 
beobachtet hatte, die nicht auseinander konnten. Ein 
frecher Mitschüler machte dann eine unflätige Bemer- 
kung, die sich auf die Eltern bezog. Diesen Vorfall hatte 
Ihnen Ihr Knabe verschwiegen, bis Sie sein Blinzeln be- 
merkten und er sich stockend und errötend mitteilen 
konnte. Mit der Aussprache war das Blinzeln ebenso rasch 
verschwunden, wie es erschienen ist. Ihr Mann übernahm 
dann die notwendigen Aufklärungen. Die Atmosphäre von 
Aufrichtigkeit, die Sie in Ihrem Hause geschaffen haben, 
verhinderte die Fixierung des Kinderfehlers. Hinter jedem 
Kinderfehler steckt ein Geheimnis. Dieses ausfindig zu 
machen, ist die Aufgabe der Erzieher. 

Sehstörungen kommen bei Kindern sehr häufig vor. 
Außer dem erwähnten Blinzeln kommt noch die Lichtscheu 
in Betracht, die außerordentliche Grade annehmen kann. 
So konnte ich ein siebenjähriges Mädchen beobachten, 
das sich scheute, im Sonnenlicht auszugehen. Auch in 
diesem Falle war es das Licht der Wahrheit, dem das Kind 
ausweichen wollte. („Die Sonne bringt es an den Tag" — 
„Nichts ist so fein gesponnen, — es kommt doch endlich 
an die Sonnen.") 



98 



Meistens ist es das verpönte sexuelle Problem, mit 
dem Kinder ohne richtige Aufklärung zusammenstoßen. 
Jedes Kind hat einen Moment, in dem die Tragik seines 
Lebens beginnt, wie ich Ihnen schon ausgeführt habe. 
Die eine Tragik ist die Erkenntnis der eigenen Minder- 
wertigkeit (Schlechtigkeit im ethischen Sinne), die andere 
ist die Stunde, da das Kind vor seinen Eltern das erste Ge- 
heimnis verbirgt, in dem es die erste Lüge als Waffe der 
eigenen Persönlichkeit benützt. Oft führt der Schulbesuch 
zur ersten Heimlichkeit. Legen die Eltern zu viel Gewicht 
auf das Fortkommen in der Schule, drohen sie dem Kinde 
mit Strafen, Tadel, Entzug der Liebe, so kann es damit 
beginnen, kleine Vorfälle in der Schule zu verschweigen, 
Vorfälle, die einen Tadel nach sich ziehen würden. 

Sie haben selbst eingesehen, daß meine Ratschläge, die 
Kinder nicht an die Aufgaben zu erinnern, sie nicht zu 
fragen, was in der Schule vorgefallen ist, sich sehr gut 
bewährt haben. Ihr Junge kommt in der Schule gut vor- 
wärts und ist trotz seines lebhaften Temperamentes ein 
braver Schüler, weil ihn die Schule interessiert. 

Nun haben Sie mir einen Brief einer Freundin einge- 
sandt, die den gegenteiligen Standpunkt vertritt. Wegen 
der Wichtigkeit der Frage, die da lautet „Sollen die Eltern 
den Kindern bei den Aufgaben helfen oder nicht?" lasse 
ich den Brief im Wortlaute folgen: 

Verehrter Herr Doktor! 

Zuerst möchte ich Ihnen recht von Herzen danken für all* 
die Hilfe, die Sie uns Müttern in Ihren Briefen zuteil werden 
lassen Aus unserer Weltanschauung heraus müßten wir durch- 
aus so erziehen, wie Sie es fordern, aber die Kraft reicht nicht 
immer Da tut ein steter Mahner so gut. Er hilft und stärkt. — 

Nun habe ich aber etwas Besonderes auf dem Herzen. Ihre 
Ansicht über die Einstellung der Eltern zur Schule gibt mir sehr 
zu denken Damit Sie mich da besser verstehen können, will ich 
mich gleich vorstellen: Ich war selbst Lehrerin, bin nun Lehrers- 
frau und unterrichte auch heute immer noch Kinder, die aus 
irgendeinem Grunde systematische Nachhilfe nötig haben. Und 
weiter bin ich Mutter eines kleinen Erstkläßlers. Sie, verehrter 

99 






Herr Doktor geben nun den Eltern den Rat, sich möglichst wenig 

um die Schule zu kümmern, denn das Erziehen zur Schulpflicht 
sei Sache des Lehrers. — 

f- J? a i i bi °f ^„anderer Meinung. Es war uns eine Selbstver- 
ständlichkeit, daß unser Bub die Volksschule besuche. Selbst- 
verständlich war es auch, daß wir der Schule in keiner Weise 
JÄBKSldW i X? lan « te eigentlich auch sehr selten nach 

%8& FS t f. Er f l6ble v ? r ^ llen ? sein ? r körperlichen ^Ertüchti- 
gung : er kletterte rannte turnte, spielte Ball usw. Wir leben 
eben auf dem Lande, da haben Kinder tausend Möglichkeiten 
sich im Freien zu betätigen. — Seit der Bub nun in die Schule 
geht (das Eingewöhnen fiel ihm übrigens nicht leicht) nehme ich 
mit Freuden Teil an seiner Arbeit. Und er hat auch oft das 
Bedürfnis, sich mitzuteilen. Er zeigt mir seine Fibel ich muß 
sein neues Rechnungsbuch bewundern, muß ein Urteil abgeben 
über seine ersten Schreibübungen usw. Der Lehrer überträgt den 
Kleinen allerlei Pflichten: sie müssen Wörtlein suchen und aus- 
schneiden die den neu besprochenen Buchstaben enthalten sie 
müssen sich im Lesen Rechnen üben und auch mal abschreiben 
was auf der Mutter Küchengarnitur steht. Im Anfang mußte 
ich Fredli hie und da an seine Aufgaben erinnern 
ür erzählte dann auch dem Lehrer, als der einen Mitschüler 
seiner Vergeßlichkeit wegen tadelte, er hätte auch schon ver- 
gessen, seine Aufgaben zu machen, wenn die Mutter ihn nicht 
daran erinnert hätte. Jetzt hat sich der Junge an die Schule 
gewohnt hat seinen Lehrer liebgewonnen und denkt schon 
darum eher an seine Schulpflichten. Aber wir arbeiten doch 
noch oft zusammen. Natürlich lasse ich den Jungen selbst- 
tätig sein, aber ich achte darauf, daß er seine Arbeit recht 
macht, daß er sorgfältig ausschneidet, auf die Linien schreibt 
und liest, nicht rät. 

Unsere Lehrer haben Klassenbeslände von 50—60 Schülern 
Da sind sie sehr dankbar, wenn die Eltern auch nach ihrem 
vermögen mitarbeiten. Ich war damals in meiner Praxis (ich 
unterrichtete 70 Kleine) sehr froh, wenn die Mütter Anteil nahmen 
an der Schule und auch mein Mann macht immer wieder die 
Erfahrung, daß die Schüler aufmerksamer und auch freudiger 
arbeiten, deren Eltern sich für die Schule interessieren. Wir 
mochten überhaupt wünschen, daß Elternhaus und Schule in 
viel engerer Beziehung stünden: wo das Verhältnis zwischen 
Eltern und Lehrer gut ist, gedeiht das Kind entschieden besser 
als da, wo sie einander ganz fremd sind. Die heutige Schule will 
doch lebendig sein, im Leben stehen und zum Leben des 
Kindes gehören Elternhaus und Eltern, schon das schafft Be- 
ziehungen. Unser Bub z. B. freut sich darüber, daß auch wir 
seinen Lehrer kennen, daß wir ihn schätzen; er freut sich auch 
darüber, daß er Frau und Kinder seines Lehrers hat kennen- 
* u e J? 1 dür / en ; das a,les macht ihm die Schule lieber und dip 
Arbeit leichter. (Das alles hindert ihn freilich nicht daran ein 
Lausbub zu sein, das Stillsitzen fällt ihm immer noch schwer und 
er verpaßt ganz gewiß keine Gelegenheit zum Raufen, sogar im 
Schulzimmer nicht. Aber er beichtet uns alle seine Sünden „n^ 
anderseits muß der Lehrer immer wissen, wenn der K «■ n 
zu Hanse gesundigt hat.) Ich selbst'weiß Hoch l wohl wie 

100 



mich unser Weihnachtsbaum erst recht schön dünkte, als mein 
geliebter Lehrer ihn auch gesehen hatte. 

Natürlich darf man den Ehrgeiz der Kinder nicht stacheln, 
man darf nicht mehr von ihnen verlangen, als sie zu leisten im 
Stande sind; man darf sie durch die Mitarbeit nicht verwöhnen, 
so daß sie unselbständig werden. Aber wenn die Eltern zu 
Lehrer und Schule die richtige Einstellung haben, wenn sie 
ihnen nicht fremd gegenüberstehen, können all diese Klippen 
viel eher umgangen werden. 






Soweit der Brief. Nun meine Antwort. 

Natürlich trete ich immer für die guten Beziehungen 
zwischen Lehrer und Eltern ein und habe in meinem 
letzten Briefe auf die wohltuende Wirkung der Eltern- 
abende aufmerksam gemacht. Hier ist es der Ort, wo 
Eltern und Lehrer ihre Erfahrungen austauschen können. 
Hauptsächlich sollten aber diese Abende dazu dienen, um 
die Eltern auf ihre Erziehungsfehler aufmerksam zu 
machen. In diesem Sinne kann der Lehrer segensreich 
wirken. Seine Aufgabe ist es, den Eltern beizubringen, daß 
sie das Kind nicht für kleine Fehler strafen dürfen und 
vor allem das Kind vor der verderblichen Schulangst be- 
hüten sollen. Der Lehrer soll kein Schreckgespenst sein. 
Die Schule soll etwas Selbstverständliches, Natürliches 
im Fortschreiten des Lebens bedeuten. 

Ihre Freundin jedoch hat trotz aller guten Vorsätze 
gegen die pädagogischen Grundsätze gesündigt. Man soll 
das Kind nicht an seine Aufgaben erinnern, 
man soll ihm nur in Ausnahmsfällen helfen. 
Die erste Pflicht der Eltern ist es (und ich weiß, daß ich 
mich wiederhole, aber ich halte es mit Goethe: Du mußt 
es dreimal sagen!), das Kind zur Selbständigkeit zu er- 
ziehen. Das Kind soll selbst an seine Aufgaben denken, 
es soll selbständig überlegen und den richtigen Buch- 
staben finden. Macht es Fehler, so ist es die Aufgabe des 
Lehrers, die Fehler auszubessern. Ich glaube auch nicht, 
daß der Verkehr mit der Familie des Lehrers vorteilhaft 
ist. Das durch diesen Verkehr ausgezeichnete Kind wird 
unwillkürlich damit prahlen; die anderen Kinder werden 



101 









I 






sich zurückgesetzt fühlen. Es darf in der Schul&z^so 
weit es möglich ist — keine Lieblinge und keine^jtmden- 
böcke geben. 

Es ist viel vorteilhafter, wenn der Lehrer bei aller 
Güte und Freundlichkeit eine gewisse Distanz einhält. 
Das unterscheidet ihn von den Eltern und wahrt seine 
Autorität. Die Nähe entwertet. Kinder sind scharfe Beob- 
achter und wehe, wenn sie bei dem Lehrer, der auch nur 
ein Mensch ist, einen Fehler entdecken. 

Ihre Freundin gibt Nachhilfestunden. Ich bin ein Feind 
aller Nachhilfe. Sie schadet dem Kinde mehr, als sie ihm 
nützt. Zum Lernen ist die Schule da. Dem Hause ist Er- 
holung und Spiel vorbehalten. Deshalb bin ich auch gegen 
die Hausaufgaben, die glücklicherweise jetzt immer mehr 
eingeschränkt werden. 

Freilich ist es unmöglich, 50—60 Schüler in einer 
Klasse zu unterrichten. Es ist weder hygienisch noch päd- 
agogisch zu entschuldigen. Ich halte 20 Schüler für das 
Maximum, das ein tüchtiger Lehrer bewältigen kann, 
wenn er seine ihm anvertrauten Kinder wirklich kennen 
und erziehen soll. Der Staat, der so viel Geld für Soldaten 
und Kanonen hat, sollte lieber mehr Schulen bilden und 
mehr Lehrer anstellen. Dann kann der Lehrer auf den 
Charakter des einzelnen Kindes eingehen. Er muß sich 
aber hüten, bestimmte Schüler als Lieblinge auszuersehen 
und sie den andern als Muster vorzuhalten. Er tut am 
besten, seine Schüler als eine Familie zu betrachten in 
der alle Kinder den gleichen Rang einnehmen. Er muß 
erkennen, daß die Begabungen und Veranlagungen ver- 
schieden sind und der Individualität seiner Zöglinge Rech- 
nung tragen. 

Ihre Freundin hat Ihnen noch einen zweiten Fall 1 
vorgetragen, auf den ich in diesem Briefe zurückkommen 
muß. Sie schreibt: 

102 



Und nun darf ich Ihnen vielleicht noch etwas anderes er- 
zählen: Unser zweiter Junge, ein sehr temperamentvolles Bürsch- 
lcin (er wird bald vierjährig) wurde vor Ostern von einem Motor- 
rad angefahren und trug verschiedene Kopfwunden davon, die 
eine ziemlich lang dauernde Behandlung erforderten. Hansjürg 
war äußerlich sehr vernünftig und tapfer, auch ganz positiv 
eingestellt, wie immer, wenn ihm etwas fehlt. Er versichert 
immer wieder: „Es bessert ganz bald". Nun scheint ihm aber das 
Erlebnis doch im Innersten erschüttert zu haben. Er hatte vorher, 
wie sein Bruder, eine wundervolle Sicherheit in all seinem Tun. 
Mein Mann hatte die Kleinen von jeher gewähren lassen, wenn 
sie turnten, kletterten oder sonst irgendwelche Wagnisse unter- 
nahmen. Und ich hatte mich davon überzeugen können, welchen 
Segen dieses Wachsenlassen für die Kinder bedeutet. Unsere 
Jungen haben sich dafür körperlich prächtig entwickelt: sie 
unternahmen immer nur das, was ihrer jeweiligen Kraft und 
Geschicklichkeit entsprach. Wir hatten uns also zur Pflicht ge- 
macht, das ewige Mahnen und Verbieten zu unterlassen. Wir 
wollten den Kleinen ihre Sicherheit erhalten. Jener Unfall hat 
nun aber mich und das Kind aus dem Geleise geworfen. Gewiß 
trage ich eine große Schuld an der jetzigen Unsicherheit des 
Jungen. Hansjürg ist, wie ich schon erwähnt habe, ein sehr 
lebhaftes Bürschlcin, das seinen Gefühlen auch durch Bewe- 
gungen Ausdruck verleihen muß und weil er sehr intensiv fühlt, 
sind auch seine Bewegungen nicht sehr maßvoll. So wollte der 
Kleine am Abend jenes Unglückstages schon im Betllein wieder 
Purzelbäume schlagen, wahrscheinlich weil er sich wieder wohl 
fühlte. Da mußte ich ihn mahnen, Sorge zu tragen und das habe 
ich in der Folge, aus meiner Angst heraus, wohl zu oft getan. 
Wenigstens ist das Kind seither immer in Bereit- 
schaft zu stürzen. Er ist grad jetzt zum erstenmal wieder 
ringsum" heil. Bis jetzt hatte er ständig Löcher oder doch 
Schürfungen an Kopf, Knien oder Ellbogen. — Noch etwas fiel 
mir auf: eine Zeitlang nach dem Unfall suchte der Kleine immer 
Bilder von Motorrad- und Autounfällen, Zugszusammenstößen, 
Schiffsuntergängen und erfand auch oft Geschichten, in deren 
Mittelpunkt irgendeine derartige Katastrophe stand. Das ist nun 
ziemlich verschwunden und auch die Unsicherheit geht zurück. 
Der Kleine rennt wieder, ohne jeden Tag ein paarmal zu fallen. 
Ich selbst gebe mir natürlich Mühe, meine frühere Ruhe und 
Zuversicht wieder zu gewinnen. Es gibt wohl nichts anderes, was 
dem Kinde helfen könnte? — 

Wie ist das sonderbare Benehmen dieses Knaben zu 
erklären? Der Unfall hat den Jüngeren unvermutet zum 
Mittelpunkt der Familie gemacht. Vater und Mutter waren 
besorgt und sein Rivale, der ältere Bruder, kam in zweite 
Reihe. Mittlerweile begann die Schule, der ältere Junge 
wurde das Objekt, auf den sich das Interesse des Hauses 
konzentrierte. Wie wird er auf die Schuleindrücke rea- 



103 






gieren? Wie wird er sich zum Lehrer stellen? Wie wird 
er sich benehmen? Das kann das sich zurückgesetzt 
fühlende jüngere Kind nicht ertragen und es spielt jetzt 
mit dem Gedanken, ein zweites Mal zu fallen, um wieder 
Zentrum der Aufmerksamkeit und Objekt der Aufmerksam- 
keit der Umgebung zu werden. 

Vielleicht ist es jetzt am Platze, über die Gefahren 
längerer Krankheiten zu sprechen. Ich habe schon in 
früheren Briefen *) betont, wie gefährlich es ist, kranken 
Kindern erhöhte Zärtlichkeit zuzuwenden. Es liegt in der 
menschlichen Natur, daß wir diesen Kindern die Schmerzen 
zu lindern trachten, daß wir versuchen, sie von ihren Be- 
schwerden abzulenken, sie zu beschäftigen. Die Gefahr 
besteht darin, daß diese Kinder im schulpflichtigen Alter 
zwei Lustprämien erhalten: eine negative, daß sie nicht 
in die Schule zu gehen brauchen und die Wärme des 
Elternhauses genießen, die andere, daß sie sich ihren 
Tagträumen ergeben können. Oft stellen sich in dieser Zeit 
die ersten erotischen Phantasien ein und das Kind kommt 
auch ohne Verführung zu onanistischen Spielereien. Es 
gehört also große pädagogische Kunst dazu, das Kind zu 
beschäftigen, es abzulenken, ohne selbst dabei beteiligt 
zu sein. In dieser Zeit kommen Bauspiele, allerlei sinn- 
reiche Beschäftigungsspiele, wie sie jetzt zahlreich zu 
haben sind, in Betracht, auch Lektüre, wenn die Kinder 
schon lesen können, wobei aber strenge zu achten ist, daß 
die Bücher dem Verständnis des Kindes angemessen sind. 
In der Rekonvaleszenz kann sogar mit dem Unterricht 
fortgesetzt werden, was nur mit Hilfe eines Hauslehrers 
oder einer Lehrerin möglich ist. Auch in diesen Fällen 
sollen sich die Eltern nicht am Unterrichte beteiligen, 
der strenge individualisiert und mehr spielerisch durchge- 
führt werden soll. 

Dieser Tage kam ein zusammengebrochener vierzig- 
jähriger M ann in meine Sprechstunde. Ich habe ihn als 



i)Vgl. „Briefe an eine Mutter", Teil I, Brief X, Seite 72 ff. 



104 









begabten Studenten der Technik kennengelernt und sein 
schönes Geigenspiel bewundert. Er macht jetzt den Ein- 
druck eines Greises. Obwohl er seine technischen Studien 
glänzend absolviert und bedeutende Stellungen innehatte, 
obgleich er heute ein angesehener Mann hätte sein können, 
ist er jetzt so heruntergekommen, daß er mit kleinen tech- 
nischen Hausartikeln von Tür zu Tür hausieren geht. Und 
auch diesen Gelderwerb mußte er aufgeben. Er hat die 
gar nicht so seltene krankhafte Einstellung, daß er mit 
jedem Vorgesetzten streiten muß. Er provoziert den Streit, 
haßt dann den Chef und kämpft gegen Mord- und Rache- 
gedanken. Zufällig kamen ihm meine Bücher in die Hand 
und es wurde ihm klar, daß er noch an seiner Jugend 
krankt. Sein Haß gegen seinen Vater ist noch heute der 
treibende Motor aller seiner Impulshandlungen. Allerdings 
— er erzählt grauenhafte Vorfälle aus seiner Kindheit. Sein 
Martyrium begann mit der Schule. Er wurde für jede 
schlechte Note barbarisch verprügelt. Sein Vater lernte mit 
ihm zu Hause. Er zitterte so vor seinem Vater, daß er 
während dieses Unterrichtes nicht denken konnte. Dann 
regnete es wieder Prügel. Dieses Martyrium dauerte bis in 
sein vierzehntes Jahr. Sein Vater war dann so beschäftigt, 
daß er ihn sich selbst überließ. Da wurde der Knabe mit 
einem Male der beste in seiner Klasse. Aber er haßte immer 
die Professoren, er haßte den Direktor, und haßte seinen 
Vater, der ihm die schöne Jugendzeit verbittert hatte. Und 
noch heute steht hinter ihm die drohende Gestalt seines 
Vaters. Er rächt sich an seinem Erzeuger dadurch, daß 
er es zu nichts bringt, und der Vater gezwungen ist, ihn 
zu erhalten und vor des Lebens Notdurft zu schützen. Sein 
Geigenspiel hat er aufgegeben und die Geige verkauft. Die 
Erinnerung an die grausamen Stunden, in denen er zum 
Üben gezwungen wurde, hat ihm auch die Freude an der 
Kunst verdorben. Es war erschütternd, als er mir gestand, 
daß er noch heute gegen Mordimpulse kämpfen muß, die 
sich gegen seinen Vater richten. 

105 









In einer Meisternovelle von Leonhard Frank „Die 
Ursache" werden Sie die packende Schilderung finden, 
wie ein reifer Mensch an dem Peiniger seiner Jugend 
Rache nimmt. 

Kinder wissen auch, daß sie die Eltern am empfind- 
lichsten treffen können, wenn sie schlechten Fortgang in 
der Schule aufweisen. Man kann nicht früh genug damit 
beginnen, dem Kinde klar zu machen, daß es für sich und 
nicht für die Eltern lernt. Man kann nicht früh genug 
erkennen, daß die Eltern die Pflicht haben, das Kind glück- 
lich zu machen. Man hüte sich vor der Überschätzung der 
täglichen Leistungen. Und man lasse das Kind nie fühlen, 
daß es mit seinem Studium über uns Gewalt bekommt und 
uns in Affekt bringen kann. Diese Mahnung kann iöh nicht 
oft genug wiederholen. Die Eltern müßten erzogen werden, 
aus ihren Kindern keine Filiale ihrer enttäuschten Hoff- 
nungen und ihres zusammengebrochenen Ehrgeizes zu 
machen. Die Kinder haben ein Recht auf ihr eigenes 
Leben! Je mehr wir uns im Hintergrunde halten und nur 
durch unser Beispiel wirken, desto leichter wird das Kind 
seine Richtungslinien für das künftige Leben finden. Wie 
viele Eltern rächen sich an ihren Kindern für ihr ver- 
pfuschtes Leben! Und die Erziehung gibt uns tausend 
heuchlerische Vorwände, die eigene Verbitterung durch 
Strafen am Kinde auszuleben. Wer seine Kinder schlägt, 
erzieht sie zur Sünde — sagt ein uraltes Sprichwort. Machen 
wir die Schule zu einer Stätte der Freude und der An- 
regung! Die Wißbegierde bringt den Lerneifer mit sich. 
Darum bedarf es keiner Strafen und keiner Drohungen. 
Die Strafe ist aller Laster Anfang und aller Laster Ende! 

Viele Grüße Ihr getreuer 

Dr. W. St. 



106 



.... 






XI. 



Liebe Freundin! 






Ihr letzter Brief legt mir wichtige Entscheidungen vor. 
Er traf mich buchstäblich wie ein Blitz aus heiterem 
Himmel. Sie wollen sich scheiden lassen! Sie denken sich 
jetzt ein weiteres Zusammenleben mit Ihrem Gatten un- 
möglich. Ihr Vertrauen zu Ihrem Manne ist erschüttert, 
seit Sie wissen, daß er Ihnen untreu war. Der Zufall (oder 
war es kein Zufall?) hat Ihnen einen Brief in die Hände 
gespielt. Aus diesem Briefe haben Sie entnommen, daß 
zwischen Ihrem Manne und seinem „Bureaufräulein" Be- 
ziehungen bestehen. Sie wollen die Konsequenzen ziehen 
und Ihren Mann verlassen. 

Aber Sie schreiben auch, daß Ihr Mann den Vorfall 
sehr bedauert; daß er sich selbst der Untreue beschuldigt, 
aber verspricht, daß es nicht mehr vorkommen wird. Er 
will das betreffende Fräulein entlassen, jedoch keineswegs 
auf Ihren Vorschlag der Scheidung eingehen. Ja - er be- 
hauptet, daß er die ganze Zeit Reue gefühlt und Ihnen 
längst das Geständnis der Untreue hätten machen wollen. 
Es wäre alles gegen seinen eigentlichen Willen geschehen. 

Vielleicht war es doch kein Zufall, daß Sie den Brief 
in dem Winterrocke Thres Mannes fanden, dessen Tasche 
er Ihnen zum Flicken gegeben hatte. Sie wissen schon aus 
den Lehren der Psychanalyse, daß es vielleicht gar keinen 
Zufall gibt. Es handelt sich um einen Fall von „neben- 
bewußtem Geständniszwang". Ihr Mann wollte und konnte 
nicht gestehen. Das Gegen-Ich fand den Ausweg, Ihnen den 
Winterrock zu geben, in dessen Tasche sich der verräte- 
rische Brief befand. Vorsichtige Liebhaber pflegen derlei 
Briefe nicht in den Taschen zu tragen, sondern sie sogleich 



107 



■- 



zu vernichten oder hinter Schloß und Riegel aufzube- 
wahren. 

Diese Momente müssen wir berücksichtigen, wenn wir 

an eine Scheidung für immer denken. Ich verstehe, daß 

Sie in Ihren heiligsten Gefühlen gekränkt sind. Aber wissen 

Sie so wenig vom Leben? Wissen Sie nicht, wie groß die 

Macht der Versuchung und wie klein eigentlich unsere 

Widerstandskraft ist? Haben Sie nie an sich erfahren, wie 

schwach die Dämme der Moral und der Vernunft sind!? 

Die Untreue der Männer ist leider die Regel und die treuen 

Männer sind die Ausnahme. (Ich will hier nicht von den 

Frauen reden. Im Innersten eines jeden Menschen gibt es 

Abgründe, in die er nicht blicken will. Aber die Treue der 

Gedanken ist ebenso selten, wie die Treue der Männer in 

der Tat.) Ihr Mann bereut, er ist sonst in jeder Hinsicht 

ein musterhafter Gatte und Vater. Die schönste Tugend 

des Weibes ist: Verzeihen können! Ziehen Sie den Schleier 

der Vergessenheit über das Erlebnis, bleiben Sie lieb und 

zärtlich, wie Sie es immer waren, tragen Sie nichts nach, 

rühren Sie nicht an dem Vergangenen und Ihr Gatte wird 

es Ihnen hoch anrechnen. 

Bei meiner Mutter hätten Sie in diesem Falle in die 
Lehre gehen können. Bei uns zu Hause war in meiner 
Jugend Schmalhans Küchenmeister. Vater mußte eine Stelle 
im Auslande annehmen und wir bekamen ihn nur alle 
paar Monate einmal zu Gesicht. Wie ich das Folgende er- 
fahren habe, ich weiß es nicht. Mutter hat es mir später 
erzählt, aber ich erinnere mich selbst an alle Details. Kurz 
— Mutter wurde durch einen anonymen Brief in Kenntnis 
gesetzt, daß Vater in der Fremde ein „Verhältnis" habe. 
Und Vater wußte, daß Mutter diesen Brief erhalten hatte. 
Er kam nach Hause, war sehr gedrückt (denn er liebte 
Mutter innig), schlich scheu und schuldbewußt um sie 
herum und erwartete den großen Sturm. Doch der große 
Sturm kam nicht. Mutter war lieb und freundlich, als ob 
sie nichts wüßte. Wahrscheinlich erwartete Vater den 

108 









Sturm am zweiten Tage. Aber er ängstigte sich vergebens. 
Er hatte nicht mit der Weltklugheit meiner Mutter ge- 
rechnet, der ich fast alles zu verdanken habe, was ich 
heute an Weisheit besitze. Sie machte ihm gar keinen Vor- 
wurf und als er endlich sein Geständnis stammeln wollte, 
da war sie es, die ihm das Reden verbot. Sie wollte nichts 
davon wissen. Und Vater hat das Mutter hoch angerechnet; 
auch er erzählte mir einmal das Erlebnis und schloß mit 
den Worten: „Ich habe deine Mutter immer heiß geliebt, 
aber nie so heiß, als in der Zeit nach diesem Erlebnis. 
Nichts hat mich so an sie gebunden, wie der Umstand, 
daß sie mir die peinliche Auseinandersetzung erspart hat!" 
Liebe Freundin! Sie haben also jetzt die schönste Ge- 
legenheit, sich die Liebe und Dankbarkeil Ihres Mannes zu 
erobern und zu sichern. 

Es freut 'mich, daß Sie mir betont haben, daß die 
Kinder nichts von dem ehelichen Gewitter gemerkt haben, 
das sich über ihren Häuptern zusammengezogen hat. Sie 
vermieden die häßlichen Auseinandersetzungen, so lange 
die Kinder im Zimmer waren. Derartige Streitszenen graben 
sich tief in das Hirn der Kinder und können sie fürs Leben 
unglücklich machen. Erste Pflicht der Eltern: Rücksicht 
auf die zarten Kinderseelen! Sie merken schon, daß ich 
mich der wichtigen Frage nähere: „Was soll aus den 
Kindern werden, wenn Sie sich scheiden lassen?" 

Kinder geschiedener Eltern! Ein trauriges Kapitel, 
dem ich mich nur ungern nähere. Es gibt da verschiedene 
Möglichkeiten. Die : eine und die beste: die Kinder bleiben 
bei der "Mutter. Sie ist zwar die beste dieser Möglichkeiten 
und doch nur ein schwacher Ersatz für den Sonnenschein 
einer glücklichen 'Ehe. Den Kindern fehlt der Vater. Sie 
dürfen ihn zwar zeitweilig besuchen. Doch beginnt der ver- 
hängnisvolle Kampf um die Liebe der Kinder. Es beginnt 
das traurige Spiel der Eifersucht und der Eifersüchteleien. 
Schließlich kommt das Kind zur direkten Fragestellung: 
„Vater, warum bist du von der Mutter weggegangen?" Was 

109 









soll der Vater, was soll die Mutter in einem solchen Falle 
sagen, wenn die Ehe aus dem Verschulden des einen Teiles 
geschieden wurde? Vornehme Naturen bemühen sich, das 
Idealbild des Vaters oder der Mutter zu erhalten. Vor- 
nehme Männer verraten nie, daß sie die Mutter wegen Ehe- 
bruches verlassen haben. Aber wie selten sind diese vor- 
nehmen Naturen! Wie leicht siegen Verbitterung, Wunsch 
nach Rechtfertigung, Haß und Eifersucht über unsere 
besten Vorsätze! 

Ich kenne traurige Fälle, in denen der eine Teil Haß 
gegen den anderen Teil predigt. Ich kenne Fälle, in denen 
der eine Teil nichts mehr von den Kindern wissen will 
und sich um sie gar nicht kümmert. Der Haß springt vom 
Partner auf die unsohuldigen Kinder über. 

Im besten Falle fehlt dem Kinde entweder der Vater 
oder die Mutter. In Ihrem Falle würden Sie die Kinder von 
dem Vater reißen, an dem sie mit heißer Liebe hangen. 
Und keine Mutter kann den Kindern den Vater ersetzen! 
Mit dieser Trennung wäre für die unschuldigen Opfer der 
Ehetragödie, für die Kinder, der Beginn einer Gefühls- 
störung gegeben, die sich sehr bald als die sogenannte 
„Nervosität" äußern würde. 

Jedes Kind spinnt einen „Familienroman", in dem es 
sich eine höhere Abkunft konstruiert. Es ist ein ver- 
tauschtes oder angenommenes Kind. Es gewinnt dadurch 
Distanz zu seinen Eltern. Der Ablösungsprozeß der Kinder 
von ihren Erzeugern beginnt eigentlich sehr früh. Sie be- 
ginnen bald mit der Entwertung der Idealgestalten, be- 
sonders wenn diese Idealgestalten ihnen dazu Anlaß geben. 
Da die meisten Väter sich den Kindern gegenüber als 
Muster aller Tugenden ausgeben (sie waren angeblich 
immer gehorsam, sie haben nie tolle Streiche gemacht, 
sie waren nie frech, sie haben immer ihre Aufgaben recht- 
zeitig gemacht, kurz sie waren Musterexemplare des „homo 

sapiens" usw ), lauern die Kinder nur darauf, an dem 

unerreichbaren Idealbilde die ersten Flecken zu entdecken. 

110 



'I 



Dadurch verringern sie die Distanz und retten sich vor 
dem erdrückenden Gefühle eigener Minderwertigkeit. Erst 
später erfolgt die Befreiung aus dem Netze dieser Fiktionen 
und die Aussöhnung mit der Wirklichkeit. Ganz ver- 
schieden gestaltet sich das Seelenleben, wenn die Tatsache 
der Trennung der Eltern der Phantasie des Familien- 
romanes neue Nahrung zuführt und wenn das Kind schon 
früh zwischen Vater und Mutter gestellt wird. Das Kind 
benötigt Vater und Mutter, um sich an ihrem Beispiele 
heranzubilden. Im reifen Alter wirkt die Scheidung der 
Eltern lange nicht so dramatisch, wie in früher Jugendzeit. 

Noch schwieriger ist die Frage der zweiten Heirat. 
Nehmen wir den Fall an, daß sich der Vater von der 
Mutter aus ihrem Verschulden scheiden läßt und ein 
zweites Mal heiratet. Die Kinder bleiben bei dem Vater. 
Nun pflegen sich die Kinder gegen die Ersatzmutter, die 
den bösen Namen Stiefmutter trägt, sofort mit Haß und 
mit Trotz einzustellen. Das geschieht auch oft, wenn die 
Mutter gestorben ist und der Vater eine zweite Frau ins 
Haus nimmt. Wahrlich — die Aufgabe dieser Frau ist keine 
leichte und man sollte vor allen Stiefmüttern den Hut ab- 
ziehen, denen es gelungen ist, die Liebe ihrer Stiefkinder 
zu erobern und sie nicht den Mangel einer Mutter fühlen 

zu lassen. 

Meist sind es die Mädchen, die sich von Haus aus 
feindlich gegen die Ersatzmutter einstellen, weil sie die 
stille Hoffnung hegten, dem Vater die fehlende Mutter zu 
ersetzen. Aber ich kenne auch Söhne, die den Vater vom 
Momente seiner zweiten Heirat an zu hassen begannen. 
Noch komplizierter wird die Sachlage, wenn Kinder aus 
der zweiten Ehe kommen und die Eifersucht sich auch 
gegen die neuen Geschwister-Rivalen richtet. 

Ich kenne auch Ausnahmen. Ich kannte eine edle 
Frau die als Stiefmutter ins Haus kam und sich die Liebe 
beider Töchter und des Sohnes so zu erringen wußte, daß 
sie mit abgöttischer Verehrung an ihr hingen. Als eine 

111 



Stiefschwester geboren wurde, bemühte sich die Mutter, 
den Stiefkindern zu beweisen, daß sie keinen Unterschied 
zwischen dem eigenen Kinde und den Stiefkindern mache. 
Das Schwesterchen wurde dann von den Stiefschwestern 
verzärtelt und war ihr Liebling, während die Mutter sich 
scheinbar wenig um das Kind kümmerte. Noch heute — 
lange nach ihrem frühem Tode — pilgern die Stiefkinder 
vereint mit der Schwester zum Grabe der edlen Mutter, um 
es mit Kränzen zu schmücken; sie weinen heiße Tränen um 
die Verstorbene, die ein einfacher, aber gütiger Mensch 
war — ein Edelmensch im vollen Sinne des Wortes. Doch 
selche Edelmenschen sind spärlich gesät. 

Diese Stiefmutter war eine Ausnahme und ich freue 
mich, daß es solche Ausnahmen gibt. Oft aber nützt das 
heißeste Bemühen der Stiefmutter oder des Stiefvaters 
nichts. Das Kind verharrt in seiner Trotzeinstellung und 
betrachtet die zweite Heirat als einen Verrat an seiner 
Liebe. 

Sie sehen also, wie schwerwiegende Folgen eine Schei- 
dung nach sich ziehen kann. Darum sollten junge Ehe- 
paare warten und zuerst auf den Kindersegen verzichten, 
wenn sie nicht das sichere Gefühl haben, daß der Bund 
alle Stürme der kommenden Jahre überdauern wird. Ich 
glaube, Sie werden nach diesen Ausführungen den Ge- 
danken an eine Scheidung aufgeben. Anders steht die 
Sache, wenn der Vater oder die Mutter ein böses Beispiel 
für die Kinder abgeben. In solchen Fällen wählen wir 
von zwei Übeln das kleinere: die Scheidung der Eltern. 
Wenn der Vater Trinker, Spieler, oder ein verkommenes 
Subjekt ist, wenn die Mutter ein minderwertiges Wesen 
ist, das sich um die Kinder nicht kümmert, ihren Ver- 
gnügungen nachrennt, dem Manne das Haus zur Hölle 
macht, dann ist ernstlich zu erwägen, ob es nicht vorteil- 
hafter ist, das Kind dem Einflüsse des bösen Beispieles zu 
entziehen. 

112 



Glücklicherweise treffen alle diese Voraussetzungen 
für Ihren Fall nicht zu. Sie hatten Ihrem Gatten bislang 
nichts vorzuwerfen und ich hoffe, daß er aus seiner ersten 
Erfahrung gelernt hat, sich besser zu behüten. Schnitz- 
ler, der Wiener Poet, meint in einem seiner vielgelesenen 
Bücher: Treue sei die Tatsache, daß man immer zu seiner 
Liebe zurückkehre. Es ist ein Körnchen Wahrheit in 
diesem Paradoxon. Oft bewährt die Untreue erst die rechte 
Treue. Überdies gibt es noch ein Hindernis, Sie fühlen sich 
wieder Mutter und erwarten ein drittes Kind. Ein Band 
mehr zwischen Ihnen und Ihrem Manne, eine Kette mehr, 
die Sie an das Zusammenleben fesselt. 

Ein anderer Fall, den Sie mir vorlegen, erfordert 
gleichfalls eine ernste Überlegung. Es handelt sich um eine 
geistig hochstehende Freundin, die einen selbständigen 
Beruf hat und einen verheirateten Mann liebt. Die Frau 
des geliebten Mannes lebt schon acht Jahre von ihm ge- 
trennt, aber sie willigt nicht in die Scheidung, sie will den 
Mann hindern, wieder zu heiraten. Und der Mann hat 
eigentlich keinen gesetzlichen Scheidungsgrund. Der unge- 
setzlichen gäbe es genügend, aber das strenge Gesetz ver- 
langt wirkliche Vergehen, die sich mit einem Paragraphen 
ausdrücken lassen. Leider sind unsere Gesetze noch so 
rückständig, daß sie nur Ehebruch und selten auch gegen- 
seitige Abneigungen als wirklichen Scheidungsgrund an- 
sehen. (In Deutschland gilt auch die gegenseitige Zustim- 
mung zur Ehescheidung nicht und es muß daher oft die 
Komödie eines Ehebruches aufgeführt werden, um den 
Gesetzen genüge zu leisten. In Rußland genügt das Ver- 
langen eines Ehepartners, um die Scheidung herbeizu- 
führen. Sie sehen die Extreme in den Auffassungen der 
Gesetze!) Der Geliebte Ihrer Freundin hat keine Kinder 
und sehnt sich nach Kindern. Ihre Freundin will auch 
ein Kind als Reichen des Liebesbundes. Sie wünscht sich 
sehnsüchtig -ein Kind und will die Verantwortung auf sich 
nehmen, ein uneheliches Kind in die Welt zu setzen. 

113 

8 Stekcl, Briefe an eine Mutter 









r 



Ich finde dieses Vorgehen geradezu brutal und rück- 
sichtslos — gegen das Kind. Man muß nur einmal als 
Seelenarzt das Martyrium eines unehelichen Kindes aus 
eigener Beobachtung kennen gelernt haben, um allen 
Müttern und Vätern dieses grausame Experiment zu ver- 
bieten. Unsere Gesellschaft hat zwar in dieser Hinsicht große 
Fortschritte gemacht. Der verächtliche Ausdruck „Bastard" 
ist aus dem öffentlichen Sprachgebrauch verschwunden. 
Trotzdem hängt noch ein Stück sozialer Minderwertigkeit 
an dem unehelichen Kinde. Die Scham verbietet dem un- 
ehelichen Kinde, über seine Herkunft zu sprechen und 
zwingt es, sie zu verheimlichen. 

Das uneheliche Kind leidet unter der Verachtung 
seiner Kameraden. Rühmen die Kinder die Vorzüge ihrer 
Väter, so schweigt das uneheliche Kind beschämt. Es fehlt 
ihm auch die Liebe und das Beispiel des Vaters. Es kommt 
früh in Trotzeinstellung zur ganzen Gesellschaft. Es er- 
liegt viel leichter den Lockungen des Verbrechens als 
Kinder, die in der Wärme der väterlichen und mütterlichen 
Liebe aufgewachsen sind. Wie Pflanzen ohne Sonnenlicht 
verkümmern oder degenerierte Formen annehmen, so 
werden die unehelichen Kinder seelisch gebrochene Men- 
schen, die den unbekannten Erzeuger hassen und ihn ver- 
fluchen. Dieser Haß überträgt sich dann auf die ganze 
Gesellschaft, auf jede Autorität, auf Gesetz und Recht, auch 
auf Religion und Sitte. 

Solche Kinder sinnen nur, wie sie sich an dem Ver- 
führer ihrer Mutler rächen können. Kümmert sich der 
Vater um sein uneheliches Kind, so kann er diese Trotz- 
einstellung überwinden und das Kind auf den rechten Weg 
lenken. Wehe aber, wenn er sich um das im Rausche der 
Leidenschaften gezeugte Kind nicht kümmert und glaubt, 
mit der Zahlung der Alimente seine Pflicht erledigt zu 
haben! Das Kind beneidet jedes andere Kind, das einen 
Vater hat, es stellt der Mutter tausend Fragen, wo denn 

114 



der Vater sei, warum es denn den Namen der Mutter 
trage usw. 

Ich denke an das Drama, das sich in Wien vor einigen 
Jahren abgespielt hat. Ein junger Mann läßt sich von einem 
Zahnarzt seine Zähne in Ordnung bringen. Nach getaner 
Arbeit verlangt er vom Zahnarzt seine Rechnung und 
knallt ihn nieder in dem Momente, als der Zahnarzt seine 
Note überreicht. „Das ist die Begleichung meiner Rech- 
nung!". Der Getötete war sein Vater. Der Mörder war ein 
uneheliches Kind; die Mutter hatte ihm den Namen des 
Verführers verraten. 

Ich denke an einen lebensunfähigen Stotterer, der un- 
ehelich geboren (in vergangener Zeit hieß es sogar „unehr- 
lich") von seiner Mutter nie den Namen seines Vaters er- 
fahren konnte. Immer lag ihm die eine Frage auf den 
Lippen, und sie wurde schließlich zum Zentrum einer 
Sprachstörung, die immer der Ausdruck eines schweren 
Lebenskonfliktes ist. 

Glücklich noch die unehelichen Kinder, um die sich 
die Eltern oder die Mutter bekümmert, wie es Ihre Freundin 
tun würde. Diese Kinder werden oft seelenkrank, doch nie 
so verbittert, wie die Unglückseligen, die zu fremden Leuten 
gegeben, die verkauft, oder mit einer gewissen Summe 
Geldes „eingekauft" werden. 

Wir haben in Wien jetzt die Tragödie eines zehn- 
jährigen Knaben mitgemacht, der (eine „Jugendsünde" 
seiner Mutter) von ihr von Kostfrau zu Kostfrau, von In- 
stitut zu Institut gegeben wurde. Sie wollte heiraten und 
die „Schande ihrer Jugend" verbergen. Sie besuchte das 
Kind heimlich, zeigte sich selten mit ihm in der Öffentlich- 
keit. Nun war sie endlich verlobt und sollte heiraten. Der 
aufgeweckte Knabe wußte darum und beschloß, sich an 
seiner Mutter zu rächen und ihre Pläne zu vereiteln. Er 
inszenierte ein Attentat, indem er sich einige Stellen des 
Gesichtes mit Salzsäure beträufelte, beschuldigte dann 



8» 



115 












seine Mutter, sie habe ihn blenden und töten wollen. Die 
Frau wurde verhaftet, weil man zuerst den Angaben des 
verschlagenen Knaben Glauben schenkte, obgleich er schon 
vorher einige dramatische Selbstmordversuche in Szene 
gesetzt hatte; die Öffentlichkeit bemächtigte sich der An- 
gelegenheit mit der Devise „Eine herzlose Mutter, die ihr 
uneheliches Kind löten wollte", der Bräutigam erfuhr 
natürlich wie die ganze Stadt von der Existenz des 
Knaben. Der rachsüchtige Junge hatte sein Ziel erreicht. 
Die Polizei kam erst nach drei Tagen auf den erlösenden 
Gedanken, daß der Knabe das Attentat fingiert hatte, der 
Name der herzlosen Mutter war in allen Blättern zu lesen 
und das, was sie verheimlichen wollte, war nun aller 
Welt bekannt: daß sie ein uneheliches Kind hatte. 

Wer hätte diese diabolische Schlauheit einem unreifen 
Knaben zugetraut?! Die Öffentlichkeit nahm mit Recht 
Stellung gegen die herzlose Mutter, die das Kind der Sünde 
offenbar haßte. 

Sie fragen erstaunt, ob es Mütter gibt, die ihre Kinder 
hassen. Freilich gibt es solche Mütter und es sind nicht 
immer die entmenschten Bestien, von denen uns die 
schrecklichen Kindermißhandlungen erzählen. Es sind oft 
feine, ethische Naturen, die schwer unter diesem Haß 
leiden. Doch mein Brief ist ohnehin heute lang geraten. 
Wir werden ein anderes Mal darüber sprechen. 

Warnen Sie Ihre Freundin! Sie möge es sich über- 
legen, ein uneheliches Kind in die Welt zu setzen. Der 
Schrei nach dem Kinde entspricht dem Verlangen, dem 
sinnlosen Leben einen Zweck und Inhalt zu geben. Doch 
dieser Inhalt ist oft ein Krug, den die Tränen des unehe- 
lichen Kindes füllen und er wird nach den ersten Jahren 
der Freude zu einer schweren Last, wie in dem sinn- 
reichen Märchen. 1 ) Leider ist, was ich Ihnen heute vorge- 
tragen habe, kein Märchen. Kinder sind eine Verpflich- 



i 



l ) Vgl. auch Brief XIV, Seite 138 ff. 
116 









tung. Wer sie nicht voll und ganz erfüllen kann, muß 
selbstlos genug sein, auf das Glück der Mütterlichkeit ver- 
zichten zu können. 

Es grüßt Sie herzlichst 

Ihr getreuer 

Dr. W. St. 
























U7 



XII. 

Liebe Freundin! 

Sie sind besorgt, weil Ihr Junge zu grimassieren an- 
fängt. Sie wissen sich keinen Rat und fragen, ob man ihn 
deshalb tadeln und auf das Grimassieren aufmerksam 
machen soll. Sie haben gehört, daß es Krankheiten gibt 
(der sogenannte Veitstanz — von den Ärzten „Chorea" ge- 
nannt), bei denen ein ähnliches Grimassieren auftritt. Ihr 
Hausarzt hat Sie beruhigt und das Fehlen einer jeden 
organischen Krankheit feststellen können. Sie wollen nun 
wissen, wie Sie sich zu benehmen haben und was wohl 
die Ursache dieser bei Kinder so häufigen Erscheinung 
sein kann. 

Sie haben schon vorher beobachtet, daß Ihr Knabe 
gerne in den Spiegel blickte und allerlei häßliche Gesichter 
schnitt. Gewöhnlich fängt das Leiden auch so an, daß die 
Kinder ein Interesse für ihr eigenes Gesicht bekunden. 
Ihr Knabe hat Ihnen schon vorher mitgeteilt, daß er vor 
dem Einschlafen allerlei schreckliche Fratzengesichter auf 
sich zukommen sah, so daß er erschreckt die Augen 
öffnete, um den Spuk zu verscheuchen. Auch diese Er- 
scheinung bedeutet eigentlich nichts Abnormales. Sie 
wissen ja aus meinen Briefen, daß jedes Kind (besser 
gesagt: jeder Mensch) einen zweiten Menschen in sich 
trägt. Das Häßliche und Unerträgliche wird in die Tiefen 
der Seele gestoßen und meldet sich, sobald mit dem Ein- 
schlafen das Tier in uns erwacht. Ich hätte ebenso gut 
sagen können, daß der Urmensch, der dem Tiere viel näher 
stand als wir, erwacht. Er liegt auf der Lauer und be- 
mächtigt sich im Schlafen der Kinderseele. Es gibt beim 
Einschlafen noch einen Moment, in dem die Kritik des 
Bewußtseins die ersten Traumbilder überblicken kann. 
Man nennt diese Traumbilder „hypnagog", weil sie den 

118 



Schlaf einleiten. Der Urmensch liegt den ganzen Tag auf 
der Lauer, um das Steuer der Seele zu ergreifen. 

Sie haben ja selbst bemerkt, daß Ihr Junge auf die 
Schwester und auf das zu erwartende Kind eifersüchtig 
ist. Er ahnt schon, daß ein neuer Rivale kommen wird. 
Er stellte Ihnen die merkwürdige Frage, wo sich denn 
die Kinderwäsche des Schwesterchens befindet, obwohl 
er neulich sehr interessiert zugesehen hat, wie Sie diesen 
Wäscheschatz geordnet haben. „Mami, willst du diese 
Wäsche verkaufen?" fragte er mit scheinbarer Naivität. 
Auch Bemerkungen über Ihren dicken Bauch sind ge- 
fallen. („Mama, du darfst nicht so viel essen, du kriegst 
sonst einen so dicken Bauch!"). 

Sie müssen annehmen, daß er sich schon jetzt feind- 
lich gegen den neuen Rivalen einstellt, aber diese Einstel- 
lung als häßlich empfindet, weil Sie ihm ja oft gepredigt 
haben, daß Geschwister einander lieben müssen. Er weigert 
sich auch in letzter Zeit öfters, der kleinen Schwester 
irgendeinen Dienst zu erweisen. Er will nicht ritterlich 
sein. Nachträglich bereut er es und zeigt seinem Schwester- 
chen eine stürmische, oft allzu stürmische Zärtlichkeit, 
die fast wehe tut . . . 

Sie haben selbst bemerkt, daß die Grimassen fast die 
Bewegung des Beißens darstellen. Auch spielt er jetzt 
gerne Wolf oder Bär und droht, er werde das Schwester- 
chen aufessen. Grimassen ersetzen einen unterdrückten 
Impuls. Es gibt eine Krankheit der Erwachsenen, die 
„ wir als „Tik" bezeichnen, weil gegen den Willen des 

Betroffenen allerlei grimassierende Bewegungen der Mus- 
keln im Gesichte oder auch sonst scheinbar unkoordinierte 
Bewegungen der übrigen Muskulatur auftreten können. Ich 
konnte in allen diesen Fällen nachweisen, daß es sich um 
einen unterdrückten Impuls handelt. 1 ) Auch Ihr Junge hat 



n 



*5 Ausführlich behandelt im Kapitel über Tik im sechsten 
Bande meiner „Störungen des Trieb- und Affektlebens." (Impuls- 
•, Handlungen.) 



119 



mit zurückgedrängten Impulsen zu kämpfen. „Kultur-Ich" 
und „Ur-Ich" liefern sich die ersten erbitterten Kämpfe. Es 
wundert Sie auch, daß er so oft vom Tode spricht und 
daß er und sein Schwesterchen vor kurzer Zeit „Begraben" 
gespielt haben, obwohl es gar nichts zu begraben gab. 
Aber sie ließen einfach eine Puppe sterben, um einen Vor- 
wand zu haben, dieses gar nicht so seltene Kinderspiel 
ausführen zu können. Vielleicht hat sich sein Schwester- 
chen schon gegen den neuen Feind mit ihm verbündet. 
Das wird Ihnen unwahrscheinlich vorkommen. Aber un- 
sere Erfahrungen sprechen eine deutliche Sprache. Es ist 
höchste Zeit, daß wir einmal anfangen, die Kinder wirklich 
zu verstehen und ihre frühen Konflikte zu erkennen. 
Lassen Sie sich die folgende Geschichte mitteilen, die mir 
eine kluge Mutter, die Ärztin, und ebenso gute Beobachterin 
wie Erzieherin ist, mitgeteilt hat. 

Es handelt sich um die Geschichte von der „Sterbe- 
maschine". 

Die siebenjährige Gisi soll mit ihrer kleinen Schwester zu 
einer Freundin gehen. Sie hat keine Lust, diesen langweiligen 
Auftrag auszuführen und erklärt kurz und bündig, sie werde ihre 
kleine Schwester auf der Straße stehen lassen und ihr davon- 
laufen. Darauf sagte ich empört: 

„Wenn du so häßlich handelst, so darfst du den ganzen 
Winter in keine Kindergesellschaft gehen!" 

Gisi: „Na, wenn du das tust, dann drehe ich ganz einfach 
die Sterbemaschine an!" 

„Was, eine Sterbemaschine?" 

„Ja — das ist eine Maschine, wenn man auf einen Knopf 
drückt, dann fällt ein Mensch um und stirbt." 

„Wie weiß aber die Maschine, welcher Mensch gerade 
sterben soll?" 

„Die Masclüne hat ein Loch, das ist wie ein Ohr ... Da sagt 
man den Namen von dem Menschen, der gerade sterben soll, 
ins Loch hinein, ganz leise sagt man es, dann fällt dieser Mensch 
um und stirbt." 

„Was meinst du, was Papa sagen wird, wenn du Mutti so 
einfach mir nichts dir nichts sterben lassest?" 

„Ach — Papa sagt dann: Geh du nur ruhig zu deiner 
Kindergesellschaft, es schadet nichts, wenn Mutti tot ist. 

„Und was wirst du nachher machen, so ganz ohne Mutti?" 

Sie schweigt kurze Zeit, dann murmelt sie etwas wie: „Es 
gibt ja noch eine Wiederbelebungsmaschine." 

120 



Aus dieser kleinen Geschichte mögen Sie ersehen, 
wie die Kinder denken. Sie müssen sich vor Augen halten, 
daß es sich um ein durchaus normales Kind handelt, das, 
von klugen Eltern erzogen, gewöhnt ist, seine geheimsten 
Gedanken auszusprechen, weil es dafür nicht bestraft 
wird. Sie erfahren daraus, wie schnell ein Kind mit dem 
Tode rechnet, wenn es in seinem egoistischen Vergnügen 
gestört wird. Bleuler, der berühmte Züricher Psychiater, 
nennt solche Menschen, bei denen das Ich im Mittelpunkte 
aller Beziehungen und Betrachtungen steht „autistisch". 
Nun wissen Sie es, daß alle Kinder „autistisch" denken, 
und erst mit der Zeit lernen, sich auch sozial einzustellen. 

Das Kind muß zum Gemeingefühl erst er- 
zogen werden! 

Sie sind jetzt besorgt, weil Ihr Knabe absurd klingende 
Phantasien ausleckt und so gerne mit Feuer spielt. Kinder 
spielen sehr gerne den Brandstifter und mancher rätsel- 
hafte Brand geht auf Kinderhände zurück. Sie konnten 
in den letzten Tagen in den Zeitungen lesen, daß in Boston 
ein siebenjähriger Knabe eine Kirche und eine Schule 
(während des Unterrichtes!) in Brand setzte. Dies Kind 
muß keineswegs ein geborener Verbrecher sein, es kann 
durch eine allzu lebhafte Phantasie und durch falsche 
Erziehung zu diesem Schritte getrieben worden sein. Auch 
lassen sich die Kinder durch schlechte Gesellschaft leicht 
zu kriminellen Schritten verleiten. In dem erwähnten Falle 
scheint ein vierzehnjähriger Junge seinen Einfluß miß- 
braucht zu haben. 

Es dürfte Ihnen nicht bekannt sein, daß Kinder leicht 
unter die Hörigkeit eines stärkeren oder energischeren 
Kindes geraten. Besonders Kinder, die zu Hause vernach- 
lässigt und gedemütigt worden sind, können sich leicht 
zu den Eltern in Trotz einstellen, während sie sich einem 
Freunde oder einer Freundin willenlos unterwerfen. 

Vielleicht darf ich Ihnen bei dieser Gelegenheit die 
Geschichte der kleinen Rebekka erzählen, die in Amerika 

121 



spielte. Rebekka war ein häßliches Kind, Vater und Mutter . 
haben es oft genug betont und ihr die schöne Schwester 
immer vorgezogen. Sie war das Kind armer Eltern. Der 
Vater führte das armselige Leben eines Hausierers, die 
Mutter machte Handarbeiten. Rebekka war sich oft selbst 
überlassen, so daß ihre lebhafte Phantasie sie für den 
Mangel jeder realen Lebensfreude entschädigen mußte. Ein 
Erlebnis aber war es, das die größte Enttäuschung ihres 
Lebens bedeutete und sie hätte ganz aus der Bahn werfen 
können. Doch lassen wir Rebekka das Wort: 

„Ich war ein Kind von sechs Jahren, als ich den Höhe- 
punkt des Entzückens und der Freude erreicht habe. Bisher war 
mein Leben grau und düster und ich wußte nichts von Lebens- 
freude. Ich machte auf der Straße die Bekanntschaft eines gleich- 
altrigen Mädchens. Wir befreundeten uns und sie gestattete mir 
einmal, auf ihrem Dreirad die Straße hin und her zu fahren. Es 
war wie ein wunderschöner Traum. Seilher hatte ich nur einen 
einzigen Wunsch: Ich wollte auch ein solches Dreirad besitzen. 
Ich bat und flehte meine Mutter an, aber sie ließ sich nicht er- 
weichen und meinte, ich könnte verunglücken, da der Verkehr 
in der Straße sehr lebhaft war. Ich wandte mich nun an den 
Vater, der mir versprach ein Dreirad zu kaufen, wenn ich meine 
eigenen Ersparnisse dafür verwenden wollte. Wer war glücklicher 
als ich? Das Dreirad schwebte nun als erreichbares Ziel in 
meinen Gedanken bei Tag und Nacht. Ich sparte Penny auf 
Penny, verzichtete auf manches Frühstück, bis ich schließlich 
die Riesensumme von fünf Dollar erreicht hatte. Stolz gab ich 
das Geld meinem erstaunten Vater und bat ihn, mir das heiß- 
ersehnte Dreirad zu kaufen. Er steckte das Geld schmunzelnd ein. 
Vergeblich wartete ich von Tag zu Tag, erinnerte Vater an sein 
Versprechen; aber das Dreirad erschien nicht. Meine "Ent- 
täuschung war grenzenlos und ich sah ein, daß ich es niemals 
besitzen werde." 

Ich war schon sieben Jahre alt, da schloß ich Freundschaft 
mit einem um einige Monate älteren Mädchen. Ich vertraute 
meiner neuen Freundin selbstverständlich meine bittere Ent- 
täuschung. Sie erkannte sofort die günstige Gelegenheit^ meine 
Sehnsucht nach einem Dreirad für ihre Zwecke auszunützen. Sie 
wußte, daß meine Mutter, die nie an meiner Ehrlichkeit ge- 
zweifelt hatte, ihr Geld in einer offenen Lade verwahrte. Meine 
kleine Freundin besaß einen ledernen Tintenwischer, der aus 
gelben, roten und blauen Flecken zusammengesetzt war. Sie 
sagte mir nun, ich solle eine dieser Farben aussuchen, fest auf 
diese Farbe blicken, eines Tages werde ein zauberhaftes goldenes 
Dreirad die Straße herunterkommen und bei mir halten. Dieses 
Dreirad werde nur von mir gesehen werden, allen andern Men- 
schen werde es unsichtbar bleiben. Ich wählte die gelbe Farbe, 
vielleicht weil Gelb am nächsten zu Gold war. Dann gab sie mir 

122 



den Auftrag, Geld bei meiner Mutter zu stehlen, was ich zuerst 
rundweg abschlug. Sie aber nützte ihren Einfluß aus und drohte 
mir, das goldene Dreirad werde niemals kommen, wenn ich nicht 
ihren Willen erfüllen würde. Endlich gab ich nach und bestahl 
meine Mutter. Das Geld vernaschten wir gemeinsam. Bald ent- 
deckte meine Mutter meine Diebstähle und erzwang mein Ge- 
ständnis. Trotzdem wollte ich den Traum iiicht aufgeben und es 
bedurfte dreier tüchtiger Züchtigungen, um mich von meiner 
Freundin und meinem Traum zu erlösen." 

„Aber der Wunsch nach einem Dreirad starb nicht und 
wurde erst erfüllt, als ich nach Beendigung der Volksschule ein 
Bicycle erhielt. Trotzdem hatte ich das bittere Gefühl, betrogen 
worden zu sein; denn mein Bicycle hatte bloß zwei Bäder und 
die Sehnsucht nach einem dritten Bad ist mir durchs ganze Leben 
geblieben." 

Hier schließt die Geschichte der kleinen Rebekka, 
die ein unglücklicher Mensch geblieben ist. Sie sehen die 
schweren Erziehungsfehler. Das Kind wurde zum Minder- 
wertigkeitsgefühl erzogen, es wurde ihm vorgehalten, daß 
es häßlich sei, der Vater benahm sich abscheulich (viel- 
leicht aus Not, aber das ist keine Entschuldigung). Es 
mußte in Trotzeinstellung zu seinen Eltern kommen. Sie 
können aber auch lernen, wie schlau Kinder sind und in 
welch teuflicher Weise die kleine Freundin die Seelen- 
qualen Rebekkas ausnützte, um sie zum Diebstahl zu 
verleiten. 

Woher hatte Rebekka ihre Ersparnisse genommen? 
Die Mutter hatte die schlechte Gewohnheit, Rebekka für 
ihre guten Leistungen in der Schule mit Geld zu belohnen, 
sie bezahlte auch ihrem Kinde verschiedene kleine Dienste, 
die sie in und außer dem Hause zu leisten hatte. 

Wie Sie schon wissen, bin ich absolut dagegen, Kinder 
mit Geld für Fleiß und Dienste im Hause zu entlohnen. 
Daß ein Kind für Klavierspielen und Lernen, für kleine 
Arbeiten entlohnt wird und zwar von seinen Eltern ent- 
lohnt wird, finde ich die schlechteste der Erziehungs- 
methoden. Man hört es oft von verschiedenen Leuten, man 
solle die Kinder rechtzeitig dazu erziehen, den Wert des 
Geldes zu erkennen. Ich finde, daß es viel besser ist, wenn 
die Kinder rechtzeitig lernen, daß das Geld nicht allmächtig 

123 



i 



ist und Reichtum noch lange nicht Glück bedeutet. Es ist 
schon richtig, daß Kinder ein Taschengeld erhalten sollen, 
dessen Verfügung ihnen freistehen sollte. Darüber hinaus 
ist alles von Übel... 

Hätte die Mutter Rebekkas verstanden, das Vertrauen 
ihres Kindes zu gewinnen und zu erhalten, so hätte es 
sofort das Versprechen der Freundin mitgeteilt. Es wäre 
dann nicht zum Diebstahl gekommen, der glücklicher- 
weise keine weiteren Spuren im Seelenleben zurückge- 
lassen hat. Aber die Sehnsucht nach einem goldenen Drei- 
rad ist Rebekka geblieben. Sie ist eine Tagträumerin und 
wartet noch immer, daß das Wunderbare in ihrem Leben 
eintreffen wird. 

Sie, liebe Freundin, haben das Vertrauen Ihrer Kinder 
und entsetzen sich nun darüber, daß Ihr Knabe es liebt, 
häßliche Worte, die er von Kameraden gehört hat, laut 
auszusprechen. Das beweist, daß er irgendwie in Trotz- 
einstellung zu Ihnen gekommen ist. Wahrscheinlich ist es 
die Tatsache, daß Sie ein drittes Kind erwarten. Sie müssen 
offen mit ihm sprechen und seine Eifersucht entwaffnen. 
Aber ich sehe im Gegensatz zu Ihnen darin noch kein 
Argument, das Kind „privat" unterrichten zu lassen. Später 
muß er doch in eine öffentliche Schule. Er wird dann 
scheu sein und sich schwer in die Gemeinschaft fügen 
können. Neueintretende Schüler haben oft unter dem Spott 
und Hohn der Mitschüler zu leiden, besonders wenn sie 
den Eindruck von verzärtelten Muttersöhnchen machen. 

Sie haben noch eine Frage an mich gestellt. Sie waren 
bei einer Freundin auf Besuch. Sie führte Sie in das 
Kinderzimmer und da sahen Sie zu Ihrem Erstaunen 
Brüderchen und Schwesterchen in inniger Umarmung in 
einem Bettchen schlafen. Die Freundin meinte dann, die 
Kinder seien unschuldig wie Engel und es wäre eine Sünde 
zu denken, daß ein solches Zusammenschlafen und gemein- 
sames Baden schaden könnte. 



124 



Lassen Sie sich von meinen Erfahrungen belehren. 
Ich bin sogar dafür, daß die Geschlechter, sofern es die 
Mittel erlauben, in getrennten Zimmer schlafen sollen. Ich 
habe gerade in den letzten Jahren traurige Beispiele ge- 
sehen, so daß ich lieber ein Zuviel als ein Zuwenig an 
Vorsicht anraten möchte. In Holland scheint es Sitte zu 
sein, daß Kinder bis in die Pubertät in einem Bette zu- 
sammenschlafen. Was ist die Folge? Die Geschwister 
bleiben aneinander fixiert, und es kommt zu traurigen 
Folgen, deren Schilderungen Sie mir ersparen mögen. 

Moderne Eltern glauben sehr weise zu handeln, wenn 
Sie mit den Kindern zusammen baden und sich auf diese 
Weise den Unterricht über die Verschiedenheil der Ge- 
schlechter ersparen. Ich habe nie gute Resultate dieser 
törichten Erziehungsmethode feststellen können. 

Sie wollen auch wissen, ob Ihr Knabe schon den 
Musikunterricht beginnen soll. Er stellt sich am Klavier 
kleine Melodien zusammen und hört sehr gerne zu, wenn 
Sie Klavier spielen. Warten Sie mit dem Unterrichte! Sie 
würden sonst die merkwürdige Erfahrung machen, daß 
gerade diese musikalischen Kinder beim Unterricht ver- 
sagen, wenn er zu früh beginnt. Sie können ihm kleine 
Fingerübungen am Klaviere zeigen, aber der systematische 
Unterricht soll erst um das zehnte Jahr herum beginnen. 
Wunderkinder sind meistens Kinder, die zum Unterricht 
gezwungen wurden, deren tägliche Übungen mit Belohnung 
und Strafe erpreßt wurden. Sie wissen schon, daß ich 
gegen jeden Zwang bin. Hüten Sie sich davor, Ihr Kind in 
der ersten Blüte der Jugend zu überlasten. Hüten Sie sich 
davor, ihn in eine bestimmte politische Richtung zu 
drängen. Ich möchte Sie auf die klugen Worte des be- 
rühmten Klinikers Strümpel verweisen: 

„Die Jugend wächst früh, oft schon im ganz un- 
mündigen Alter, in die Vorstellungswelt, in die Interessen- 
welt, in die Parteienwelt, nicht bloß in die Welt der Sorgen 
und Leiden, sondern aucih der Freuden und Genüsse, der 

125 



Begierden, der Laster und der Leidenschaften der Er- 
wachsenen hinein. Sie hört früh auf, als Kind und Jugend 
zu begehren, zu urteilen, wertzuschätzen, zu wollen, sich 
zu beschäftigen . . . Wenn irgendwo, kann hier von einer 
Überbürdung im Sinne einer der Natur der Seele und des 
Körpers der Jugend widerstrebenden Belastung die Rede 



sein." 



Heute schon tragen Volksschüler Parteiabzeichen und 
lernen schon in früher Jugend Klassen- und Rassenhaß. 
Und es gibt Lehrer, die in der Elementarschule um die 
Seelen der Kinder im Sinne einer Partei werben. Wir 
sollen uns aber bemühen, Liebe und Schönheit in die 
jungen Seelen zu pflanzen. Dann wird die Saat der Edel- 
menschen reichlich aufgehen und ein glücklicheres Ge- 
schlecht wird das Andenken seiner Erzieher segnen. 

Viele herzliche Grüße 

__ 



Ihr getreuer 



Dr. W. St. 









12G 






XIII. 

Liebe Freundin! 

Es ist schon lange her, daß ich Ihnen nicht ge- 
schrieben habe. Zwei Jahre sind vergangen, Ihr jüngstes 
Kind, ein wohlgeratener Knabe, ist schon fast zwei Jahre 
alt. Jetzt macht Ihnen der Älteste Sorge. Sie merken, daß 
er sich selbst befriedigt, fürchten schädliche Folgen und 
möchten wissen, wie Sie sich zu benehmen haben. Auch 
beunruhigt es Sie, daß er sonderbare Gelüste zeigt, Ihre 
Kleider anzuziehen und daß er einmal den Wunsch ge- 
äußert hat, er möchte gerne ein Mädchen sein und daß er 
in einen Mitschüler „förmlich" verliebt ist. Sie haben so 
viel von dem Unglück der Homosexuellen gehört, daß Sie 
gerne alle prophylaktischen Maßnahmen ergreifen möchten, 
um eine Abirrung seines Geschlechtstriebes zu verhindern. 

Vom Berliner Forscher Magnus Hirschfeld wird die 
Irrlehre verbreitet, daß die Homosexualität angeboren ist. 
Unsere Forschungen aber haben ergeben, daß es sich um 
Folgen von Erziehungsfehlern handelt und daß es sich 
nicht um einen angeborenen Zustand, sondern um ein er- 
worbenes Leiden handelt. Jede Mutter, jeder Vater sollte 
da Bescheid wissen und bereits auf die Anfänge des 
Leidens aufmerksam werden. 

Knaben müssen rechtzeitig zur Männlich- 
keit, Mädchen müssen zur Weiblichkeit er- 
zogen werden! 

Das ist der erste Grundsatz I 

Es ist also von Übel, wenn die Knaben mit Puppen 
und die Mädchen mit Gewehren und Säbeln spielen, was 
auch an und für sich ein Unfug ist. Mütter lieben es, ihre 
Söhne, wenn sie sich ein Mädchen gewünscht haben, wie 
ein Mädchen zu erziehen. Sie lassen den Knaben lange das 



127 



Röckchen und herabhängende Locken tragen, so daß 
Fremde ausrufen: „Ist das ein niedliches Mädchen! — " 
worauf die Mutter stolz erwidert: „Nein, das — ist nur 
ein Knabe!" Er erhält Puppen, er lernt sticken und 
stricken, er sieht beim Kochen gerne zu und wünscht 
sich eine Puppenküche, die er auch prompt erhält. Ander- 
seits können Mädchen prinzipiell zu Buben erzogen werden, 
wenn die Eltern sich intensiv einen Buben gewünscht 
haben. Diese Mädchen erhalten ein Hutschpferd, sie werden 
früh angehalten, ihre Aktivität zu entwickeln, sie raufen, 
sie klettern auf Bäume, so daß man von ihnen sagt, sie 
wären ein verdorbener Bub. Auch die Wahl der Gespielen 
ist von Bedeutung. Knaben, die unter lauter Frauen auf- 
wachsen und nur Gelegenheit haben, mit Mädchen zu 
spielen, kommen leicht zur Einfühlung in die weibliche 
Rolle. Ebenso kann es Mädchen ergehen, die immer in 
Gesellschaft von Knaben aufwachsen, ihre Spiele teilen 
und selbstverständlich nicht zurückbleiben wollen. Schon 
früh merkt das Mädchen, daß Knaben beim Urinieren eine 
andere Stellung einnehmen; sie können dann die Knaben 
um einen Vorzug beneiden, der im Grunde genommen gar 
kein Vorzug wäre, wenn die Gleichberechtigung der Ge- 
schlechter vollkommen durchgeführt wäre. 

Sehr bedeutsam ist auch das Kräfteverhältnis zwischen 
den Eltern. In einer richtigen Ehe darf es keinen Stärke- 
ren geben. Herrscht die Mutter über den Vater, und zwar 
so, daß es die Kinder merken, so kann sich im Knaben 
einerseits die Identifizierung mit der Mutter, anderseits die 
Angst vor dem Beherrschtwerden durch das Weib sehr 
frühzeitig festsetzen und später immer mehr ausbilden. 

Gefährlich ist auch die Bevorzugung des einzigen oder 
aller Mädchen in einer knabenreichen Familie. Wie leicht 
entsteht da in der liebeshungrigen Seele eines der Knaben 
der Wunsch, ein Mädchen zu sein, um auch so viel an 
Zärtlichkeit genießen zu können wie die Mädchen. Der 
Knabe hört früh, daß man gegen die Mädchen „galant" 



128 



sein müsse, daß man sie beschützen müsse, daß sie 
schwächer seien usw. . . . Gibt der Vater ein Zuviel an 
Liebe den Mädchen, so kann die gleichgeschlechtliche 
Tendenz im Knaben verstärkt werden, besonders wenn er 
mit schwärmerischer Liebe an dem Vater hängt. 

Sie müssen es wissen — und alle Eltern sollen es 
wissen - daß die Menschen alle bisexuell angelegt sind. Im 
Mutterleibe bleibt der Embryo bis zum dritten Monate 
doppelgeschlechtlich. Durch Verkümmerung der einen Ge- 
schlechtsteile und durch Ausbildung der anderen formt 
sich das endgültige Geschlecht. Rudimente des anderen 
Geschlechtes existieren in jedem von uns. Die Kinder sind 
aber viel deutlicher doppelgeschlechtlich als die Erwachse- 
nen. Bis zur Pubertät befinden sie sich in einem Über- 
gangsstadium, das wir mit Dessoir das „indifferenzierte 
Stadium" nennen. Erst mit der Pubertät kommt infolge 
der gesteigerten Tätigkeit der Geschlechtsdrüsen das eigent- 
liche Geschlecht zur vollkommenen Entfaltung. Es dürfte 
Ihnen aber bekannt sein, daß bei manchen Menschen, 
diese Differenzierung schon im Mutterleibe nicht zustande 
kommt, was dann zum Hermaphroditismus (Zwitterbil- 
dung) führt. Diese ärmsten aller Geschöpfe sind nicht 
„Mann und Weib", sondern eigentlich weder Mann noch 
Weib. Seelische Hermaphroditen bleiben wir unser Leben 
lang und manche sogenannte nervöse Störung ist auf eine 
„verdrängte" homosexuelle Komponente zurückzuführen. 1 ) 

Unsere Kinder befinden sich also bis zur Zeit der 
Pubertät in einem Übergangsstadium, ihnen stehen sozu- 
sagen beide Wege der Sexualität offen. Es ist keine Aus- 
nahme, daß sich Ihr Knabe in einen Mitschüler verliebt 
hat. Sie kennen vielleicht aus Ihrer Jugend die stürmische 
Verehrung mancher Mädchen für ihre Lehrerin. Diese 
Mädchen warten ängstlich an der Ecke, ob sie die Lehrerin 



x ) Näheres in meinem Buche „Onanie und Homosexualität", 
Verlag Urban & Schwarzenberg. 



! 



9 Stekel, Briefe an eine Mutter 



129 



treffen und sie grüßen können, erröten bei ihrem Gruß 
und fühlen sich hochbeglückt, wenn sie die Sonne eines 
freundlichen Lächelns bescheint. Blumen werden bei jeder 
passenden und unpassenden Gelegenheit überreicht. Hat 
man die Ehre, der Lehrerin etwas nach Hause tragen zu 
dürfen, so gilt das als höchste Auszeichnung. Die Lehrerin 
wird dann zum Ideal er'hoben, das man wie eine Gottheit 
anbetet und der alle Tugenden zugeschrieben werden. 
Selbstverständlich regt sich bittere Eifersucht, wenn gerade 
die geliebte Lehrerin ein anderes Mädchen sichtlich bevor- 
zugt oder gar das liebende Wesen tadelt. 

Auch die Mädchen- und Knabenfreundschaften dieser 
Periode tragen sichtlich einen oft nicht bewußten homo- 
sexuellen Charakter. Doch hüten Sie sich davor, diese 
normalen Vorgänge als krankhaft und gefährlich zu werten. 
Ebenso harmlos ist die Selbstbefriedigung Ihres Knaben. 
Bei richüger Erziehung verschwinden diese Erscheinungen, 
besonders nach der Pubertät, über die wir ja in den 
nächsten Briefen ausführlich zu sprechen haben werden. 

Doch kann man schon in früher Jugend die Merk- 
male einer sexuellen Abweichung bemerken. Da eröffnet 
sich ein weites Feld der Prophylaxe. Die Psychanalyse 
mag bei Erwachsenen von großer Bedeutung sein. Ihre 
segensreichste Tätigkeit wird sie bei den Kindern ent- 
falten. Sie dürfen sich nicht eine Analyse im Sinne von 
Freud vorstellen. Es handelt sich vielmehr um eine 
Psychopädagogik, die die Erfahrungen und Grund- 
sätze der Psychanalyse benützt. 

Die Wichtigkeit und Bedeutung der Kinderanalyse 
ist heute allen Analytikern zum Bewußtsein gekommen. 
Ebenso sicher ist es, daß der Arzt dazu selten befähigt 
erscheint. In allen diesen Fällen handelt es sich darum, 
sich das Vertrauen der Kinder zu erwerben; es vergehen 
oft Wochen, ehe man sich dem wichtigen Konflikte im 
Seelenleben des Kindes nähern kann. Dazu benötigen wir 



130 






geschulte Kinderpädagoginnen, wie ich sie selbst schon 
wiederholt ausgebildet habe. 

Sie werden mich fragen, warum nicht die Mutter 
diese Rolle übernehmen kann? Glücklich die Mutter, der 
sich ihr Kind schrankenlos eröffnen kann! Glücklich das 
Kind, das mit Vater oder Mutter offen über alle seine 
Nöte und Konflikte sprechen kann! Aber leider hat auch 
das Vertrauen zwischen Eltern und Kind eine Grenze. 
Wenn sich die Affekte des Kindes gegen die Eltern 
wenden, wenn gerade die sexuelle Regung sich auf ein Mit- 
glied der Familie richtet, dann kommt der tragische 
Moment, in dem das Kind die Eltern nicht zu Hilfe rufen 
kann, weil es durch böses Gewissen und eine natürliche 
Scheu davon abgehalten wird. 

Die Tatsache, daß Ihr Knabe sich in einen Mitschüler 
verliebt hat, genügt nicht, um ihn in pädagogische Hände 
zu geben. Daß er oft stottert, leicht errötet, daß er oft 
zerstreut ist und auf viele Ihrer Fragen keine Antwort 
gibt, würde schon eher den Ernst der Situation erhellen. 

Wir kommen nun zu Ihrer zweiten Frage. Das mittlere 
Kind ist in letzter Zeit gereizt, öfters unmotiviert ver- 
stimmt; die Kleine wird unartig, verweigert hie und da 
den Gehorsam, klagt über allerlei Schmerzen und Be- 
schwerden, so daß sie gezwungen sind, sich viel mehr 
mit ihm zu beschäftigen, als es sonst der Fall wäre. 

Ich habe Sie schon wiederholt auf die zwischen den 
Geschwistern herrschende Einstellung der Eifersucht auf- 
merksam gemacht. 1 ) Das mittlere Kind hat in dieser Hin- 
sicht eine schwierige Stellung. Der ältere Knabe hat schon 
bedeutende Vorrechte und nützt seine überragende Stellung 
oft in ungerechter Weise aus. Er trachtet die Jüngeren zu 
beherrschen, vergreift sich sogar an ihnen, um sie für 
irgendeine vermeintliche Missetat zu bestrafen. Überdies 
genießt er noch die Vorrechte seines Älterseins. Er darf 

!) Vgl vor allem „Briefe an eine Mutter", Teil I, Brief XI, 
Seite 76 ff., sowie Teil II, Brief II (oben Seite 21 ff.). 

131 



mancherlei mitmachen, wozu die anderen noch zu jung 
sind. Er unterstreicht die Vorzüge und Vorrechte seiner 
Erstgeburt. 

Das jüngste Kind ist gewöhnlich der verwöhnte Lieb- 
ling der Familie. Schon seine Pflege in den ersten Lebens- 
jahren zwingt die Mutter, sich viel mit ihm zu beschäftigen. 
So sieht sich das mittlere Kind nach beiden Seiten hin 
benachteiligt. Es beneidet den Älteren um seine Stärke und 
den Jüngeren um seine Schwäche. Es fühlt sich vom Leben 
benachteiligt und kommt leicht in eine verbissene Trotz- 
einstellung, die es treibt, den Eltern Kummer und 
Schmerzen zu bereiten, jedenfalls sie zu zwingen, sich mit 
ihm zu beschäftigen. Es trachtet, die Eltern in Erregung 
zu bringen. 

Ich habe Ihnen schon einmal betont, daß das Be- 
nehmen trotziger und unartiger Kinder die Tendenz hat, 
die Eltern in Harnisch zu bringen. Das Kind, das nicht 
genug Liebe erhält, will sehen, daß es den Eltern nicht 
gleichgültig ist und freut sich innerlich, wenn es ihm 
gelingt, die Eltern aus ihrer ruhigen Affektlage zu bringen. 

Es ergibt sich daraus die erste und wich- 
tigste Regel, sich durch die Kinder nicht in 
Affekt bringen zu lassen. 

Eine vernünftige Mutter hat dafür zu sorgen, daß 
der Ältere seine Stärke nicht mißbraucht, sie muß ihre 
Liebe so gleichmäßig verteilen können, daß es keine er- 
klärten Lieblinge und keine schwarzen Schafe in der 
Familie gibt. Sie muß ihren Kindern immer wieder die 
häßliche Eigenschaft des Neides und der Eifersucht be- 
wußt machen und ihnen das Evangelium der Liebe 
predigen. 

Sie "haben es selbst bemerkt, wie ängstlich Ihre Kleine, 
also das mittlere Kind, ihre Spielsachen behütet, daß sie 
in Wut gerät, wenn der übermütige Junge ihr Eigentum 
berührt. Wenn Sie so weit kommen, daß die Kleine ihre 
Spielsachen gerne hergibt, daß der Ältere das Gleiche mit 



132 



der Jüngeren macht, daß bei Ihren Kindern kein großer 
Unterschied zwischen „mein" und „dein" besteht, dann 
haben Sie Ihr hohes Ziel erreicht. 

Sie haben selbst mit Erstaunen bemerkt, daß die 
Kinder Weihnachten eigentlich enttäuscht waren, und 
jedes der Ansicht war, der andere hätte schönere Sachen 
bekommen. Bei dem bestehenden Altersunterschiede ist es 
nicht möglich, allen Kindern das Gleiche zu schenken. 
Könnten Sie den Versuch machen und würden Sie die 
Kinder die Geschenke austauschen lassen, die Kleinen 
würden wieder unzufrieden sein und sich nach den alten 
Sachen zurücksehnen. Das liegt in der Menschennatur. 
Wir sind alle neidisch und blicken mit einem Auge nach 
dem Nachbar, wenn wir im Restaurant sitzen. Er hat 
besser gewählt, er hat die größere Portion erhalten. Es 
gibt wenige Menschen, die nicht das Gefühl haben, vom 
Leben benachteiligt worden zu sein. 

Auf dieser Grundlage entwickelt sich die Überzeugung, 
ein Pechvogel zu sein, die so viele Menschen beherrscht 
und die schon in früher Jugend einsetzt. Dieses Gefühl 
entspringt einem geheimen Schuldbewußtsein und heißt 
eigentlich: „Du darfst nicht glücklich sein, weil du es 
nicht verdienst." So läuft auch die Kunst der Erziehung 
darauf hinaus, dem Kinde kein Schuldbewußtsein einzu- 
impfen. Freilich stoßen wir auf einen heiklen Punkt. Die 
Religion verlangt das Schuldbewußtsein, sie macht auch 
den Menschen durch seine angeborenen Triebe schuldig. 
Die Unsitte, unreife Kinder zur Beichte und Kommunion 
zu führen, ehe sie sich über den Begriff der Schuld klar 
sein können, führt zu schweren Komplikationen in der 
kindlichen Seele. Ich hoffe, Sie haben meine Lehren be- 
herzigt und den Kindern das Ideal eines liebenden, ver- 
stehenden und verzeihenden Gottes eingepflanzt. Leider 
wird Ihre Arbeit vielleicht nutzlos sein, wenn das Kind 
das Unglück hat, in der Schule von einem fanatischen 
Religionslehrer auf Schuld und Strafe aufmerksam ge- 

133 



macht zu werden. Glücklicherweise sind diese Fälle selten 
und viele Kinder erinnern sich mit Dankbarkeit ihres 
gütigen Religionslehrers, der ihre Herzen zu erobern ver- 
stand und ihnen nicht die Schreckbilder der Vergeltung 
vor Augen führte. 

Daß hier so manches zu reformieren wäre, will ich 
Ihnen nicht verhehlen. Es ist aber ein schwieriges Gebiet 
das ich betreten habe. Ich denke, die kurzen Andeutungen 
werden Ihnen genügen. 

Es gibt noch eine Art des Glaubens, der viel gefähr- 
licher wirkt, das ist sein Bastard, — der Aberglaube. Und 
wie verbreitet ist dieser Aberglaube selbst unter den In- 
tellektuellen! Es gibt Unglücks tage (die bei jedem Volke 
verschieden sind), und es gibt Unglückszahlen. Was hat 
die berüchtigte „dreizehn" schon für Unheil angerichtet! 
Selbst kluge Menschen glauben an das „Verschreien" und 
„Versehen" und klopfen auf den Tisch, um die bösen 
Geister zu beschwören. Ein Kind beobachtet diese Dinge 
sehr scharf, imitiert sie und wird dann selbst abergläubisch. 
Mit dem Aberglauben hört aber die Herrschaft der Ver- 
nunft auf. Die mystische Welt greift in das Denken des 
Kindes ein. Neben Gott erscheint die dräuende Gestalt 
des Teufels und der Dämonen. Wie dankbar bin ich 
meiner Mutter, die mir auf meine Frage „Mutter gibt es 
Teufel?" die Antwort gab: „Es gibt keine Teufel! Böse 
Menschen sind Teuf eil" 

Freilich die Menschen benötigen den Teufel, um sich 
vor sich selbst zu entschuldigen. Ihre eigenen bösen Ge- 
danken sind dann das Werk des Teufels. Soll das Kind 
nicht früh lernen, daß wir Gott und den Teufel in unserer 
Brust tragen und daß es unsere Aufgabe ist, den Teufel zu 
erkennen und ihn zu verjagen? Haben Sie in Ihren Kindern 
eine böse Regung erkannt, so dürfen Sie nicht schelten und 
tadeln, sondern Sie müssen belehren und das Kind muß 
fühlen, daß Sie es verstehen und ihm im Kampfe gegen 
den Teufel beistehen wollen. So können Sie das Kind zu 

134 



< 



einem innerlich freien Menschen ohne Schuldbewußtsein 
erziehen. Deshalb darf Sie das Kind menschlich sehen, 
es soll Sie nicht als Muster aller Tugenden betrachten. 
Ich habe einmal gesagt: „Lieben heißt die Fehler seines 
Partners lieben." 

Die Kinder sollen die Eltern als Menschen 
und nicht als Götter verehren. 

Verlangen Sie von Ihren Kindern keine 
Dankbarkeit! 

Sie haben die Kinder in die Welt gesetzt und sind 
verpflichtet, sie zu ernähren und zu erziehen. Säen Sie 
den Samen der Liebe und des Vertrauens und er wird 
reiche Früchte tragen. Aber um Himmels willen nicht 
den Kindern vorhalten, was für gute Eltern sie haben und 
wie dankbar sie dafür sein müßten. 

Ich habe eine „höllische" Freude gehabt, als ich ein- 
mal das Lied Dehmels an seinen Sohn gelesen habe: „Und 
wenn einmal von Sohnespflicht, — zu dir dein greiser 
Vater spricht, — gehorch ihm nicht! Gehorch ihm nicht!" 

Nein, wir vernünftigen Eltern wollen keinen blinden 
Gehorsam. Wir wollen Verständnis und Anerkennung da- 
für, daß wir unsere Kinder nic'ht nach unserem Willen 
vergewaltigt haben. Auf diesem Nährboden wächst die 
schönste Blume der Menschheit: Die dankbare Kindesliebe, 
die sich ohne unsere Ermahnungen spontan in über- 
quellender Liebe zur sc'hönsten Blüte entfaltet. 

Viele Grüße 

Ihr getreuer 

Dr. W. St. 






■ 









t35 



' 



. 



•i 






XIV. 

Liebe Freundin! 

Sie kommen nochmals auf das Thema der Gleich- 
geschlechtlichkeit (Homosexualität) zurück. Ihr Knabe hat 
Ihnen gestanden, daß er sich wünscht, er wäre ein Mäd- 
chen, weil es die Mädchen besser haben. So war seine 
kindische Motivierung. Er möchte auch gerne mit den 
Puppen des Schwesterchens spielen und wünscht sich 
eine Menge großer Puppen, die ihm allein gehören. Sie 
haben offenbar etwas zuviel des Guten mit Ihrer Kleinen 
getan und der Knabe fühlte sich vernachlässigt. Deshalb 
muß er aber kein Homosexueller werden. Eine zielbe- 
wußte, richtige Erziehung wird ihn schon in das rechte 
Geleise bringen. 

Sie möchten nun ein Beispiel kennenlernen, wie man 
zum Homosexuellen wird. Ich habe Ihnen schon mit- 
geteilt, daß ich nun auf eine stattliche Reihe geheilter Fälle 
zurückblicke. Vielleicht teile ich Ihnen die Erfahrungen 
des letzten Falles mit, der mir am frischesten vor Augen 
steht: 

Der nun 37jährige Ingenieur Marholm (so wollen wir ihn 
nennen) sucht mich auf, um sich von seiner Homosexualität 
heilen zu lassen. Er hat gar kein Interesse für Frauen- nur 
schone etwas jüngere Männer reizen ihn. Er bietet keineswegs 
das Dekanate Bild, das die verweichlichten und verweiblichten 
Männer dieser Richtung so oTt unsympathisch und lächerlich 
macm. Hr ist ein Vollmann im besten Sinne des Wortes kennt 
dieAngst nicht, hat den Weltkrieg als Offizier überstanden, ohne 
je lodesfurcht gezeigt zu haben, obwohl er wiederholt im dichte- 
sten Irommelfeuer stand. Er ist wohlgebaut und das, was man 
einen schönen Mann nennt. Er wurde als der dritte Knabe einer 
kinderreichen, aber armen Familie geboren. Nach ihm kam 
wieder ein Knabe und später zwei Mädchen, das erste um vier, 
das zweite um acht Jahre jünger. Erziehungsfehler gab es die 
schwere Menge, aber zum Teil durch das enge Milieu bedingt. 
Marholm war zehn Jahre alt und hörte, wie der Vater, der aus 
dem Wirtshause gekommen war, sich der Mutter nähern wollte. 

133 






Die Mutter lehnte die Zärtlichkeit ab und schützte Müdigkeit 
vor, worauf der Vater ihr Vorwürfe machte: sie hätte ihn nie 
geliebt, sie sei immer kalt geblieben, er hätte in dieser Ehe nichts 
als Kummer und Sorge gehabt. — Diese Szene hat sich für 
ewig in das Gehirn des Knaben eingegraben. Der Mann arbeitet, 
plagt sich, wirbt um Liebe, und wird trotzdem kalt zurück- 
gewiesen. Dazu kam, daß der Knabe als Kindermädchen ver- 
wendet wurde. Er mußte die jüngeren Schwestern wiegen, 
herumtragen, sie behüten, sogar den Kinderwagen durch die 
belebten Straßen schieben. Er haßte damals seine Schwestern. 
Später meldete sich der Haß in verdrängter Form als Angst, er 
könnte den Schwestern etwas antun, er könnte sie aus dem 
Fenster fallen lassen usw. ... Er machte auch seiner Mutter Vor- 
würfe, sie liebe die Töchter mehr als die Söhne. Er motivierte 
dies in lächerlicher Weise: Er müsse schon in die Schule gehen 
und die Schwestern könnten zu Hause bleiben. 

Aber die entscheidende, sein Leben und seine geschlechtliche 
Richtung beeinflussende Szene erfolgte, als er 14 Jahre alt war. 
Um diese Zeit machte er eine fromme Periode durch, wollte 
Geistlicher werden und kämpfte mit mehr und weniger Erfolg 
gegen seine Selbstbefriedigung. Eines Tages war er mit der zehn- 
jährigen Schwester allein im Zimmer. Sie legten sich beide ins 
Bett und führten allerlei Spiele auf. Am nächsten Tage wurde er 
von Reue gefoltert. Er kam sich wie ein arger Sünder vor, hielt 
seiner Schwester vor, es wäre sündhaft gewesen, was sie getan 
hätten, und es dürfe nicht wieder vorkommen. Allein schon 
zwei Tage später versuchte er das gleiche Spiel bei der sechs- 
jährigen Schwester. Sie schrie auf und er ließ von ihr ab. Er 
war nun von Furcht gefoltert, sie könnte den Eltern verraten, 
was er versucht hatte. Er warf sich in tiefster Zerknirschung 
vor dem Marienbild nieder und schwur bei allem, was ihm 
heilig war, er werde die Schwester nie mehr mit sündhaften 
Augen betrachten. Diesen Schwur hat er auch gehalten. Aber 
mit dem Bilde der Schwestern versank für ihn der Reiz des 
ganzen weiblichen Geschlechtes und — er wurde ein Homo- 
sexueller. 

Sie können aus dieser Kindertragödie lernen, daß die 
sozialen Verhältnisse (Zusammenschlafen von Eltern und 
Kindern in einem Räume) viel Schuld tragen an dem Un- 
glück von Menschen. Doch auch in wohlhabenden Fami- 
lien kommen ähnliche Tragödien vor, wenn die Eltern 
töricht sind und die Kinder nicht genügend überwachen. 

Eine erotische Bindung an die Schwestern kommt bei 
Knaben außerordentlich häufig vor, eine ähnliche Bin- 
dung von Schwestern an die Brüder — als Wurzel einer 
späteren Liebesunfähigkeit und Liebesstörung. Sie haben 
es in der Hand, durch Vermeidung der Erziehungsfehler 

137 



diese Bindung auf das natürliche Maß zu reduzieren. 
Daher keine gemeinsamen Bäder, keine Morgenspiele in 
den Betten, die scheinbar harmlos sind und doch schwer- 
wiegende Folgen haben können. 

Besser ein Zuviel in dieser Hinsiciht als ein 
Zuwenig ! 

Sie haben Ihrer Freundin meine Ansicht über die 
ledigen Kinder mitgeteilt. 1 ) Sie läßt sich von ihrem Vor- 
haben nicht abbringen. Sie will unter allen Umständen ein 
Kind als Zeichen und Beweis ihrer Liebe mit einem 
verheiraten Mann, der sich von seiner Familie nicht 
trennen kann. Bitte, warnen Sie sie noch einmal. Viel- 
leicht darf ich Ihnen eine Zuschrift mitteilen, die ich 
vor einigen Tagen erhalten habe: 

Mit Interesse verfolge ich Ihre „Briefe an eine Mutter" im 
Wendepunkt und gestatte mir, Ihnen im Anschluß an Ihren vor- 
letzten Brief an eine Frau, die sich ein Kind außer der Ehe 
wünscht, kurz etwas aus meinem Leben zu erzählen. Wenn es 
auch nicht so stilgerecht und gelehrt herauskommt, — Sie werden 

es doch verstehen. 

Ich wurde als außereheliches Kind geboren. Meine Mutter 
war Fabrikarbeiterin, hatte das Eheversprechen von meinem 
Vater erhalten und ein großer Teil der Aussteuer war bereit. 
Kurz vor der Heirat gründete mein Vater ein eigenes Geschalt, 
brauchte dazu Geld und nahm sich aus diesem Grunde eine 
Frau mit Geld. Meine arme Mutter ließ er sitzen. Seine Ehe war 
eine unglückliche. Sein einziges Kind starb siech und welk. Seine 
Frau konnte ihm weder Frau noch Mutter sein. Das Leben 
meiner armen Mutter aber war vergiftet. Sie nahm all das 
Schwere, das ihr die Liebe zu meinem Vater eintrug, heldenmütig 
auf sich, arbeitete weiter, nicht nur wie bisher für ihre alten 
Eltern, sondern auch noch für ihr Kind. Mir konnte sie nicht 
die Mutterliebe geben, wie ich sie meinen Kindern gegenüber 
jetzt empfinde. Es machte ihr Freude, mich nach ihrem Begriff 
nett anzuziehen und am Sonntag mit mir spazieren zu gehen 
und mich als schönes Kind bewundern zu lassen. Meine Groß- 
eltern betrachteten mich erst als Eindringling. Meine Großmutter 
änderte mit den Jahren ihr Benehmen und schenkte mir ihre 
ganze Liebe. Mein Großvater dagegen konnte es mir nie ver- 
zeihen, daß ich an seinem Tisch essen müßte und noch heute 
tönen mir harte Worte wie „De chaibe Balg mueß mer au no 
d'Milch suufe" 9 ) usw. in meinen Ohren. 

*) Vgl. oben Brief XI (Seite 113 ff.). 

a ) Schweizer Dialekt. Auf Hochdeutsch: „Der verfluchte Balg 
muß mir noch die Milch wegtrinken". 

138 



Schon ganz früh begannen meine Leiden. Ich vermißte den 
Vater, wie ihn alle anderen Kinder hatten und getraute ich mich 
doch nicht, nach ihm zu fragen. Gar bald wurde mir von andern 
Kindern Auskunft über mein Verhältnis gegeben. Was da 
meine Kinderseele lange Jahre für Qualen aus- 
stand, dafür gibt es keine Worte! Überall war ich das 
verachtete, schlechte Geschöpf, das man nach Herzenslust quälen 
konnte; wurde irgend etwas Böses getan, so hatte man bald mich 
als den Sündenbock herausgefunden. Im Anfang wehrte ich 
mich, mein Gerechtigkeitsgefühl empörte sich gegen jede Zu- 
mutung, später wurde ich des Kampfes müde und gar oft gestand 
ich eine Tat zu, die ich nie begangen hatte, nur um wieder Ruhe 
zu haben nach Empfang der Strafe. 

So wurde ich 12 Jahre alt und kam dann zu einem Lehrer, 
der sich Mühe gab, mich zu verstehen. Er verstand es, mein 
Selbstvertrauen zu wecken und alles Gute zu entwickeln, das 
unter meinem Trotz und Schmerz verborgen war. *Liebevoll und 
gut behandelte er das „verschupfte" Kind, nahm sich seiner 
auch an, als es wie seine Mutter in eine Fabrik gehen sollte. Er 
nahm sich die Mühe, mir Unterricht in der französischen 
Sprache und in Stenographie zu geben, so daß ich eine kauf- 
männische Lehre in einem Großbetrieb bestehen konnte. 

Als größeres Schulmädchen litt ich schon sehr unter der 
Schande, ein außereheliches Kind zu sein. Wie oft habe ich 
mich in einem Winkel verborgen und mir laut weinend den Tod 
als Erlösung von meinem Kinderleid gewünscht! Gegen meinen 
Vater, den Urheber all meines Elendes, steigerte ich mich m 
einen solchen Haß, daß ich ihn kaltblütig hätte erwürgen können. 
Alle diese Kämpfe und diese Leiden trug ich jahrelang mit mir 
herum, ohne daß jemand darum wußte. Auffallend war es, wie 
ich mich immer wieder gegen alles wehrte, was schlecht und 
unrein sich an mich heranmachen wollte. Ein einziger Gedanke 
beschützte mich: wenn du auch verachtet bist, so bist du 
doch in jeder Beziehung tadellos. 

Ich mochte 14—15 Jahre alt sein, als ich meiner Mutter 
meinen Vaterhaß und von meiner Mutter Verachtung gestand. 
Einige Augenblicke stand meine Mutter wortlos wie zu Stein 
erstarrt. Ich hatte sie nicht nur überrascht, ich hatte ihr auch 
sehr, sehr weh getan! Noch heute bereue ich meine Härte von 
dazumal! Dann nahm sie meine beiden Hände und sagte, ruhig 
(unbeschreiblich gut und schön war sie in jenem Augenblick): 
„Sieh, mein Kind, du hast viel Schweres zu tragen, aber deinem 
Vater tust du Unrecht; er hat sich vom Geld umgarnen lassen 
und er hat es schon bald büßen müssen. Wenn du glaubst, mich 
verachten zu müssen, so kann ich dir heute nur so viel sagen: 

„So wie ich deinen Vater hebte, als ich ihn kennenlernte, 
so liebe ich ihn noch heute. Ich habe ihm längst verziehen, 
was er mir angetan hat und auch du, mein Kind, wirst verzeihen 
lernen, wenn du einmal verstehst, was Frauenliebe ist." 

Damals konnte ich nicht alles von diesen Worten verstehen, 
nur das wußte ich, daß ich meiner Mutter Unrecht getan hatte. 

Ober die Worte habe ich gar viel nachgedacht, habe ein- 
gesehen, wie edel meine Mutter handelte und habe mir vorge- 
nommen, es ihr gleichzutun. Es brauchte zwar noch lange 

139 



Zeit, bis ich gegen meinen Vater keinen Haß mehr hegte und 
eines Tages war ich so weit, daß ich das Grab desjenigen, der 
mir so sehr weh getan hatte, aufsuchen konnte. Ich schmückte 
es mit einem Blumenstock mit den Worten: „Vater, lieber Vater, 
dein Kind bringt dir den ersten Gruß." Hinter diesem Erlebnis 
birgt sich ein Ringen, ein Kämpfen, ein Siegen, groß, schwer, aber 
unendlich schön! 

Den Haß und jeden lieblosen Gedanken gegen diejenigen* 
die mir das Leben gegeben, konnte ich überwinden, noch nicht 
aber den Gedanken, unwillkommen auf die Erde gekommen, 
unwillkommen überhaupt da zu sein. Auch in meiner Ehe muß 
ich mich immer und immer wieder gegen den Gedanken wehren, 
von meinem Mann nur geduldet zu sein. Passiert etwas Wider- 
wärtiges im Geschäft, so bin ich sofort versucht, die Schuld 
bei mir zu suchen und auch zu finden. So ziehe ich an einer 
Kette mein Leben lang, die ich nie mehr los werden kann. Ich 
wehre mich zwar tapfer gegen diese schwarzen Gedanken meinen 
Kindern zu lieb, denen ich eine sonnigere Jugendzeit schaffen 
möchte, als ich sie gehabt habe. Es ist aber ein harter Kampf, 
der zermürbt. Höre ich heute von einem Kindlein, das außer- 
ehelich geboren wird, dann flüchte ich mich noch jetzt in die 
Stille eines Zimmers und weine heiße Tränen um das arme Ge- 
schöpf, dem so viel Elend beschieden sein wird . . . 

Ich habe diesem erschütternden Geständnis nichts 
hinzuzufügen. Wieder können Sie daraus die Grausamkeit 
der Kinder kennenlernen, die einem armen unehelichen 
Kinde seine Abstammung vorhalten und es zum Sünden- 
bock der ganzen Schule machen. Vor einigen Tagen war 
in der Zeitung zu lesen, daß sich ein dreizehnjähriger 
Knabe das Leben genommen habe, weil ihm seine Mit- 
schüler vorhielten, daß sein Vater ins Gefängnis ge- 
kommen sei. 

Hier eröffnet sich den Lehrern und Bildnern der 
Jugend ein reiches Feld fruchtbarer Tätigkeit. Hoch klingt 
das Lied vom braven Mann! Ein nachträgliches Hoch 
dem gütigen Lehrer, der sich des vorerwähnten unehe- 
lichen Kindes angenommen, es ohne Entlohnung unter- 
richtet und einem freundlicheren Lose zugeführt hat! So 
lange es so edle Lehrer gibt, dürfen wir an der Zukunft 
der Kinder und der Menschheit nicht verzweifeln! 

Da ich schon bei dem wichtigen Kapitel Schule an- 
gelangt bin, möchte ich auf eine häufige Unsitte auf- 
merksam machen. Ich bin gegen alle Strafsysteme. Die 

140 



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Strafe hat noch nie einen Menschen gebessert. Aber wenn 
der Lehrer schon unzufrieden ist, muß er noch von dem 
Kinde verlangen, daß es von den Eltern die Bestätigung 
bringt, es habe ihnen seine Missetaten und Bestrafung ein- 
gestanden? Das Kind hat also eine doppelte Strafe zu 
fürchten: die in der Schule und die im Elternhaus. Wer 
die traurige Statistik der Kinderselbstmorde verfolgt, der 
schaudert vor Entsetzen zurück, wenn er an die Seelen- 
qualen denkt, die das Kind mitmacht, wenn es aus Angst 
vor der Strafe in den Tod geht. Viele Kinder werden beim 
Selbstmord von Rachemotiven beherrscht. Die Eltern 
sollen sehen, wie unrecht sie dem Kinde getan haben und 
ewig daran denken . . . Freilich werden Sie fragen, wie soll 
sich der Lehrer helfen, wenn er sieht, daß das Kind faul 
ist, nicht aufmerkt, oder wenn es schlimme Streiche an- 
stellt? Nun der Lehrer soll eben in unserer Zeit ein Psycho- 
loge sein und soll wissen, daß das Kind nicht aufmerken 
kann, weil seine Gedanken in eine andere Richtung abge- 
lenkt werden. Ich war lange Zeit ein schlechter, unauf- 
merksamer, fauler Schüler. Warum? Weil mich der Zu- 
fall und das Leben zu früh mit dem sexuellen Problem be- 
kannt gemacht hat. Nun — es hat mir später nicht ge- 
schadet, ich bin vielleicht deshalb Sexualforscher geworden 
und habe alle meine Kollegen überholt, die damals Muster- 
kinder waren. Zweimal habe ich sitzen bleiben müssen 
und war so schlimm, daß ich sogar zu einem Schuster in 
die Lehre gegeben wurde. Aber ich wurde zu Hause nicht 
gestraft, mein Mütterchen hatte Geduld und viel, unendlich 
viel Liebe und Klugheit, und so bin ich schließlich einer 
der besten in der Klasse geworden, besonders als man das 
Ermahnen und Anhalten aufgegeben hat. 

Das faule Kind gibt Eltern und Lehrern viel zu 
schaffen. Mein Freund A. S. Neill, der bekannte englische 
Kinderfreund und Pädagoge, hat ein anregendes Buch über 
die Behandlung von Kindern geschrieben, das er „The 

141 






Problem Child" 1 ) betitelt. Ein eigenes Kapitel ist dem 
faulen Kinde gewidmet. Er beginnt es mit den Worten: 
„Ein faules Kind gibt es nicht. Was wir Faulheit nennen, 
ist entweder Mangel an Interesse oder Mangel an Gesund- 
heit. Ich habe bisher noch nie ein faules Kind gesehen. 
Ein gesundes Kind kann gar nicht faul sein; es muß sich 
den ganzen Tag lang irgendwie beschäftigen." Und nun 
führt er aus, daß es Sache der Lehrer ist, das Interesse 
der Kinder zu erregen. „Ich las neulich, daß ein tanzendes 
Paar, das den ganzen Abend ohne Unterbrechung das 
ganze Tanzprogramm absolvierte, einen Weg von 25 (eng- 
lischen!) Meilen zurücklegt. Die beiden Tänzer zeigen gar 
keine oder nur wenig Müdigkeit, weil sie die ganze Zeit 
am Tanze Vergnügen empfinden, es sei denn, daß sie nicht 
zusammen Takt halten können. Das vormittags „faule" 
Kind kann beim Fußballspiel am Nachmittag viele Meilen 
rennen. Die Schule sollte einfach das Leben des Kindes zu 
einem Spiele umgestalten. Ich meine nicht, daß dem Kinde 
rosige Wege geebnet werden sollen. Würde man dem Kinde 
alles leicht machen, so wäre es verhängnisvoll für seine 
Entwicklung. Aber das Leben bietet an und für sich so 
viele Schwierigkeiten, daß die künstlichen Schwierigkeiten, 
die wir dem Kinde bereiten, überflüssig sind." 

Damit hat Neill nur einen Teil des Problems ge- 
streift. Das faule Kind ist ein Tagträumer, das so in seine 
Phantasien versunken ist, daß es dem Stoff der Schule 
kein Interesse entgegenbringen kann. Ein Teil dieser Phan- 
tasien sind Ehrgeizträume, die seinen Machthunger be- 
friedigen sollen, aber ein anderer Teil kann schon durch 
früh erwachtes Geschlechtsleben bedingt sein. 

Hier muß die pädagogische Kunst der Eltern und 
der Lehrer eingreifen. Das Kind muß interessiert und 
beschäftigt, es muß aus der Welt der Tagträume mit 
sanfter Hand in die der Wirklichkeit geführt werden. Es 






!) Erschienen im Verlag Robert Mc. Bride & Comp., New 
York. 



142 












I 



ist besonders das einsame Kind, das einzige Kind, das 
leicht zum Tagträumer wird. Kinder brauchen Gespielen 
und brauchen Spiele. Oft wird die Aussprache des ver- 
nünftigen Vaters oder eines Psychologen genügen, wobei 
vermieden werden muß, das Schuldgefühl und Minder- 
wertigkeitsgefühl des Kindes anzuregen oder gar zu 
steigern. 

Oft ändert sich das Benehmen des faulen Kindes, 
wenn ihm der Lehrer (statt es zu tadeln) Aufmerksamkeit 
und Liebe schenkt. Wie ich schon ausgeführt habe, kann 
die Faulheit eine Trotzreaktion des Kindes sein, weil es 
sich für nicht genug geliebt und für ungerecht behandelt 
hält. Immerhin — jedes faule Kind ist ein Problem und 
fordert uns heraus, das Vertrauen des Kindes zu gewinnen 
und die Ursachen seiner Faulheit zu erforschen. Je älter 
das Kind wird, desto mehr schließt es sich von den Eltern 
ab und bildet seine eigene Welt. Und die Pubertät ist dann 
die große Krise im Leben des Kindes, in der sich sein 
Schicksal entscheidet. 

Doch ich greife den Themen der künftigen Briefe 1 ) 
vor. Ich hoffe, Sie haben das Eine gelernt, daß Tadel und 
Strafe nicht bessern. Das Kind benötigt Verständnis. 

Die Welt des Kindes und die Welt der Großen sind 
grundverschieden. Wir Erwachsenen machen oft den 
Fehler, unsere Gedanken bei dem Kinde vorauszusetzen, 
statt uns in die Gedankenwelt des Kindes einzufühlen. 

Das Kind lebt in einer Welt der Wunder, in der Alles 
belebt ist. Nur langsam gewöhnt es sich, die Welt als 
Wirklichkeit zu sehen. Erziehen heißt, das Kind mit 
sanfter Hand aus der Welt der Träume in die der Realität 
hinüberzuleiten. 



x ) Diese werden ebenfalls in der Zeitschrift „Der Wendepunkt 
im Leben und im Leiden" erscheinen und das entscheidende Alter 
der Pubertät besprechen. Nach Abschluß dieses 3. Teiles sollen 
auch diese Briefe in einem Wendepunktbuch als Teil III der 
„Briefe an eine Mutter" zusammengefaßt werden. 



143 









144 



1 



Dieser Übergang ist für viele Kinder eine schwere 
Krise. Das holde Märchen entschwindet und Frau Sorge 
pocht an die Türe. Lebenskunst bedeutet, das Wunder im 
Alltag zu finden. Die Welt ist schön, wenn wir sie mit den 
Augen des Dichters sehen. In jedem Kinde schlummert 
der Keim zu einem Dichter. Dichter sein heißt ein Kind 
im besten Sinne des Wortes bleiben. Wenn es Ihnen, liebe 
Freundin, gelingt, das „Kindische im Kinde" so zu behan- 
deln, daß das „Kind im Erwachsenen" erhalten bleibt, 
wenn Sie es verstehen, den Sinn für das Wunder im Natür- 
lichen zu erhalten, ohne das Übernatürliche überwuchern 
zu lassen, wenn Ihr Kind das Gute und Schöne aus Freude 
am Guten und Schönen liebt, dann, nur dann sind Sie 
eine wirkliche Mutter gewesen. Dann tragen Sie die 
strahlende Krone der Mütterlichkeit, deren 
Schein die fernsten Tage Ihres Kindes erhellen 
wird . . . 

Mit herzlichen Grüßen 

Ihr getreuer 

Dr. W. St. 



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